Eskalation in letzter Minute abgewendet: So gelang der Kompromiss bei VWEuropas grösster Autobauer hat eine Blockade vermieden, gesichert ist seine Zukunft deshalb noch lange nicht. Wie es zur Einigung kam – und wie es nun weitergeht.Cornelius Welp, Frankfurt04.09.2026, 16.42 Uhr5 LeseminutenDie Unruhe im VW-Werk in Wolfsburg war grossMoritz Frankenberg / DPAAls sich die acht Mitglieder des Präsidiums des Aufsichtsrats von Volkswagen am Donnerstag in Wolfsburg zu ihrer Sitzung versammeln, geht es um fast alles. Der Ausschuss ist so etwas wie der innerste Zirkel des Kontrollgremiums, ihm gehören die wichtigsten Vertreter der wichtigsten Interessengruppen an. Neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Dieter Pötsch sind das die Grossaktionäre Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies, die IG-Metall-Chefin Christiane Benner und die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie wollen die für den nächsten Tag geplante Sitzung des gesamten Kontrollgremiums vorbereiten. Aber sie wissen auch, dass sie eine drohende Blockade noch verhindern können. Dass eine Einigung möglich ist, die Europas grössten Industriekonzern grundlegend verändern wird. Damit hat kaum noch jemand gerechnet.Zu verhärtet scheinen die Fronten, zu weit liegen die Positionen auseinander. Dem Autobauer, bei dem Konflikte schon immer heftiger ausgetragen wurden als anderswo, droht deshalb eine beispiellose Zerreissprobe. Ausgelöst hat diese ein vom Management um den Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume ersonnener «Zukunftsplan 2030». Dieser sieht Einschnitte vor, die Politik und Arbeitnehmervertreter für absolut inakzeptabel halten. Und die sie anscheinend mit aller Kraft verhindern wollen.Am Mittwochabend zeichnet sich ein Kompromiss abDa sie zusammen über eine klare Mehrheit im Aufsichtsrat verfügen, ist das ohne weiteres möglich. Die Folge wäre jedoch wenigstens eine gefährliche Blockade. Es droht sogar eine unkontrollierbare Eskalation, weil der Vorstand eine ausserordentliche Hauptversammlung einberufen könnte. Mit den Stimmen der Aktionäre könnte er das Votum des Kontrollgremiums umgehen. Um das zu verhindern, führt Pötsch immer wieder Gespräche mit allen Beteiligten. Lange verlaufen sie ergebnislos. Am Mittwochabend zeichnet sich jedoch ab, dass ein Kompromiss möglich ist.Um das Momentum nicht zu gefährden, wird die Sitzung des gesamten Kontrollgremiums von Freitag auf Donnerstag vorgezogen. Zu dem Treffen im Anschluss an die Zusammenkunft des Präsidiums reisen einige der übrigen zwölf Aufsichtsräte persönlich in Wolfsburg an, andere werden zugeschaltet. Es wird noch einmal debattiert, es wird an Nuancen gefeilt. Dann aber ist die Einigung da. Um 20 Uhr 44 verschickt der Konzern eine Mitteilung, deren Überschrift ein «starkes Signal für die Volkswagen Group» vermeldet.Der Vorstandschef Blume kann sich als Gewinner fühlenDer nun gefundene Kompromiss sichert noch nicht die Zukunft des Konzerns. Dafür sind die äusseren Umstände zu unsicher, dafür sind zu viele interne Details offen. Aber er beweist zumindest, dass die Führung des Unternehmens handlungsfähig ist. Dass sich die Interessengruppen bei allen Differenzen zusammenraufen können. Vor allem der Vorstandschef Oliver Blume kann sich als Gewinner fühlen. Trotz einigen Anpassungen im Detail ist das Gremium seinen Plänen weitgehend gefolgt.Danach sah es noch vor wenigen Tagen überhaupt nicht aus. Vor einer Betriebsversammlung in der Halle 11 des Wolfsburger Werks hatten Mitarbeiter der Arbeitssicherheit nach Medienberichten vorsorglich Ohrstöpsel auf die für die Vorstände reservierten Plätze gelegt. Sie sollten sie schützen, wenn das erwartete Pfeifkonzert zu laut würde. Die Manager nutzten sie nicht, obwohl die mehr als 10 000 Anwesenden ihren Unmut klar und deutlich zum Ausdruck brachten.Die schwache Nachfrage wird einen weiteren Stellenabbau zur Folge haben.Christopher Neundorf / EPAEr richtete sich vor allem gegen den anwesenden Blume, der mit seinen Erläuterungen allenfalls bedingt zu seinen Arbeitern und Angestellten durchdrang. Und dem die Betriebsratschefin Cavallo attestierte, einen grossen Teil des ihm entgegengebrachten Vertrauens verspielt zu haben. Es war einer von mehreren Auftritten Blumes, bei denen das Millionengehalt eines Topmanagers auch Schmerzensgeld ist.«Die Nachteile sind vorhanden», sagt die IG MetallBesonders gross war der Widerstand gegen die mögliche Schliessung der Werke in Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau. Die Einigung im Aufsichtsrat entscheidet deren Schicksal nun nicht. Das Gremium, so heisst es in der Mitteilung, habe jedoch zur Kenntnis genommen, dass derzeit «keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 gewährleistet werden kann». Deshalb würden nun parallel und ergänzend alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft.In Betracht kommt etwa eine Nutzung für militärische Erzeugnisse, womöglich könnte auch ein chinesischer Hersteller die Fabriken nutzen. Möglich wäre auch, dass VW einen Teil der Fertigung eines derzeit in China produzierten Modells nach Deutschland verlagert. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass an den Standorten wie bisher Autos gebaut werden.Dafür müssten allerdings die Kosten nochmals sinken. «Die Nachteile sind vorhanden und bis jetzt noch derart gross, dass in anderen Unternehmen gar keine Debatte mehr über einen Fortbestand der Werke geführt werden würde», heisst es sogar in einer Mitteilung der IG Metall. Bei Volkswagen bleibe zumindest die Tür dafür geöffnet. Wirklich geschlossen war sie nie. Der Vorstandschef Blume hatte mehrfach betont, dass das Aus eines Werkes die «letzte und schlechteste Konsequenz» sei.Dass die Standorte überhaupt zur Disposition stehen, ist eine Folge der hohen Kosten in Deutschland. Ein weiterer Grund ist die deutlich gesunkene Nachfrage. VW rechnet damit, künftig jährlich wie zuletzt nur noch 9 Millionen Autos zu verkaufen, vor der Corona-Pandemie ab dem Jahr 2020 waren es rund 12 Millionen. Die Werke sind deshalb schlecht ausgelastet. Allein in Europa liegt die Überkapazität derzeit bei rund 500 000 Fahrzeugen im Jahr.Die schwache Nachfrage wird auch einen weiteren Stellenabbau zur Folge haben. «Angesichts des zunehmenden globalen Wettbewerbsdrucks, veränderter Nachfragestrukturen und des technologischen Wandels in der Automobilindustrie ist eine konsequente Anpassung der Personalkapazitäten an die wirtschaftliche Realität unabdingbar», heisst es in der Mitteilung von VW.Bis 2030 dürften konzernweit weitere 50 000 Arbeitsplätze entfallen, ein bereits seit 2024 laufendes Programm sieht eine ähnliche Grössenordnung vor. Die IG Metall verweist darauf, dass es sich dabei bis jetzt nur um eine «Rechengrösse» handelt. Das hatte der Chef Blume allerdings auch wiederholt betont. Die Details sollen nun in den kommenden Monaten verhandelt werden.Gerade die Vertreter der Gewerkschaft haben sich bei den Verhandlungen deutlich bewegt. Das stellen sie selbst als grosses Verdienst heraus. «Die Arbeitnehmerseite hat gemeinsam mit dem Land Niedersachsen in dieser Situation einmal mehr Verantwortung übernommen, eine gefährliche Eskalation des Konflikts verhindert und den Weg für tragfähige Lösungen geebnet», heisst es in einer Mitteilung. Der Konfrontationskurs und die Kommunikation des Vorstands in den vergangenen Wochen seien dagegen «nicht zielführend» gewesen. Beides habe konzernweit in der Belegschaft zu «grosser Verunsicherung» geführt.Ohne den Aufsichtsratschef Pötsch wäre die Einigung wohl kaum zustande gekommen. Er agiert bevorzugt im Hintergrund, ist im Konzern bestens vernetzt und geniesst das Vertrauen aller Beteiligten. Als früherer Finanzvorstand kann er zudem detailliert darlegen, wie sich die wirtschaftliche Lage und die Perspektiven des Konzerns entwickeln. Als der Vertrag des 75-Jährigen Mitte des Jahres noch einmal bis 2031 verlängert wurde, schien er vielen Beobachtern dennoch nur eine Notlösung zu sein. Das könnten sie nun anders sehen.Passend zum Artikel