Eine Insel spielt VersteckenIm grössten Stausee British Columbias filmt ein Bootsfahrer eine bislang unentdeckte Insel. Doch so plötzlich, wie diese aufgetaucht war, verschwindet sie auch wieder – um kurz darauf woanders zu erscheinen. Was ist da los in Kanada?04.09.2026, 15.16 Uhr4 LeseminutenPlötzlich war sie da: die schwimmende Insel im Williston-See in Kanada.Rocky Avery FacebookRocky Avery konnte noch Tage später seine Verblüffung nicht zurückhalten. Eine Insel? Bewaldet? 140 Meter lang und 70 Meter breit? «Ein wirklich beeindruckender Anblick», schrieb er in seinem Facebook-Post. Seit mehr als vierzig Jahren fährt der Kanadier aus British Columbia mit seinem Boot auf den Williston-Stausee hinaus. Hier gibt es Regenbogenforellen, Rotlachse, Hechte, aber schwimmende Inseln? So etwas habe er sein Leben lang nie gesehen, erklärte Avery dem kanadischen Sender CBC News und schickte sein Video ein. Fast 1,5 Millionen Mal wurde es mittlerweile auf Youtube geklickt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Siehe da: In der Tat erhebt sich eine dichtbewaldete Fläche im grössten Stausee der Provinz, 20 Mal so gross wie der Zürichsee. Sie schwebt regelrecht über das tiefblaue Wasser. Auch andere Fischer beobachteten die Insel, die bis anhin niemand gesehen hatte. Auf den Karten der Welt ist sie nicht verzeichnet.Sie taucht auf, sie verschwindetErstaunt über ihre Entdeckung – wer bitte entdeckt heutzutage noch unerschlossenes Neuland? –, meldeten die Insel-Spotter ihren Fund dem lokalen Energieversorger B. C. Hydro. Die Mitarbeiter wischten die Aufregung der Fischer beiseite. «Alles KI-generiert», hiess es. Vielleicht hätten die Bootsfahrer auch eine Art Fata Morgana gesehen, getäuscht von Licht und Wasser und sonstigen Substanzen, lautete die Vermutung. Die Entdecker phantasierten sich einfach etwas herbei, im Williston-See gebe es keine solche Insel. Die Betreiber waren sich sicher. Fast.Zweifel liessen sie die Satellitenbilder nochmals genauer studieren. Sie mussten sich eingestehen: Die Insel existiert wirklich. Das war Ende Juli.Anfang August war die Insel wieder verschwunden. Suchtrupps auf Booten, in Helikoptern, Fischer und Touristen machten sich fast schon auf die Jagd nach der Insel. Als alle bereits aufgegeben hatten, tauchte sie wieder auf. 32 Kilometer nordwestlich von der Stelle, wo sie zuletzt erspäht worden war, schaukelte sie durchs Wasser, als wäre nichts geschehen. Hatte sie alle zum Narren gehalten? Verstecken gespielt?So kurios das Insel-Spielchen scheint, so einfach ist es aus naturwissenschaftlicher Sicht zu erklären. Dafür braucht es ein wenig Physik, ein bisschen Biologie und einen hohen Wasserstand. Letzteren gab es laut B. C. Hydro in den vergangenen Wochen wirklich.Die Physik also. Und das archimedische Prinzip. Genau, das ist die Sache mit dem schwimmenden Körper. Auch Schiffe halten sich auf dem Wasser, weil sie – der alte Grieche Archimedes hatte das Phänomen vor mehr als 2000 Jahren als Erster beschrieben – Wasser verdrängen und dadurch Auftrieb erhalten. Und weil die Dichte eines Schiffes geringer ist als die Dichte des Wassers, geht selbst ein Ozeanriese an der Wasseroberfläche nicht unter.Zugfeste Matte aus Pflanzen, Humus und TreibholzDie Insel, die Rocky Avery und all die anderen sahen, schwamm also tatsächlich im Stausee. Aber wo kam sie überhaupt her? Da müssen sich wohl über Jahrzehnte hinweg am Ufer des Sees Treibholz und Humus angesammelt haben. Pflanzen schlugen Wurzeln darauf, zumal viele Sumpf- und Wasserpflanzen ein spezielles Gewebe mit grossen Lufträumen besitzen. Um ihre eigenen Wurzeln unter Wasser mit Sauerstoff zu versorgen, verflechten sich diese Pflanzen zu einer dichten Matte. Extrem zugfest. Ist diese Matte stabil genug, siedeln sich Flugsamen an, und selbst Erlen oder Fichten gedeihen darauf.Die Bäume, Sträucher und Pflanzen wachsen zunächst am flachen Uferrand. Steigt aber der Wasserpegel an – wie im Williston-See geschehen –, erzeugt die Auftriebskraft viel Zug nach oben, und die Schicht reisst vom Ufer ab. Sie treibt mit den Wellen fort und geht erst dann unter, wenn die Bäume zu hoch werden und die unteren Torfschichten der Pflanzen-Humus-Treibholz-Matte verrotten. Der Auftrieb verschwindet, die so entstandene Insel sinkt ab.Einzigartig ist das Phänomen nicht. Die Uru zum Beispiel, ein indigenes Volk am Titicacasee in Peru, bauen aus Schilf extra schwimmende Häuser und Inseln und wohnen dort. Auf dem Loktak-See ganz im Osten Indiens, fast schon an der Grenze zu Myanmar, befindet sich gar der einzige schwimmende Nationalpark der Welt. Und im Lago di Posta Fibreno, knapp 120 Kilometer östlich von Rom gelegen, liegt eine fast kreisrunde, etwa 30 Meter breite schwimmende Insel aus Reet und Moos. Winde bringen sie seit der Antike dazu, sich praktisch im Kreis zu drehen.Die neu entdeckte schwimmende Insel in Kanada dagegen scheint eher kurzlebig zu sein. Nur wenige Tage schwamm sie vor Finlay Bay an der Ostseite des Sees herum, erfreute die Suchtrupps und ist nun schon wieder weg. Ob sie untergegangen ist oder sich doch irgendwo an einem der zahlreichen Ufer «niedergelassen» hat, lässt sich nicht auf Anhieb sagen. Ausgeschlossen ist es aber nicht, dass sie ihr Versteckspiel aufgibt und erneut Fischer verblüfft, irgendwo in den Weiten des Williston-Sees.Passend zum Artikel
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