Dem Star, den wir auf der Bühne bejubeln, schauen wir auch gern hinter die Fassade: Wie lebt er, und, vor allem, wen liebt er? Mehr oder weniger bereitwillig gewährt uns da mancher Einblicke. In der Superstar-Ehe von Beyoncé und Jay-Z werden Krisengerüchte schon mal durch Songzeilen befeuert („This Is Your Final Warning“), gleichwohl bleiben sie zusammen, obwohl sie es des Geldes wegen nicht müssten; beide sind Milliardäre. Es gibt sendungsbewusste Paare wie John Lennon und Yoko Ono und selbstzerstörerische, die so lange gemeinsam abstürzen, bis einer nicht mehr aufsteht, siehe Kurt Cobain und Courtney Love oder Amy Winehouse und Blake Fielder-Civil. Als seltenes Beispiel für eine skandalfreie Beziehung gilt die mehr als sechzig Jahre währende Liebe von Dolly Parton und ihrem Ehemann Carl Dean, die gewissermaßen das Merkel-Sauer-Modell pflegten, bei dem der Gatte fern des Rampenlichts sein Ding macht.Öffentlichkeitsscheu ist auch Mary Austin, die als Lebensliebe Freddie Mercurys gilt. Manchen mag das verwundern, ist der 1991 verstorbene Frontmann der britischen Band Queen doch die vielleicht größte Schwulenikone der Rockgeschichte: Unnachahmlich theatralisch betörte er das Publikum mit seiner Stimmgewalt und seiner Bühnenpersönlichkeit, ob androgyn mit wallendem Langhaar in den Siebzigern oder mit durch Schnauzer und Feinrippunterhemd grotesk überzeichneter Maskulinität in den Achtzigerjahren. Zu den Männern, denen Mercury sein Herz schenkte, zählten der Münchner Wirt Winfried Kirchberger und der irische Friseur Jim Hutton, mit unzähligen weiteren hat er wohl Affären gehabt; als einer der ersten berühmten Künstler starb er an den Folgen von Aids, er erlag mit 45 Jahren einer Lungenentzündung.Freddie Mercurys Beziehung mit Mary Austin jedoch war zeitlebens eine besondere; sie war auch eine romantische, und zwar über mehr als sechs Jahre. Am 6. September 1970 hatte der noch unbekannte Musiker die 19 Jahre junge Mary, die als Verkäuferin in einer angesagten Boutique in London-Kensington arbeitete, erstmals ausgeführt; Weihnachten 1973 verlobten sie sich. Zu einer Hochzeit aber kam es nie. Den Moment, der ihr Dasein als Paar beendete, haben Millionen Zuschauer in der Kinobiographie „Bohemian Rhapsody“ von 2018 miterlebt, und Mary Austin schildert ihn noch einmal in einem soeben veröffentlichten Buch: „Anfang 1977 hatte Freddie mir gesagt, er sei bisexuell, und meine Reaktion war: ,Nein, du bist schwul.‘“ In diesem Moment, schreibt Austin, „war die Beziehung, an die ich geglaubt hatte, vorbei“.„Für mich war es eine Ehe“Tatsächlich jedoch war es nur ein Teil von ihr. Austin blieb Mercury verbunden, nicht nur als seine Assistentin, die sie seit 1975 war, sondern auch als enge Freundin, ja, als mehr als das. „Alle meine Liebhaber haben mich gefragt, warum sie Mary nicht ersetzen könnten, aber das ist einfach unmöglich“, sagte Mercury 1985 in einem Interview. „Die einzige Freundin, die ich habe, ist Mary, und ich will niemanden sonst. Für mich war sie meine Lebensgefährtin. Für mich war es eine Ehe. Wir vertrauen einander, das reicht mir.“ Als Quasi-Ehefrau erbte Austin Mercurys im georgianischen Stil errichtete Kensingtoner Villa namens „Garden Lodge“, und ihr oblag es, seine Asche an einem unbekannten Ort zu verstreuen.Verlobte, Assistentin, Lebensfreundin, Hüteren des Erbes: Mary Austin heuteSophia SpringIhre Rolle als verschwiegene Hüterin des Mercury-Erbes verlassen hat Mary Austin nur zweimal. Einmal 2023, als sie einen Großteil der in der Garden Lodge angesammelten Memorabilien bei Sotheby’s versteigern ließ, was Erlöse von rund 46 Millionen Euro einbrachte; allein den silbernen Tiffany-Kamm für den weltberühmten Schnurrbart ließ sich jemand umgerechnet 176.000 Euro kosten. Obschon sich Austin mit der Auktion Jahrzehnte Zeit ließ, warf ihr mancher Freddie-Fan Ausverkauf vor.Ihr zweiter Schritt ins Licht erfolgt jetzt, zu Mercurys achtzigstem Geburtstag, mit ihrem Buch, das auf Deutsch „Ein Leben in Songs“ heißt. Die Inspiration waren Mercurys Manuskripte, welche Austin in der Garden Lodge entdeckt hatte: Worte, die zu Welthits wurden, niedergeschrieben zum Beispiel auf Notizzetteln einer Fluggesellschaft, und kunstvolle Skizzen des diplomierten Grafikdesigners. Beides wird ergänzt durch episodische Erinnerungen Austins, deren Version bisweilen von der bisherigen Pop-Geschichtsschreibung abweicht; das Gespräch mit Mercury über seine Sexualität etwa war von Hobby-Historikern auf 1975 oder 1976 datiert worden.Manuskript zu „Love of My Life“ (1975)Mary AustinNoch im Moment ihres publizistischen Debüts freilich hält sich Austin bescheiden im Hintergrund: Die Urheberschaft auf dem Buchcover wird „Freddie Mercury mit Mary Austin“ zugeschrieben. Auch ihre PR-Offensive hält sich in Grenzen. Ein möglicher Besuch der Frankfurter Buchmesse wurde gestrichen, auch zu einem Video-Telefonat mit dem deutschen Medium kommt es nicht. Was am Ende bleibt, ist die Option, Mary Austin ein paar Fragen zu mailen.Also gut: Warum lassen Sie, Ms. Austin, was die Autorenschaft betrifft, wiederum dem legendären Gefährten den Vortritt?„Weil es nicht mein Buch ist, nicht wirklich. Es ist seines. Die Songtexte, die Entwürfe, die Kritzeleien am Rand – all das gehört Freddie und wird immer ihm gehören. Meine Rolle bestand lediglich darin, dabei zu helfen, einen Sinn darin zu erkennen, wo immer möglich ein wenig Kontext zu liefern und mich dann wieder zurückzuziehen“, schreibt Austin. „Ich bin die Erzählerin. Er ist der Autor. Das fühlte sich für mich von Anfang an richtig an, und das tut es immer noch.“Von Farrokh zu FreddieDabei ist, abgesehen von Mercurys Mitmusikern Brian May, Roger Taylor und John Deacon, niemand über so lange Zeit und von Anfang an dabeigewesen wie Mary Austin. Sie lernte Freddie Mercury kennen, als er noch Farrokh Bulsara war, der Spross einer aus Sansibar nach England eingewanderten indischstämmigen Familie aus der ethnisch-religiösen Gemeinschaft der Parsen. Ursprünglich hatte Gitarrist Brian May ein Auge auf sie geworfen, doch Austin fühlte sich rasch angezogen von dessen schillerndem Kumpel mit seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein: „Dieser Mann war völlig von sich überzeugt.“ Bald kamen sie einander näher, und Mary merkte, dass ihr Schwarm auch ganz anders sein konnte, „sanftmütig und rücksichtsvoll, mit einem hellen Verstand und schneller Auffassungsgabe. Wir wurden immer vertrauter. Was wir hatten, fühlte sich echt an.“Zwei Monate nachdem sie ein Paar geworden waren, zogen sie in einer Einzimmerwohnung zusammen, und eine Geschichte künstlerischer Emanzipation nahm ihren zunächst noch mühsamen Lauf. „Wir hatten gerade genug Platz für ein Bett, einen kleinen Tisch und zwei Stühle“, erinnert sich Austin. „Die Miete von fünf Pfund pro Woche teilten wir uns.“ Trotzdem gelang es, eine glückliche Entscheidung, noch ein Klavier unterzubringen.