NZZ Live«NZZ Podium» zu Social Media: «Wir machen ein riesiges Experiment an unseren Kindern, das wir mit Drogen nicht machen würden»Australien verbietet soziale Netzwerke für Jugendliche unter 15 Jahren. Und in der Schweiz? Der Umgang mit Social Media sei noch nicht da, wo er sein müsste, finden die Teilnehmer von «NZZ Podium».Nadine Gerber04.09.2026, 12.12 Uhr4 LeseminutenDer Moderator Martin Meyer und seine Gäste: Martin Korte, Anna Zeiter und Barnaby Skinner (von links).Mathias Eicher / NZZSoziale Netzwerke üben einen Sog auf uns Menschen aus. Besonders problematisch ist das bei Jugendlichen, deren Hirn noch nicht ausgereift ist – sie reagieren intensiv auf Belohnungssysteme und auf potenziell süchtig machende Angebote.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Über das Thema Social Media diskutierten bei «NZZ Podium» am 3. September der Neurobiologe Martin Korte, die Datenschutzexpertin und Gründerin der Social-Media-Plattform W Social, Anna Zeiter, und der stellvertretende Chefredaktor der NZZ Barnaby Skinner. Moderiert wurde der Anlass von Martin Meyer, Leiter von «NZZ Podium».Der Abend startete mit einem Impulsreferat von Martin Korte. Er verwies auf die Gefahren von sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche. «Die digitalen Kommunikationstechnologien haben die Art, wie wir uns austauschen, revolutionär verändert.» Die Utopie der Befreiung sei nur scheinbar vorhanden. Denn die neue Allmacht des Sagens und Wissens lasse offen, wer diese ganzen Inhalte kontrolliere. «Was bedeutet es, wenn man Kleinkindern ein iPad in die Hand drückt?»Neue Social-Media-Plattform nur für ErwachseneKorte plädierte deshalb für mehr Schutz für Kinder, insbesondere bis etwa 10 Jahre, und für einen bewussteren Umgang mit Smartphones bei Jugendlichen. Er kritisierte, dass es für soziale Netzwerke bislang weit weniger klare Schutzmechanismen gebe als beispielsweise für Alkohol. «Wir machen ein riesiges Experiment an unseren Kindern, das wir mit Drogen oder Alkohol nicht machen würden.»Gleichzeitig räumte Korte ein, dass die Technologie nicht mehr aus dem Alltag verschwinden werde. Es gehe daher nicht um ein vollständiges Verbot, sondern darum, Kindern und Jugendlichen einen gesunden Umgang damit beizubringen und auch die Technologieunternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen.Anna Zeiter ist Titularprofessorin und Lehrbeauftragte für European Data Law an der Universität Bern. Zudem ist sie CEO und Mitgründerin der Social-Media-Plattform W Social, die sich als Alternative zu X positioniert. Auch sie zeigte sich überzeugt, dass Kinder und Jugendliche auf sozialen Netzwerken besonderen Schutz benötigten. Auf W Social müsse man deshalb mindestens 18 Jahre alt sein und dies belegen können. Gleichzeitig warnte sie davor, soziale Netzwerke grundsätzlich als schädlich zu betrachten.Gegen Filterblasen und BeleidigungenGerade die Möglichkeit, Menschen über Kontinente und Zeitzonen hinweg miteinander zu verbinden, sieht Zeiter als grosse Chance. Die geopolitischen Spannungen der vergangenen Jahre hätten sie und ihr Team darin bestärkt, eine europäische Alternative zu den grossen Plattformen aus den USA und China aufzubauen.Auf W Social sollen gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert werden: Welche Rolle soll Europa künftig spielen? Braucht Europa eine eigene Armee? Welchen Platz hat die Schweiz? Zeiter beschrieb soziale Netzwerke damit als das, was sie ursprünglich hätten sein sollen: ein Instrument, um Menschen zusammenzubringen und über relevante Themen zu sprechen.Sie betonte, dass Social-Media-Nutzer rasch in eine Filterblase geraten könnten – und damit andere Meinungen als die eigene gar nicht mehr angezeigt bekämen. Aus diesen Blasen will sie die Nutzerinnen und Nutzer mit ihrer Plattform herausführen.Für Korte liegt das Grundproblem der grossen Plattformen allerdings tiefer: Ihr Geschäftsmodell basiere darauf, die Aufmerksamkeit der Menschen möglichst lange zu binden. Soziale Netzwerke machten sich Mechanismen zunutze, die auch beim Lernen funktionierten. Kleine, leicht erreichbare Schritte könnten Menschen zu guten Gewohnheiten motivieren. Wer beispielsweise die Joggingschuhe vor die Tür stelle, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich joggen zu gehen. Dieselben Mechanismen könnten aber auch dazu führen, dass Menschen immer länger auf einer Plattform blieben. «Soziale Netzwerke versuchen, ihr Geld damit zu verdienen, dass sie uns abhängig machen», sagte Korte.Kein Geld für QualitätsjournalismusDer Neurobiologe warnte zusätzlich davor, dass negative Nachrichten besonders schnell und gut verbreitet würden. Die Folge sei eine zunehmende Polarisierung. In den USA etwa seien die politischen Lager derart weit auseinandergerückt, dass sie teilweise kaum noch miteinander kommunizierten.Für Barnaby Skinner, der bei der NZZ auch für Digitalprojekte zuständig ist, ist die digitale Welt längst nicht mehr optional. Für ihn als Journalist seien soziale Netzwerke zu einer wichtigen Informationsquelle geworden. Gleichzeitig verschwimme die Grenze zwischen privater und professioneller Nutzung.Die NZZ versuche, ihre Inhalte nicht einfach eins zu eins auf sozialen Plattformen auszuspielen. Das geschriebene Wort solle dort nicht zwingend im Zentrum stehen; stattdessen setze die Zeitung verstärkt auf Videos und andere Formate. Ziel sei es, Menschen über Social Media auf die eigenen Plattformen zu bringen.Die Herausforderung sei auch wirtschaftlicher Natur. Gerade Menschen unter 25 Jahren seien wenig bereit, für Journalismus zu bezahlen. Deshalb müsse man ihnen zunächst kleinere, zugängliche Versionen journalistischer Inhalte anbieten – gewissermassen Häppchen, die Interesse an den vollständigen Inhalten weckten. Denn Qualitätsjournalismus koste. Faktische Berichterstattung sei aufwendig und teuer, betonte Skinner. Gleichzeitig konkurriere sie mit Inhalten, die kostenlos produziert, kopiert und weiterverbreitet würden.Andere Meinungen aushalten lernenDamit kam das Podium zu einer weiteren zentralen Frage: dem Vertrauen. Der Mensch sei evolutionär besonders empfänglich für schlechte Nachrichten, erklärte Korte. Vertrauen aufzubauen, dauere lange, es könne aber durch eine einzige schlechte Erfahrung erschüttert werden.Soziale Netzwerke hätten die Möglichkeit geschaffen, dass praktisch jeder Mensch seine Meinung öffentlich äussern könne. Gleichzeitig hätten sie die gesellschaftliche Kommunikation fragmentiert. Jeder könne in seiner eigenen Informationswelt leben und die eigene Wahrheit für die einzige halten.Die sozialen Netzwerke abschaffen wollte keiner der Podiumsgäste. Es müssten vielmehr Räume geschaffen werden, in denen unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen könnten, ohne dass Menschen beleidigend würden. Korte formulierte es als Grundprinzip einer freien Gesellschaft: Freiheit bedeute auch, die Meinung Andersdenkender auszuhalten. Und sie sei nichts, was einmal gegeben sei. Freiheit müsse immer wieder verteidigt und erhalten werden.Passend zum Artikel