InterviewPro ArtikelGiorgia Meloni knackt heute eine wichtige Rekordmarke. Ein renommierter Historiker sagt: «Sie ist Angela Merkel sehr ähnlich»Die Regierung von Giorgia Meloni ist seit heute die am längsten amtierende seit dem Zweiten Weltkrieg. Giovanni Orsina erklärt, wie Italien von der Stabilität profitiert, und warum er glaubt, dass sie trotzdem keinen Bestand haben wird.04.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenItaliens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: Am Freitag ist ihre Regierung 1413 Tage im Amt, so lange wie keine seit der Gründung der Republik im Jahr 1946.Antonio Masiello / GettyFrage: In Europa purzeln die Regierungen oder leben in instabilen Verhältnissen. In Italien hingegen herrscht Stabilität. Das hört sich immer noch etwas seltsam an, finden Sie nicht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: In der Tat. Mitte-rechts-Regierungen waren allerdings in Italien in den letzten dreissig Jahren immer etwas stabiler als solche aus dem Mitte-links-Lager. Tatsächlich war die am längsten amtierende Regierung nach Meloni diejenige von Silvio Berlusconi.Trotzdem erstaunt die Stabilität.Antwort: Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Italien zwischen 2013 und 2022 eine Phase grosser Instabilität durchlebt hat, auf die ab 2022 eine Art Erholung folgte. Dazu gehört, dass sich viele unentschlossene Wähler in die Wahlenthaltung zurückgezogen haben, wodurch sich das System stabilisiert hat. Das erklärt auch die Anomalie, dass Giorgia Melonis Fratelli d’Italia nach vier Jahren Regierungszeit in den Umfragen immer noch über 25 Prozent liegen – was tatsächlich seltsam ist.Frage: Zudem war sich das Mitte-links-Lager 2022 nicht einig.Antwort: Genau. Nur so konnten Meloni und ihre Partner, die bei den Wahlen 44 Prozent der Stimmen erhalten hatten, überhaupt eine Mehrheit im Parlament bilden.Frage: Es gibt also eine Reihe von Sonderfaktoren, die die italienische Stabilität erklären. Antwort: Ja, und das bedeutet gleichzeitig auch, dass ab 2027, wenn auf nationaler Ebene gewählt wird, alles passieren kann und wir wieder zu dem Italien zurückkehren könnten, das man kennt – jenes, in dem alle 18 Monate die Regierung wechselt.Frage: Trotz Stabilität hat man den Eindruck, dass die Regierung von Giorgia Meloni kurzatmig regiert und keine eigentliche Strategie verfolgt.Antwort: Nun, es ist eine sehr stabile Regierung, die meiner Meinung nach gut auf die wirtschaftlichen, geopolitischen und internationalen Herausforderungen reagiert hat. Aber davon abgesehen ist es so, wie Sie sagen: Es handelt sich um eine Regierung, die sehr viel von Tag zu Tag arbeitet. Wenn wir uns fragen, welches die grossen Reformen waren, die diese Exekutive eingeführt hat, dann ist die Bilanz praktisch gleich null. Vielleicht ist dies aber auch eines ihrer Erfolgsrezepte.Frage: Wie meinen Sie das?Antwort: Möglicherweise ist die Regierung gerade deshalb so lange im Amt, weil sie keine Reformen durchgeführt hat. Sehen Sie: In Italien Reformen durchzuführen, ist extrem schwierig. Italien ist ein Land, das auf dem Prinzip des Vetos basiert und in dem alle organisierten Gruppen jede Reform blockieren können. Wäre diese Regierung also reformfreudiger gewesen, gäbe es sie vielleicht gar nicht mehr. Die Justizreform, die einzige Strukturreform, die Meloni angepackt hat, ist bekanntlich grandios gescheitert.«Wo sind die gescheiten Strategiepapiere, welche Zeitschrift führt die Debatte auf der rechten Seite? Welche Stiftung hat Ideen hervorgebracht? Es herrscht absolute Leere.»Frage: Also hält sie sich bewusst mit Reformen zurück?Antwort: Es kommt noch etwas dazu, nämlich die Unfähigkeit dieser Regierung, ein bisschen weiter in die Zukunft zu blicken. Das hat im Wesentlichen drei Gründe. Den ersten sehen wir überall, nicht nur in Italien: Niemand weiss, wie sich die Dinge entwickeln werden. Es herrscht grosse Unsicherheit. Der zweite Grund: Giorgia Meloni ist eine pragmatische Politikerin. Sie ist eine Person, die Werte hat, aber keine Visionen.Frage: Und der dritte Grund?Antwort: Meloni vertraut niemandem und ist daher nur von einem sehr, sehr kleinen, verschworenen Kreis von ihr nahestehenden Personen umgeben. Es fehlen ihr schlicht die Ressourcen, um sich etwas Grösseres, etwas Strukturelleres auszudenken. Als sie 2022 in den Palazzo Chigi einzog, hätte sie meiner Meinung nach zusätzlich zu ihrem innersten noch einen grösseren Kreis aufbauen müssen, eine Gruppe von zehn, elf klugen Köpfen, die sich schlaue Dinge hätten ausdenken können. Doch genau das hat sie nicht getan. Dieses Problem zeigt sich auch ganz allgemein: Wo sind die gescheiten Strategiepapiere, welche Zeitschrift für politische Kultur, welches Medium führt die Debatte auf der rechten Seite – abgesehen von den rechten Tageszeitungen, die keine Debatte, sondern nur Grabenkämpfe führen? Welche Stiftung hat Ideen hervorgebracht? Es herrscht absolute Leere.Im Jahr 2010 war sie noch Ministerin für Jugend und Sport unter Silvio Berlusconi: Nun hat Giorgia Meloni ihn überholt.Stock&people / ImagoFrage: Es fehlt das intellektuelle Fundament?Antwort: Die Regierung traut niemandem, der nicht aus ihrer Welt kommt. Den liberalen Köpfen schon gar nicht. Bei den Katholiken ist es ein bisschen besser. Aber Meloni hat den inneren Kreis wie gesagt sehr eng gehalten. Zwar hat sie sich oft über die kulturelle Hegemonie der Linken beschwert, aber dann nichts unternommen, um das zu ändern. Gar nichts.Frage: Trotzdem ist es unbestritten, dass Italien von der gegenwärtigen Stabilität profitiert.Antwort: Absolut. Auf dem internationalen Parkett ist Stabilität sehr viel wert. Internationale Beziehungen sind ja oft auch persönliche Beziehungen, und hier ist es von Bedeutung, dass man die Schlüsselpersonen kennt und diese nicht zu oft wechseln. Man spricht immer von den Beziehungen zu Merz, Macron, Sánchez oder Trump. Dabei geht vergessen, dass Italien in den letzten vier Jahren sehr viele Anstrengungen in Afrika unternommen hat. Dort sind Stabilität und Kontinuität besonders viel wert, wenn man an Themen wie Energieversorgung und Migration denkt.Frage: Afrika? Darüber wird nicht viel gesprochen.Antwort: Ja, aber es ist äusserst wichtig. Meloni hat es geschafft, die Migrationsströme zu reduzieren. Wieso? Wegen des Albanien-Modells? Kaum. Die Zahlen sind zurückgegangen, weil sich die europäische Politik geändert hat, auch dank Meloni. Und weil sie Abkommen mit Tunesien und Libyen geschlossen hat. Der Fall Ceuta zeigt, dass letztlich der Umgang mit dem Transitland entscheidend ist. Das hat Meloni kapiert. Und auch ihre anderen Projekte in und mit Afrika füllen sich allmählich mit Inhalt. Ich will damit nicht sagen, dass es hier ein phantastisches Projekt gibt. Aber die Wirkung ist da. Die Dinge laufen, sie werden umgesetzt, sie werden geschätzt, und das schafft alles in allem für Italien ein Kapital an gutem Willen in Afrika – und das in einer Zeit, in der andere europäische Länder in Afrika kaum mehr einen Fuss auf die Erde bekommen. Man denke nur an Frankreich.Frage: Für die Italiener hat die Stabilität in der Regierung aber nicht viel verändert. Das Wachstum ist schwach, die Löhne stagnieren, die Jungen ziehen weg.Antwort: Das stimmt. Immerhin hat die Stabilität die Investitionen aus dem Ausland positiv beeinflusst. Aber es ist schon richtig, im Alltag der Italiener ist davon noch kaum etwas spürbar. Italien wächst wirtschaftlich seit dreissig Jahren nicht mehr. Es wurde von Berlusconi, von Prodi, von Monti, von Draghi, von Renzi, Gentiloni und Conte regiert. Es gab Mitte-rechts-, Mitte-links- und Technokratenregierungen, es gab populistische Regierungen. Wir haben alles ausprobiert. Italien wächst nicht.Frage: Das ist aber kein Trost.Antwort: Nein. Es gibt grosse strukturelle Probleme: die Demografie, die Produktionsstruktur, das Sozialsystem. Um solch komplexe Themen anzugehen, wäre es wie erwähnt wichtig, kluge Köpfe um sich zu scharen, die Ideen generieren. Aber wo sind die Ökonomen von Fratelli d’Italia?Frage: Sie sind ein Berlusconi-Experte. Worin unterscheidet sich die Meloni-Rechte von der Berlusconi-Rechten?Antwort: Beide präsentierten sich als Aussenseiter. Berlusconi kam als Unternehmer von ausserhalb der Politik, Meloni bezeichnet sich als Underdog, weil sie aus einem Teil der Politik stammt, der lange ausgegrenzt worden war. Allerdings macht sie schon seit ihrem 15. Lebensjahr Politik. Melonis Talent ist politischer Natur, während das von Berlusconi vielschichtiger war. Der andere Unterschied besteht darin, dass Berlusconi letztlich ein Liberaler war. Das heisst, Berlusconis Rechte war in den 1980er Jahren verwurzelt und daher globalistisch und marktorientiert. Man kann zwar viel über Berlusconis Politik diskutieren und darüber, wie liberal sie wirklich war. Aber es ist unbestreitbar, dass Berlusconi ein Liberaler war, also jemand, der an die individuelle Freiheit glaubte, an einen Staat, der einem nicht auf die Nerven geht. Anders Meloni: Sie glaubt an den Nationalstaat.Frage: Wie würden Sie sie im europäischen Kontext verorten? Nahe bei der bayrischen CSU, wie man immer wieder einmal lesen kann?Antwort: Mit Blick auf die Wertedimension steht sie der CSU nahe, das ist richtig. Aber damit hat es sich dann auch schon. Denn die bayrische CSU ist eine proeuropäische Partei. Meloni mag Europa nicht.Frage: Aber sie arrangiert sich mit der EU.Antwort: Während Europa für die Christlichdemokraten seit je, seit den Zeiten von De Gasperi, Adenauer und Schuman, ein ideologisches Ziel ist, ist es für Meloni einfach eine Tatsache, mit der man sich auseinandersetzen muss – so, wie man sich mit einem Werkzeug auseinandersetzt. Wenn ich einen Nagel einschlagen muss, benutze ich einen Hammer, aber ich mag den Hammer nicht. Melonis Ideologie ist eine ziemlich einzigartige Mischung.«Sie ist Angela Merkel sehr ähnlich. Eine, die man in die Verantwortung stellt und die dann funktioniert und ihre Partei in die Mitte führt.»Frage: Ist sie damit ein Vorbild für andere europäische Rechtsparteien?Antwort: Meiner Meinung nach handelt es sich um kein exportierbares Modell. Denn letztlich ist bei Meloni der Pragmatismus ausschlaggebend. Anders gesagt: Es gibt kein wirkliches Meloni-Projekt. Sie hat in Italien einfach das umgesetzt, was unter den speziellen Umständen der Jahre 2022–26 machbar war. Meloni hat sehr viel gearbeitet und es meiner Meinung nach auch ganz ordentlich gemacht. Aber wenn man sie fragen würde: «Was willst du in zwei Jahren machen?», würde ihre Antwort lauten: «In zwei Jahren? Frag mich lieber, was ich morgen mache.» In dieser Hinsicht ähnelt sie Angela Merkel.Frage: Merkel?Antwort: Ja, sie ist Angela Merkel sehr ähnlich. Eine, die man in die Verantwortung stellt und die dann funktioniert und ihre Partei in die Mitte führt.Frage: Ein erstaunlicher Vergleich.Antwort: Auch das Thema «Mutti» spielt eine Rolle. Italien hatte über mehrere Jahre hinweg eine ganze Reihe männlicher Führungspersönlichkeiten: Matteo Renzi, Matteo Salvini, Beppe Grillo – alle sehr im Stil von Berlusconi, alle ausgesprochen männlich, alle sehr aggressiv. Meiner Meinung nach liegt ein Teil des Erfolgs von Meloni darin, dass sie eine weibliche Führungspersönlichkeit ist, die viel weniger narzisstisch und viel weniger egozentrisch ist. Die auf mütterliche Art weniger an sich selbst zu denken scheint als an das Land. Die auch gut darin ist, zu vermitteln. Sie hat sich ein wenig an den Rand gestellt und den Eindruck vermittelt, dass sie für das Land arbeitet. Und das hat funktioniert.Meloni macht seit früher Jugend Politik: erst in der postfaschistischen Jugendbewegung im Arbeiterquartier Garbatella in Rom, inzwischen auch auf den samtenen Sesseln im italienischen Senat.Stefano Costantino / Sopa Images / ImagoFrage: Und jetzt? Wird Italien stabil bleiben? Oder kehren wir zu den alten Zeiten zurück?Antwort: Ich glaube, dass wir kurz davor stehen, zu den alten Zeiten zurückzukehren. Ohne den Aufstieg der neuen rechten Partei des ehemaligen Generals Roberto Vannacci hätte Meloni meiner Meinung nach wieder gewinnen können. Doch mit Vannacci wird es viel schwieriger.Frage: Was sind die Szenarien?Antwort: Das eine ist der Sieg des Mitte-links-Lagers, das jedoch eine sehr gespaltene, sehr komplexe Nichtkoalition ist. Könnte sie fünf Jahre lang regieren? Die andere Möglichkeit ist ein Unentschieden, und das wäre meiner Meinung nach schlecht, weil wir dann wieder zu Regierungen zurückkehren würden, die irgendwie zusammengeschustert werden müssen. Es besteht die reale Gefahr, dass wir wieder zum alten Italien zurückkehren, was meiner Meinung nach in dieser internationalen Lage eine Katastrophe wäre.Zur PersonImagoGiovanni Orsinaist einer der führenden Erklärer der italienischen Politik. Der 58-Jährige ist ordentlicher Professor für Zeitgeschichte an der Universität Luiss Guido Carli in Rom. Sein besonderes Interesse gilt den politischen Parteien und Kulturen in Europa und Italien, dem Liberalismus und den Phänomenen der Antipolitik und des Populismus. Er hat mehrere Monografien verfasst, darunter «Berlusconi and Italy: A Historical Interpretation» (2014). Zuletzt (2026) hat er das Werk «Controrivoluzione. Una storia politica del nostro tempo» veröffentlicht.8 KommentareHartmut Kientz 04.09.20265 EmpfehlungenAngesichts der italienischen Mentalität ist es durchaus eine Leistung wenn eine Regierung so lange durchhält. Vielleicht liegt es ja wirklich daran dass Frau Meloni nicht wie ihre selbst verliebten egomanischen Vorgänger agiert.
Das Erfolgsgeheimnis der italienischen Regierungschefin: “Giorgia Meloni ist Angela Merkel sehr ähnlich”
Die Regierung von Giorgia Meloni ist seit heute die am längsten amtierende seit dem Zweiten Weltkrieg. Giovanni Orsina erklärt, wie Italien von der Stabilität profitiert, und warum er glaubt, dass sie trotzdem keinen Bestand haben wird.











