Der andere BlickDeutschland lebt nicht mehr im sicheren HinterlandRussland trägt seinen Krieg zunehmend über die Ukraine hinaus. Der Anschlagsversuch von Leipzig zwingt die deutsche Regierung zu einer unbequemen Erkenntnis: Wer Putin abschrecken will, kann nicht jedes Risiko einer russischen Reaktion vermeiden.04.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas Russische Haus an der Berliner Friedrichstrasse: Die Bundesregierung lässt die Einrichtung schliessen. Hinter dem Kulturzentrum vermutet sie auch einen Stützpunkt russischer Geheimdienstaktivitäten.Friedrich Bungert / Sueddeutsche Zeitung PhotoDeutschland hat richtig auf den russischen Versuch eines Anschlags auf den Flughafen Leipzig reagiert. Beim nächsten Mal wird das womöglich nicht genügen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Antwort auf den Vorfall von Anfang August hat die Bundesregierung in dieser Woche Russland ungewöhnlich schnell als Urheber benannt. Sie schliesst das Generalkonsulat in Bonn und das Russische Haus an der Berliner Friedrichstrasse – ein Agentennest und eine dauernde Provokation – und will den Druck auf die russische Schattenflotte erhöhen. Das ist entschlossen, ohne zu überziehen.Die Regierung selbst spricht über Leipzig als Fall einer neuen Qualität der Aggression. Sie rechnet mit weiteren hybriden Angriffen und damit, dass Russland deren Intensität steigern könnte. Das verlangt, dass Deutschland die Logik seiner Reaktion verändert.Bürokratische Parzellierung nutzt nur RusslandBis heute behandelt der deutsche Staat Russlands hybride Kriegsführung vor allem als eine Aneinanderreihung von Sicherheitsproblemen. Spionage beschäftigt die Nachrichtendienste, Sabotage oder Brandanschläge die Polizei und die Bundesanwaltschaft, Cyberangriffe die dafür zuständigen Behörden. Der deutsche Staat zerlegt damit eine russische Strategie in administrative Einzelfälle.Umso wichtiger ist, dass mit dem Nationalen Sicherheitsrat im Kanzleramt inzwischen eine Stelle geschaffen wurde, an der solche Bedrohungen zusammengeführt werden können. Der Fall Leipzig zeigt, warum das nötig ist.Denn Russland nutzt diese bürokratische Parzellierung gezielt aus. Professionell konfigurierte Technik, sogenannte Low-Level-Agenten für einzelne Aufgaben vor Ort, Erkenntnisse der Nachrichtendienste und ähnliche Operationen in anderen europäischen Ländern ergeben erst in ihrer Gesamtheit ein Muster. Was wie eine Reihe von Einzelfällen von Spionage, Sabotage oder Straftaten aussieht, ist zusammengenommen Teil einer aggressiven Strategie.Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat die Lage treffend beschrieben: «Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.» Gerade diesen Zwischenraum nutzt Russland.Moskau hält seine Operationen bislang unterhalb jener Schwelle, an der aus hybrider Aggression eine offene militärische Konfrontation würde. Deutschland wiederum kann nicht auf jeden solchen Angriff massiv reagieren, weil es damit genau diese Schwelle überschreiten könnte.Das ist die unangenehme Mechanik hybrider Kriegsführung: Russland kann angreifen, ohne Krieg zu führen – Deutschland muss reagieren, ohne einen Krieg auszulösen.Schwäche ist eine Einladung zur EskalationAus diesem Dilemma gibt es keinen einfachen Ausweg. Es lässt sich nur besser oder schlechter beherrschen.Die Bedenken, die Atommacht Russland zu überreizen, sind vernünftig. Deutschland hat lange gefürchtet, mit einer zu harten Reaktion Russland zur Eskalation zu treiben. Dabei kann aber eine zu schwache Reaktion genau dasselbe bewirken. Die Frage muss also lauten: Wie lässt sich verhindern, dass gerade deutsche Zurückhaltung Russland dazu ermutigt, weiterzumachen?Wer jeden hybriden Angriff isoliert betrachtet und jeweils nur auf diesen einen Vorfall angemessen reagieren will, läuft in Moskaus Falle. Das lässt sich nicht durch deutsche Verhältnismässigkeit auflösen: Auf jeden Angriff bloss symmetrisch zu reagieren, bedeutet, Russland die Eskalationsleiter zu überlassen. Moskau entscheidet dann mit der Dosierung von Angriffen mindestens indirekt zugleich darüber, wie weit Deutschland jeweils zu gehen bereit ist.Deutschland muss deshalb die Spielregeln der Antwort verändern. Russische Operationen müssen kumulativ statt isoliert betrachtet werden. Der nächste Anschlag eröffnet keine neue Sachlage: Er kommt auf die laufende Rechnung und muss den Preis erhöhen, den Russland bezahlt.Viel wurde darauf hingewiesen, dass nicht der Kanzler, sondern zwei Minister die Reaktion auf Leipzig verkündeten. So habe Berlin sich eine weitere Eskalationsstufe offengehalten. Nur: Worin soll diese bestehen? Ein Auftritt des Kanzlers wird den Kreml kaum abschrecken. Und auch der traditionelle diplomatische Werkzeugkasten ist allmählich ausgeschöpft. Ein Konsulat lässt sich nur einmal schliessen, ein Geheimdienstmitarbeiter nur einmal ausweisen. Deutschland muss deshalb bereit sein, auf anderen Feldern zu reagieren.Asymmetrie darf kein Privileg des Angreifers sein: Russland soll nicht bestimmen können, auf welchem Feld Deutschland antwortet. Auf Sabotageakte können etwa die weitere Beschneidung russischer Geheimdienststrukturen, wirtschaftlicher Handlungsmöglichkeiten oder eine zusätzliche Unterstützung der Ukraine folgen.Kumulativ und asymmetrisch antwortenWelche Konsequenz folgt, muss Russland nicht vorher wissen. Dass eine folgt, schon. Entscheidend ist, dass Russland nicht davon ausgehen darf, mit der Dosierung des Angriffs zugleich den Preis der westlichen Antwort zu bestimmen.Das ist alles nicht risikofrei. Die Bundesregierung weiss nach eigenen Angaben nicht, ob Russland auf ihre jüngsten Massnahmen symmetrisch, asymmetrisch oder mit weiterer Eskalation reagieren wird. Sie handelt trotzdem. Darin könnte der Kurswechsel nach Leipzig liegen. Denn auch die Vorstellung, Sicherheit lasse sich ohne Risiko herstellen, gehört zu den Illusionen der vergangenen Jahre.Abschreckung funktioniert nur, wenn der Gegner damit rechnen muss, dass sein Handeln Folgen hat – und wenn die andere Seite bereit ist, das Risiko seiner Reaktion auszuhalten. Das bedeutet nicht, Eskalation zu suchen. Im Gegenteil. Deutschland sollte Russland nicht mit dessen eigenen Methoden begegnen. Und es muss weiterhin alles tun, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden.Aber eines darf die Politik der Bevölkerung auch nicht verschweigen: Russland denkt seinen Krieg zunehmend über die Ukraine hinaus. Europa ist das Hinterland, aus dem die Ukraine mit Waffen, Geld, Aufklärung und Logistik unterstützt wird. Deutschland ist zu Recht stolz darauf, dabei inzwischen eine führende Rolle zu spielen. Es muss daher damit rechnen, dass Moskau versucht, diese Unterstützung dort zu stören, wo sie organisiert wird.Die Bundesregierung – und die europäischen Partner – hat bis jetzt die eine Zumutung nicht formuliert, die sich daraus ergibt: Wer die Ukraine unterstützt, wird dadurch zwar nicht zum legitimen Ziel. Aber das Völkerrecht interessiert den Machthaber im Kreml nicht. Im Hinterland eines Abnutzungskrieges gibt es keine Garantie auf Unverletzlichkeit.28 Kommentaremichael moller 06.09.2026Vor 81 Jahren gab es einen barbarischen deutschen Angriffskrieg. 1941 überfiel Hitler trotz Nichtangriffspakt die Sowjetunion.
Deutschland lebt nicht mehr im sicheren Hinterland
Nach dem Anschlagsversuch von Leipzig muss Deutschland seine Strategie gegen Russlands hybride Angriffe ändern. Abschreckung ist nicht ohne Risiko zu haben.














