„Bitte geht nicht nah an ein Vogelnest heran!“, hat ein Kind geschrieben, den Satz mit drei Ausrufezeichen versehen und darunter einen kleinen Vogel mit dünnen orangefarbenen Beinchen gemalt. Auf einer anderen Kinderzeichnung heißt es: „Human traffic can cause panic!“ Die Nationalparkbehörde und das New Yorker „Plover Project“ haben eine Plakatkampagne aus den Bildern gemacht. Der Piping Plover, der hier am Strand von Rockaway geschützt werden soll, wird es noch schwerer haben, wenn Präsident Donald Trump mit seinen Versuchen, Schutzvorschriften zu lockern, erfolgreich ist.Wer im Sommer die Strandpromenade des Jacob Riis Parks im Westen der Halbinsel entlangläuft, sieht nicht nur die Plakate, sondern auch Absperrungen am breiten Strand. Mit dünnen Kordeln und Warnschildern haben Freiwillige Areale für den Vogel reserviert, der hier vom Frühjahr an nistet. Der auf Deutsch Gelbfuß-Regenpfeifer genannte Piping Plover ist nicht viel größer als ein Spatz. Er ist am Strand leicht zu übersehen, seine Eier legt er in eine flache Mulde im Sand. Die winzigen Küken sind weiß-sandfarben, viele New Yorker nennen sie fliegende Wattebäusche. Sie staksen schon kurz nach dem Schlüpfen an der Wasserlinie herum. Deswegen sind Hunde hier eigentlich verboten, aber nicht jeder hält sich daran.Der Piping Plover ist vom Aussterben bedrohtDass den Vögeln, von denen es weltweit nur noch achttausend geben soll, ein Stück Strand gehört, hat mit dem Endangered Species Act von 1973, aber auch mit den New Yorker Regelungen zum Artenschutz zu tun. Der Piping Plover, der Ende August seine Winterwanderung bis an den Golf von Mexiko beginnt, gilt nach Bundesrecht als „threatened“, gefährdet. New York stuft ihn strenger ein, als „endangered“, das heißt in diesem Fall vom Aussterben bedroht.Schilder mit Kinderzeichnungen rufen in Rockaway zum Schutz des New Yorker Strandvogels Piping Plover auf.Frauke SteffensTrump greift nun den Artenschutz an, ohne dafür eine Mehrheit des Kongresses zu brauchen. Den Endangered Species Act kann seine Regierung nicht abschaffen, aber sie verändert die Regeln, nach denen die Behörden das Gesetz anwenden. Hebel dafür ist die Auslegung des Begriffs „harm“. Der Kongress legte im Gesetz fest, dass es verboten sei, geschützten Tieren Schaden zuzufügen. Bisher verstanden die Behörden darunter auch Veränderungen des Lebensraums, wenn dadurch Tiere verletzt oder getötet werden.Im Jahr 1995 bestätigte der Supreme Court diese Interpretation. Trump schafft die jahrzehntelang gebräuchliche Auslegung nun ab. Von Mitte September an soll sie nicht mehr gelten. Dann wären Veränderungen des Lebensraums viel weniger streng reguliert, Schaden müsste unmittelbarer definiert werden. Die Regierung argumentiert, die Umweltbehörden hätten ihre Macht zu weit ausgedehnt und aus dem Artenschutzgesetz ein Instrument zur Kontrolle von Landnutzung gemacht.Ausnahmen für „Drill, Baby, Drill“Der Piping Plover in Rockaway hat dabei vergleichsweise viel Glück. Der Bundesstaat New York hat ein eigenes starkes Artenschutzrecht. Die Absperrungen am Jacob-Riis-Strand würden nicht automatisch verschwinden, wenn es Trump gelingt, den bundesrechtlichen Schutz zu schwächen. Dafür drohen dem Vogel andere Gefahren, wenn er im Herbst in seinen Winterquartieren rund um den Golf von Mexiko ankommt. Denn kürzlich veränderte ein Regierungsgremium namens „Endangered Species Committee“, das aufgrund seiner Macht den Spitznamen „God Squad“ trägt, die dort geltenden Regeln. Die Vorschriften des Endangered Species Act wurden per Ausnahmegenehmigung gelockert, damit die Öl- und Gasförderung reibungsloser vonstattengehen kann.Dem Piping Plover gehört im Jacob Riis Park ein eigener Strandabschnitt.Frauke SteffensAndere Vögel haben nicht einmal den Schutz, den der Piping Plover zumindest in New York weiterhin genießt. Zum Beispiel der Florida Scrub-Jay, ein blau-grauer Buschhäher, den es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Weil starke regionale Schutzregeln fehlen, könnte Trump ihm besonders gefährlich werden, wie der regionale NPR-Sender WUSF berichtet. In Punta Gorda an Floridas Golfküste etwa will der Tech-Unternehmer Michael Colosi auf einem Grundstück bauen, das unter Bundes-Schutzregeln für den Scrub-Jay fällt. Wer beim Bauen dessen Lebensraum zerstört, zahlt eine Gebühr, die neue Schutzflächen finanzieren soll. Colosi wehrt sich vor Gericht. Trumps engere Definition von „harm“, die den Lebensraum nicht schützen würde, könnte solchen Klägern helfen.Noch prekärer ist die Lage eines anderen Vogels, über den das Magazin „The Nation“ berichtet. Der Saltmarsh Sparrow lebt an der Atlantikküste in Salzwiesen, etwa in Massachusetts, und baut seine Nester Zentimeter über dem Boden. Mit dem steigenden Meeresspiegel werden sie häufiger überschwemmt. Nach Angaben des Fish and Wildlife Service ist die Population zwischen 1998 und 2012 um rund 90 Prozent eingebrochen, der Vogel könnte in einigen Jahren aussterben.Trotzdem fällt er bis heute nicht unter den Endangered Species Act, Naturschützer kämpfen seit Jahren um seine Aufnahme in die Liste der bedrohten Arten. Die Regierung hat aber auch die automatisch geltenden Schutzmechanismen für neu in die Liste aufgenommene Tiere eingeschränkt.So sind die drei Vogelarten auf unterschiedliche Weise durch Trumps Regeländerungen bedroht und mit ihnen viele andere Tiere. Aber es muss nicht so kommen. Die Regierung beruft sich bei den Aufweichungen des Endangered Species Act nämlich auf ein Urteil des Obersten Gerichts von 2024. Mit „Loper Bright Enterprises v. Raimondo“ beendeten die Richter die sogenannte „Chevron-Doktrin“, nach der Gerichte bei strittigen Gesetzesinterpretationen den Fachbehörden folgen sollten.Nach dem Urteil in Sachen „Loper Bright“ sollen Richter unabhängiger darüber entscheiden, was die angemessene Interpretation eines Gesetzes ist. Darin steckt jedoch auch das Potential einer neuen juristischen Niederlage für Trump. Denn er will das Urteil schließlich nutzen, um eine lang etablierte Behördenpraxis beim Artenschutz zu verwerfen. Gerichte könnten auch gegen den Präsidenten entscheiden. Umweltverbände und indigene Gemeinschaften haben bereits Klagen eingereicht.
Donald Trump weicht den Artenschutz auf
Donald Trump weicht den Artenschutz auf. Dafür braucht er nicht einmal den Kongress. Auch ein kleiner New Yorker Strandvogel ist in Gefahr, sobald er sich auf die Winterreise nach Süden macht.







