Viele haben den Radprofi Primoz Roglic schon abgeschrieben – nun bekommt er an der Vuelta unverhofft die Chance auf die AuferstehungDer 36-jährige Slowene hat nach dem Aus seines Landsmanns Tadej Pogacar plötzlich die Chance, zum Rekordsieger der Spanien-Rundfahrt Vuelta aufzusteigen.03.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWohin geht es in der Zukunft? Primoz Roglic fehlt ein neuer Vertrag für die kommende Saison.Alexander Hassenstein / GettyPrimoz Roglic trennt weniger als eine Minute vom Olymp seiner Sportart. Der Radprofi aus Slowenien ist Olympiasieger im Zeitfahren, er hat den Giro d’Italia gewonnen, dazu viermal die Spanien-Rundfahrt Vuelta und auch noch das Monument Lüttich–Bastogne–Lüttich. Nur an der Tour de France, dem wichtigsten Velorennen des Jahres, scheiterte er stets.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Seine Leistungswerte entzücken die Trainer auf Anhieb.«Ich wollte immer Skispringer sein»Roglic sagt: «Ich habe nie davon geträumt, ein Veloprofi zu werden. Ich wollte immer ein Skispringer sein.» Er verbessert sich trotzdem stetig. Nach einem Jahr fährt er schon für ein World-Tour-Team, im dritten Profijahr gewinnt er am Giro d’Italia erstmals eine Etappe einer Grand Tour. Wenig später mischt er die Tour de France auf, der Gesamtsieg scheint eine Frage der Zeit. Wenn da nicht Pogacar gewesen wäre.Die Tour 2020 ist ein Wendepunkt, im ganzen Radsport. Sie markiert die Geburtsstunde des Dominators Pogacar. Für Roglic bedeutet sie eine Zäsur: Näher kommt er einem Tour-Sieg nicht mehr, vielmehr verdichten sich mit jeder Saison die Anzeichen, dass er diesen grössten Sieg seiner Sportart stets verpassen wird.Roglic stürzt oft, ist verletzt, hat gegen Pogacar keine Chance. Schliesslich sieht er in seinem damaligen Team auch noch den zweifachen Tour-Sieger Jonas Vingegaard an sich vorbeiziehen. Roglic wechselt 2024 als Königstransfer zu Red-Bull-Bora-Hansgrohe und kassiert geschätzte vier Millionen Euro pro Jahr. Er erfüllt aber auch dort die immensen Erwartungen nur halbwegs.Roglic «darf» sich auf die Vuelta konzentrierenDer Tag vor dem Tour-Start im Sommer 2025 steht sinnbildlich dafür. Roglic sitzt auf einer Bühne im Opernhaus von Lille. Doch er wirkt teilnahmslos und gibt sich derart einsilbig, als würde ihn die Tour de France nur am Rande interessieren. Wie fit er sei? Das werde man sehen, antwortet er. Ob er den Landsmann Pogacar vielleicht herausfordern könne? Auch das, sagt Roglic, werde man sehen. Das Ziel? Mal schauen.2024 triumphiert Roglic zum vierten Mal an der Vuelta.Isabel Infantes / ReutersWährend der Rundfahrt entpuppt sich sein Teamkollege bei Red-Bull-Bora-Hansgrohe, Florian Lipowitz, stärker als der Captain Roglic. Doch der unterstützt den jungen Deutschen nur halbherzig – wenn überhaupt. Lipowitz beendet die Tour auf Rang drei, und viele in seiner Heimat Deutschland glauben, dass mehr möglich gewesen wäre, hätte Roglic sich nur in den Dienst seines elf Jahre jüngeren Teamkollegen gestellt.Die teaminternen Reibereien haben Konsequenzen für dieses Jahr. Roglic fehlt im Aufgebot für die Tour 2026, an der Red-Bull-Bora-Hansgrohe auf eine Doppelspitze mit Remco Evenepoel und Lipowitz setzt. Der Teamchef Ralph Denk sagt kurz vor der Tour, Roglic dürfe sich dieses Jahr auf die Vuelta konzentrieren. Und meint damit, dass das Risiko für Knatsch im Team mit Roglic als Helfer zu gross ist. Und dass in seiner Equipe kein Platz mehr ist für den 36-Jährigen. Roglics auslaufender Vertrag wird nicht verlängert.Teamwechsel dürfen im Radsport ab dem 1. August kommuniziert werden, unterschrieben wird oft viel früher. Bis jetzt wartet Roglic trotzdem vergeblich auf einen neuen Vertrag, obwohl er dem Vernehmen nach weitermachen will und es Gespräche mit Quick-Step und Pinarello Q36.5 gegeben haben soll. Ausgerechnet während dieser Phase voller Ungewissheit bekommt Roglic nun an der Vuelta unverhofft die Chance auf den Coup.Pogacar, der grosse Favorit, stürzte auf der achten Etappe und musste die Spanien-Rundfahrt aufgeben. Roglic hingegen, den viele schon abgeschrieben haben, findet sich auf Rang zwei im Gesamtklassement wieder, nur 1:18 Minuten hinter dem Leader Enric Mas. Überflügelt Roglic den Spanier noch und entscheidet die Vuelta für sich, würde er mit fünf Gesamtsiegen zum alleinigen Rekord-Champion dieser Rundfahrt aufsteigen.Wenige Wochen vor der Vuelta wird Roglic von einem Auto angefahrenDas zu schaffen, ist aber eine grosse Herausforderung für Roglic. Nur wenige Wochen vor dem Vuelta-Start erfasst ein Auto ihn beim Training auf der Strasse. Eine schmerzhafte Muskelverletzung im Oberschenkel zwingt ihn zu einer Trainingspause. Roglic sagt am vergangenen Montag am Ruhetag zu «The Athletic», gewohnt lapidar: «Es ist schwierig vorauszusagen, was nun passieren wird. Vielleicht breche ich auch ein. Wir werden sehen.» Er sei glücklich, überhaupt dabei zu sein, und geniesse die Vuelta.Es scheint, als hätte Roglic sich vom Erwartungsdruck befreit. Zu verlieren hat er wenig, der Palmarès ist beachtlich. Der Gesamtführende Mas mag im Moment der stärkere Bergfahrer sein; doch besser als der Veteran Roglic war er an einer grossen Rundfahrt noch nie. Dieser sagt: «Den grössten Kampf habe ich mit mir selbst. Wie immer.» Seine Karriere, ob sie nächstes Jahr nun weitergeht oder nicht, fasst das ziemlich gut zusammen.Passend zum Artikel