Das Peloton hatte sich dem Großmeister längst gebeugt, die Gegnerschaft kapitulierte in der ersten Woche dieser Radrundfahrt, wie Überfallene nach einer sehr kurzen Belagerung. Tadej Pogacar hatte bereits drei Etappen gewonnen, er lag so uneinholbar an der Spitze dieser 81. Vuelta, dass sich die übrigen Radprofis mit dem Wettkampf um Rang zwei arrangiert hatten. Ein Regent im roten Leibchen zog seine Kreise, unangreifbar, wie es schien. Ehe die Alleinherrschaft des Tadej Pogacar – wie aus unheiterem Himmel – auf der Landstraße CV 675 zerbarst.Es geschah am Samstagnachmittag, 32,8 Kilometer vor der Zielankunft der achten Etappe: Das Fahrerfeld war auf der linken Straßenseite der CV 675 bei Valencia unterwegs, Pogacar fuhr wie üblich in solchen Situationen geschützt hinter seinen Teamkollegen, als es passierte: Der fünfmalige Tour-de-France-Gewinner machte einen Schlenker und stürzte kopfüber auf den Asphalt. Offenbar hatte der Slowene zu seiner Trinkflasche gegriffen, als er just in diesem Moment über einen Gegenstand fuhr. Eventuell war ein Steinbrocken im Spiel, es sind aber auch Bilder eines kleinen schwarzen Objekts im Umlauf, womöglich ein Akku einer Kamera? Ungewiss.MeinungRadsport:Jetzt muss Pogacar auch noch für die Sicherheit bei Unwetter sorgenGewiss ist, dass Pogacar versuchte aufzustehen, sich wieder aufs Rennrad zu bewegen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Stattdessen stieg der Mann im zerrissenen roten Trikot des Vuelta-Führenden in einen Medizinwagen. Die Untersuchung ergab inzwischen einen verschobenen Bruch des linken Schlüsselbeins sowie einen stabilen Bruch des siebten Halswirbels. Zudem trug der Weltmeister eine Gehirnerschütterung und zahlreiche Abschürfungen davon. „Er wird eine Operation am Schlüsselbein benötigen. Dieser Eingriff wird jedoch aufgrund der bei einer Gehirnerschütterung gebotenen Vorsichtsmaßnahmen zunächst zurückgestellt“, sagte UAE-Teamarzt Adrian Rotunno.Enric Mas bekommt das rote Trikot überreicht, das zuvor Pogacar getragen hatte, und reagiert mit einer GesteWährend Pogacar per Krankenwagen nach Barcelona transportiert wurde, mündete die Etappe in einem zweiten Massensturz, diesmal im Zielsprint, allerdings ohne weitere Ausfälle. Der Franzose Bryan Coquard wurde im Küstenort Jaraco als Tagessieger geehrt, ehe die Zeremonie für den Träger des rotfarbenen Jerseys für den Gesamtführenden bevorstand. Siebenmal war dieser Tagesordnungspunkt dem Slowenen Pogacar vorbehalten gewesen, er hatte es seit dem Etappensieg beim Einzelzeitfahren vor einer Woche getragen. Nun also musste einer nachrücken.Es war zu erahnen, dass Enric Mas dieser Gang nicht sonderlich leicht fiel. Als er auf die Bühne trat, das war auch im TV-Bild gut zu erkennen, da sprach weniger Stolz aus seinen Zügen, mehr gequält lächelte der 31-Jährige dem Applaus entgegen, ehe ihm das rote Leibchen überreicht wurde. Normalerweise streift sich der Eroberer diese Auszeichnung sogleich über die Schultern, doch der Spanier Mas verzichtete darauf, hielt es stattdessen hüfthoch nach vorn. Als wolle er sagen: Eigentlich sollte es ein anderer tragen.Es gibt im Radsport bestimmte Sturzmuster, die eine wiederkehrende Sicherheitsdebatte in Gang bringen. Etwa vor gut einem Monat, als der Kolumbianer Einer Rubio bei der Tour de France auf dem Weg nach Alpe d’Huez schwer gestürzt war. Rubio war gegen ein ausgebremstes Begleitfahrzeug gekracht, nachdem ein Zuschauer die enge Straße betreten hatte. Pogacars Fall ist anders gelagert, nicht unvernünftige Fans, zu enge Straßen oder zu steile Kurven waren hier im Spiel, mehr Pech, sodass die Frage nach Verantwortlichen hier wohl eher in die Irre führt. „Niemand trägt die Schuld“, sagte Matxin Fernandez, Sportdirektor von Poagacars UAE-Team: „So etwas passiert im Radsport.“Red-Bull-Kapitän Primoz Roglig hat nun wieder seriöse Chancen auf seinen fünften Vuelta-TriumphDie Spanien-Rundfahrt ist und bleibt damit die einzige Grand Tour, die Pogacar in seiner Siegerliste noch fehlt. Ende Juli hatte er zum fünften Mal die Tour gewonnen, dazu gewann er 2024 den Giro d’Italia. 3:50 Minuten hatte er vor Mas gelegen, nun führt der Mallorquiner vom Team Movistar 1:11 Sekunden vor Felix Gall aus Österreich (Team Decathlon) und dem Kapitän der deutschen Equipe Red-Bull-Bora-Hansgrohe, Primoz Roglic aus Slowenien (+1:33). Der 36-Jährige darf sich nun wieder seriösere Hoffnungen auf seinen fünften Vuelta Gesamtsieg machen, womit er alleiniger Rekordhalter wäre. Wenn man so will, ist dies die einzig positive Nebenwirkung von Pogacars Ausfall: Die Spanien-Rundfahrt dürfte fortan spannend werden.Und doch fehlt die größte Attraktion. Die italienische Gazzetta dello Sport schrieb vom „Sturz des Königs“, L’Equipe aus Frankreich erkannte „eine grausame Laune des Schicksals“. In dieser Saison wird Pogacar kaum mehr ins Renngeschehen eingreifen. Bei einem Schlüsselbeinbruch ist mit einer sechswöchigen Pause zu rechnen. Seinen Titel beim WM-Straßenrennen in Montreal am 27. September wird er nicht verteidigen können.Pogacar selbst meldete sich am Sonntag sichtlich lädiert per Internetposting. Aus dem Krankenbett von Barcelona sandte er ein Foto an seine Fans in die Welt: Sein Nacken ist mit einer Halskrause geschützt – am Kopf, an der Schulter und an der Hand trägt er Verbände. Aber, auch das ist zu erahnen: Der ihm eigene Humor ist ihm auf der Landstraße CV 675 nicht abhandengekommen. Garniert hat Pogacar seinen Gruß mit dem Bee-Gees-Klassiker „Stayin’ Alive“.