Seinem primären Arbeitsplatz kam Noah Atubolu am Mittwoch schon ziemlich nah. Der neue Eintracht-Torhüter stellte sich zur Mittagszeit im Pressekonferenzraum des Waldstadions der Öffentlichkeit vor. Die große Bühne für einen, der im Fußball ein ganz Großer werden und sich einen festen Platz in der Nationalmannschaft erkämpfen will. Wohl mit dem Fernziel, ganz oben irgendwann am liebsten die Nummer eins zu sein. Zur Begrüßung in Frankfurt formulierte der 24 Jahre alte Atubolu seinen Anspruch zunächst so: „Ich bin hier in Deutschland im Blickfeld. Für jeden Spieler ist es ein Traum, für Deutschland zu spielen.“Wahrscheinlich saß die neue Frankfurter Nummer eins zwischen den Pfosten das erste und zugleich letzte Mal in dieser Spielzeit auf dem Podium. Pressekonferenzen, bei denen neben dem Trainer auch jeweils ein Spieler Platz nimmt, gibt es hier nämlich mindestens ein Jahr lang keine. Die Eintracht hat international keine Pflichtspieltermine mehr – anders als der vorherige Arbeitgeber von Atubolu, der SC Freiburg, der immerhin in der Conference League vertreten ist.Vor ein paar Monaten war der Torhüter noch weit davon entfernt, sich Eintracht Frankfurt als neuen Arbeitsplatz vorstellen zu können. Sein Wunschziel war die Premier League. Atubolus Sehnsuchtsort für seinen weiteren Aufstieg, passend zum ambitionierten Karriereplan. Der in Freiburg geborene Profi, dessen Eltern aus Nigeria stammen, signalisierte dem SC früh, dass er sich sportlich hin zu Größerem verändern wolle.Atubolu drohte in Freiburg der Worst CaseDoch trotz seiner klaren Positionierung fand sich dann kein Platz für ihn auf der Insel. Atubolus Vorstellungen erwiesen sich im Nachhinein als nicht realisierbar. Ihm drohte der „Worst Case“, bis zur nächsten Transferperiode im Winter kein im Spielbetrieb aktiv beschäftigter Torhüter zu sein. Für seinen Werdegang wäre das ein erheblicher Makel gewesen. Der SC hatte ebenfalls früh geplant und Mio Backhaus als Atubolus Nachfolger an sich gebunden.„Es war nicht alles top, es war keine einfache Zeit, weil Sachen passiert sind, die nicht gehen“, blickte Atubolu auf das Erlebte zurück. Was er daraus gelernt hat? „Ich habe es zu schätzen gelernt, wie besonders es ist, auf dem Platz zu stehen. Ich bin froh, wieder den normalen Alltag zu haben, es war eine turbulente Zeit.“ Eine, durch die ihn die Familie und Freunde getragen hätten, nicht zu vergessen die Freiburger Fußballfamilie. „Jeder in Freiburg war für mich da. Ihnen allen gebührt Respekt.“Unter diesen Umständen könnte nun die Eintracht zur bestmöglichen Lösung für Noah Atubolu werden, der sich im August von seiner Berateragentur getrennt hatte und ein Angebot von Olympique Marseille nicht weiter verfolgte. Zum einen, weil die Mainmetropole schon immer ein Wohlfühlort für ihn war. In Frankfurt hat er Freunde und eine eigene Wohnung, die er aktuell vermietet hat. Außerdem wird ihm bei der Eintracht keiner – Kauã Santos muss sich mit seiner Rolle als Ersatztorhüter arrangieren – seinen Platz streitig machen, sofern Atubolu sein Können zeigt. Und daran zu zweifeln, gibt es im Hinblick auf seine bisher gezeigten Leistungen keinen Grund.In Freiburg stellte der in der dortigen Fußballschule groß gewordene, 1,90 Meter lange Torwart zwei Bestmarken auf: Einmal blieb Atubolu, der im Alter von 21 Stammtorhüter bei den Profis wurde, 609 Minuten in Folge ohne Gegentor, ein neuer Vereinsrekord. Zudem wehrte er in der Bundesliga fünf Elfmeter in Folge ab, was wiederum eine Bestmarke in der Liga bedeutete. Schon in seiner ersten Profisaison musste Atubolu in der Bundesliga, der Europa League und im DFB-Pokal 15 Mal kein Gegentor hinnehmen, auch das ist ein stolzer Wert.Beim 3:3 auswärts gegen Union Berlin am ersten Spieltag erlebte Noah Atubolu einen Kaltstart. Aber nur, weil ihn Frankfurt erst einen Tag zuvor am Freitag unter Vertrag genommen hatte. Viel Zeit zur Eingewöhnung brauchte der Neue nicht: Mit einigen Paraden sicherte Atubolu der Eintracht nach einer 3:1-Führung zumindest einen Punkt. Einen starken Rückhalt werden die Frankfurter in Zukunft wohl auch benötigen.Die Eintracht wird einen starken Rückhalt benötigenDenn die am Dienstag zu Ende gegangene Transferperiode brachte für Frankfurt einen enttäuschenden Schlusspunkt mit sich. Aus der Rückholaktion von Stürmer Arnaud Kalimuendo wurde auch auf den letzten Drücker nichts. Nottingham Forest erklärte sich mit den finanziellen Konditionen, die die Eintracht zu bieten hatte, offenbar nicht einverstanden. Nicht ein einziger neuer Spieler stand schließlich am sogenannten „Deadline Day“ auf der Zugangsseite. Dabei hatte Trainer Adi Hütter wenige Tage zuvor noch gesagt: „Es fehlt sicher noch etwas.“ Nur neue Qualität wurde dem Aufgebot kaum zugeführt. Mit Lilian Brassier hatte die Eintracht am Montag wenigstens noch einen aus seiner Zeit in Frankreich erfahrenen Innenverteidiger an Land gezogen.Verlassen haben Frankfurt indes am Schlusstag Hugo Larsson (per Leihe mit Kaufpflicht zum FC Fulham), Jean-Matteo Bahoya (per Leihe mit Kaufpflicht zu Leeds United) und Niels Nkounkou (per Leihe mit Kaufoption zu OGC Nizza). Unter dem Strich birgt Frankfurts Gesamtkader mit seiner Besetzung im Angriff und in der Verteidigung Risiken. In Zukunft könnten sich Lücken auftun, sollte sich der ein oder andere Spieler nicht dauerhaft als bundesligatauglich erweisen. Diese hätte dann in erster Linie Markus Krösche zu verantworten. Der Sportvorstand steht seit einiger Zeit in der Kritik.Der Aufsichtsrat der AG indes stützte Krösche auf einer turnusmäßigen Sitzung am Mittwoch. Es habe Einigkeit darüber bestanden, „dass wir die vor uns liegenden Aufgaben weiter mit großer Geschlossenheit angehen wollen. Unser Fokus richtete sich in den letzten Wochen darauf, die bestmöglichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison zu schaffen. Das ist der Sportlichen Führung gelungen“, wurde Mathias Beck, der Vorsitzende des Gremiums, in einer Mitteilung der Eintracht zitiert. „Veränderungen in der Vorstandsstruktur oder sonstige Personalthemen“ seien nicht Gegenstand der Sitzung gewesen, hieß es weiter.Noah Atubolu soll bei der Eintracht die Zukunft gehören. Nach einer Saison als Leihspieler ist durch das Greifen einer Kaufpflicht in Höhe von geschätzt 15 Millionen Euro ein Anschlussvertrag mit ihm vermutlich bis zum 1. Juli 2031 geplant. „Für mich ist das hier der richtige Karriereschritt“, sagte der Torhüter am Mittwoch, der die Eintracht zu den großen Vereinen in Deutschland zählt. „Der Schritt war wichtig. Ich will viele, viele Spiele machen.“Im besten Fall entwickelt sich der Torhüter in Frankfurt zu einem absoluten Führungsspieler. Atubolu bringe „großes Potential, viel Mentalität und die nötige Qualität mit, um unserer Mannschaft wichtige Impulse zu geben“, sagte Krösche bei dessen Verpflichtung. In Freiburg gehörte der Torwart mit seiner offenen Art zu den Integrationsfiguren im Team. Die Mannschaft der Eintracht sei nun im Vergleich mit mehr jüngeren Spielern besetzt. „Wir haben eine unfassbar talentierte Truppe. Wenn wir richtig zusammenwachsen, kann es richtig gut werden“, meine Atubolu und kündigte an, „in eine neue Rolle hineinwachsen“ zu wollen. „Ich möchte helfen und unterstützen, das Füreinander ist für mich wichtig.“Seine Heimat Freiburg hat Noah Atubolu nun zum ersten Mal verlassen. Aufgewachsen ist der Fußballprofi im bevölkerungsreichsten Stadtteil Weingarten, einem multikulturellen Viertel, in einfachen Verhältnissen. „Wir hatten es nicht einfach zu Hause, hatten sehr wenig Geld“, hat er einmal erzählt. Trotzdem empfindet Atubolu seine Kindheit – in Weingarten gehe es „bodenständig und familiär“ zu – im Rückblick als sehr positiv. Gewisse Heimatgefühle wird er am 19. September entwickeln: An einem Samstag trifft er mit Frankfurt im Waldstadion auf Freiburg. „Ich freue mich riesig, die Jungs wiederzusehen. Ich habe Freiburg immer im Herzen.“
Für Torwart Noah Atubolu ist Eintracht Frankfurt ein Karriereschritt
Noah Atubolus Wunschziel war die Premier League. Nun ist er bei der Eintracht gelandet. In Frankfurt soll er die Zukunft prägen – auch weil weitere Neuzugänge ausblieben.









