Kurz vor der Präsidentschaftswahl holt ein Skandal Brasiliens Justizelite einNeue Ermittlungsakten belasten mächtige Richter des Landes und den Generalstaatsanwalt. Teile des Justizapparats versuchen nun die Ermittlungen gegen die eigenen Reihen zu stoppen.02.09.2026, 15.00 Uhr4 LeseminutenRichter Alexandre de Moraes, der dem obersten Gerichtshof Brasiliens angehört, ist im Fokus von Ermittlungen.Adriano Machado / ReutersSeit Ende letzten Jahres ist bekannt, dass Richter des obersten Gerichtshofs in den Skandal um den Banco Master verwickelt sind. Dabei handelt es sich um den grössten Korruptionsskandal in Brasiliens Bankensektor seit Jahren. Zahlreiche einflussreiche Politiker, Richter und Bürokraten sind darein verwickelt. Doch dem obersten Gerichtshof gelang es wiederholt, Ermittlungen gegen Mitglieder aus den eigenen Reihen ins Leere laufen zu lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das könnte nun vorbei sein: Am Dienstag hob der oberste Richter André Mendonça die Geheimhaltung eines umfangreichen Ermittlungsberichts der Bundespolizei auf. Darin finden sich detaillierte Protokolle von Nachrichten, die sein Richterkollege Alexandre de Moraes und der angeklagte Bankier Daniel Vorcaro ausgetauscht hatten. Veröffentlicht wurden auch Nachrichten, die Vorcaros Verbindungen zu Generalstaatsanwalt Paulo Gonet dokumentieren.Festnahme kurz vor der Flucht nach MaltaDabei wurde deutlich, dass sich der Bankier noch in den Tagen vor seiner Verhaftung am 17. November des Vorjahres mehrmals täglich mit Moraes ausgetauscht hatte. Er wollte wissen, ob er ausser Landes flüchten solle, ob eine Verhaftung noch irgendwie zu vermeiden sei und ob Moraes bei der Zentralbank die Liquidierung seiner Bank verhindern könne. Vorcaro wurde schliesslich festgenommen, als er sich mit seinem Privatjet nach Malta absetzen wollte. Seitdem sitzt er mit Unterbrechungen in Untersuchungshaft.Aus einem unbedeutenden Finanzdienstleister aus der Provinz hatte Vorcaro in zehn Jahren eine Bank mit Aktiva von umgerechnet 16 Milliarden Dollar gemacht. Er bezahlte exorbitante Zinsen auf ausgegebene Anleihen, legte das eingenommene Kapital in riskanten Finanztiteln an und hoffte bis zuletzt, dass eine der gliedstaatlichen Banken sein marodes Portfolio übernehmen werde. Doch irgendwann brach das Geschäftsmodell ein – trotz umfangreichen Schmiergeldzahlungen auf allen Ebenen. Mitte November 2025 wurde der Banco Master unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt und sein Besitzer kurz danach festgenommen.Die veröffentlichten Nachrichten sind auch politisch brisantDie Spitze der Justiz reagierte nun wie schon zuvor, wenn der Skandal einen aus ihren Reihen betraf: Generalstaatsanwalt Gonet versuchte umgehend, die Protokolle für ungültig erklären zu lassen. Die Bundespolizei sei nicht autorisiert, Untersuchungen gegen Mitglieder des obersten Gerichts vorzunehmen. Darüber könne nur das Plenum des obersten Gerichts selbst entscheiden. Auch über Gonet wurde nun bekannt, dass er sich und Familienmitglieder von Vorcaro zu Luxusreisen ins Ausland einladen liess.Das oberste Gericht steht damit erneut im Zentrum einer Glaubwürdigkeitsdebatte. «Brasilien steht vor einem der schwersten Momente seiner institutionellen Geschichte», sagt Bruno Brandão von Transparency International in Brasilien. «Noch nie war der Oberste Bundesgerichtshof mit derart vielen Indizien konfrontiert, korrupt gehandelt, Interessenkonflikte in Kauf genommen und sich von privaten Interessen vereinnahmen lassen zu haben», so Brandão.Vor allem Richter Alexandre de Moraes hat der Institution mit seinem Verhalten enormen Schaden zugefügt. Renommierte Tageszeitungen wie die «Folha de São Paulo» fordern seinen sofortigen Rücktritt. Es ist derselbe Richter, der im vergangenen Jahr das Verfahren gegen Ex-Präsident Jair Bolsonaro unter anderem wegen eines Putschversuchs leitete.Doch während dieses Verfahren vor allem von den engsten Anhängern Bolsonaros und Donald Trumps heftig kritisiert wurde, sind es im Skandal um den Banco Master nun seine finanziellen Verbindungen, die Moraes’ Ruf schwer beschädigen.Auch Moraes’ Ehefrau und Kinder sind involviertSchon bei den Ermittlungen Ende vergangenen Jahres kam ans Licht, dass die Kanzlei, bei der Moraes’ Ehefrau und Kinder arbeiten, den Banco Master für umgerechnet 24 Millionen Dollar über drei Jahre rechtlich vertreten sollte. Umfragen bei anderen Kanzleien ergaben, dass das Honorar weit über dem Üblichen lag. Nun ist publik, dass der Bankier Vorcaro der Kanzlei weitere 10 Millionen Dollar für Nutzungsanteile an Helikoptern und Privatjets zugesagt hatte.Moraes wies bisher jeden persönlichen Zusammenhang mit der Geschäftsbeziehung zwischen dem Banco Master und der Kanzlei seiner Frau von sich. Doch die neuesten Enthüllungen zeigen, dass Moraes persönlich Änderungsvorschläge an dem Vertrag vorgenommen hatte. Was er dem Bankier auf dessen wiederholtes Nachfragen antwortete, ist bis anhin nicht bekannt. Nachgewiesen ist jedoch, dass sich der Richter sechsmal persönlich mit dem Angeklagten getroffen hat und ihn auf zwei seiner Luxusreisen begleitete.Wie sich der Skandal auf die in einem Monat stattfindende Präsidentschaftswahl auswirken wird, ist offen: Präsident Luiz Inácio Lula da Silva führt in den Umfragen vor Flávio Bolsonaro, dem Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten.Während Lula bis jetzt keine direkten Verbindungen zu Vorcaro vorgeworfen werden, ist das bei Flávio Bolsonaro anders. Der Bankier soll ihm rund 12 Millionen Dollar gegeben haben, angeblich, um einen Film über seinen Vater zu drehen. Zuvor hatte Flávio Bolsonaro stets geleugnet, den Bankier überhaupt gekannt zu haben.Dennoch könnte der inzwischen hochgekochte Skandal auch Lulas Popularität schaden. Denn seit der Verurteilung Bolsonaros gilt Richter Moraes für die rechte Opposition als einer ihrer grössten Gegner und wird von ihr politisch dem Lager Lulas zugerechnet. Zudem verbinden viele Wähler Lula weiterhin mit grossen Korruptionsskandalen in der Vergangenheit.Lulas Popularität könnte Schaden nehmen durch die Vorgänge um Moraes.Andre Borges / EPADazu gehört vor allem der Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras, der die Regierungen der Arbeiterpartei PT schwer belastete und auch zum politischen Niedergang von Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff beitrug. Lula und der PT haben eine politische Verantwortung für das über Jahre gewachsene Korruptionssystem stets zurückgewiesen.Für Lula kommt der Skandal besonders ungelegen, weil er vier Wochen vor der ersten Wahlrunde noch Gesetze durch den Kongress bringen wollte, mit denen er sich für eine vierte Amtszeit bewerben könnte. Nun blockieren Abgeordnete der Opposition mit ihren Forderungen nach einer Absetzung von Richter Moraes die Legislative. 54 Anträge auf ein Impeachment des Richters wurden inzwischen gestellt.Entscheidend wird jetzt sein, wie das Plenum des obersten Gerichtshofs mit den neuen Erkenntnissen der Bundespolizei umgeht. Richter Mendonça hat bereits beantragt, dass das Plenum über die Vorwürfe berate. Es bleibt abzuwarten, ob der Senatspräsident dem wachsenden öffentlichen Druck nachgibt und doch noch ein Amtsenthebungsverfahren gegen Richter Moraes einleitet.Passend zum Artikel
Banco-Master-Skandal: Neue Enthüllungen erschüttern Brasiliens Justiz
Neue Ermittlungsakten belasten mächtige Richter des Landes und den Generalstaatsanwalt. Teile des Justizapparats versuchen nun die Ermittlungen gegen die eigenen Reihen zu stoppen.














