Für Ariane Türk beginnt Arbeit weit vor dem ersten Dienstplan. Wer Angehörige pflegt, einen Haushalt organisiert oder ein Kind zur Kita bringt, arbeitet ebenfalls, sagt die 26-Jährige. Der Satz von Bundeskanzler Friedrich Merz, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet, verfehlt für sie deshalb die Wirklichkeit. „Wir sind alle der Meinung, dass Deutschland zurückfällt“, sagt sie. „Man wird aber nicht Bundeskanzler, um populistische Thesen rauszuhauen. Merz’ Populismus hilft nicht weiter.“Ihr gegenüber sitzt Ralph Wolffs, 74 Jahre alt, vor seiner Rente Kindertherapeut in Mainz. Zusammengekommen sind die beiden über die Debattenaktion „Deutschland spricht“, an diesem 30. August in der Frankfurter Redaktion der F.A.Z. Die meisten der acht vorab gestellten Fragen haben sie unterschiedlich beantwortet. Türk wird am Frankfurter Bürgerhospital zur Hebamme ausgebildet und hat zuvor an der Universität Bamberg einen Bachelor in Politikwissenschaft und Philosophie absolviert. Wolffs meint: Ja, in Deutschland wird zu wenig gearbeitet.Ärger über gigantische VerwaltungsapparateDie Debatte über die Arbeitszeit hält er für „eine typisch deutsche Diskussion“. Der Bundeskanzler sei dafür bekannt, zugespitzt zu formulieren. „Aber was er wirklich meint, das wissen wir gar nicht, und die Diskussion darüber ist auch gar nicht entstanden“, sagt Wolffs. Er fordert eine Diskussion über die von ihm so genannten „gigantischen Verwaltungsapparate“ in Teilen der deutschen Wirtschaft. Als Beispiel nennt er die Jugendämter. „Da können Sie die Hälfte der Leute rausschmeißen.“Der Satz verschiebt das Gespräch rasch von der individuellen Leistungsbereitschaft zur Frage, wie der Staat seine Aufgaben organisiert. Türk setzt bei den Menschen an, die diese Aufgaben erfüllen sollen. Wenn Beschäftigte an einer Stelle ineffektiv arbeiteten, müsse geprüft werden, ob sie an anderer Stelle gebraucht würden, sagt sie. „Wer soll das machen?“, fragt Wolffs skeptisch. Menschen einfach von einem Arbeitsplatz zum nächsten zu verschieben, hält er für „naiv“.Türk bleibt bei ihrem Grundgedanken. Sie will die Probleme des Landes bearbeiten. „Ich will in diesem Land noch in 50 Jahren leben“, sagt sie. Wenn sie nicht das Gefühl habe, gemeinsam etwas verändern zu können, dann könne sie es auch gleich lassen.Danach wendet sich das Debattenpaar der Politik der Bundesregierung zu. Wolffs sieht Merz häufig zu Unrecht kritisiert. Er sei der „Watschenmann“, obwohl die SPD doch eigentlich alles blockiere. Türk teilt diese Einschätzung nicht. Sie verweist darauf, dass die Parteien, die heute regierten, zuvor bereits über lange Zeit Regierungsverantwortung getragen hätten. Die Kritik treffe deshalb genau die Richtigen.„Politik hat etwas damit zu tun, Sachen abzuarbeiten“Die Hebammenstudentin gibt auch persönliche Einblicke. Während ihres Studiums in Bamberg habe sie für eine Bundestagsabgeordnete der damaligen Ampelkoalition gearbeitet. „Mich hat das desillusioniert“, berichtet sie. Sie habe den Eindruck gehabt, dass die Menschen im Land viele der umgesetzten Vorhaben kaum wahrgenommen hätten. „Zur Halbzeit der Ampel war die Hälfte des Koalitionsvertrags umgesetzt.“„Wir beide haben wohl ein unterschiedliches Verständnis von Politik“, resümiert Ariane Türk gegenüber Ralph Wolffs.Inga KlöberHier tritt der Unterschied zwischen beiden besonders deutlich hervor. Türk versteht Politik als einen langen Prozess, dessen Ergebnisse sich oft erst verspätet zeigen. Wolffs bezweifelt, dass diese Sprache Menschen erreicht, die sich von der Politik abgewandt haben. „Erzählen Sie das mal einem AfD-Wähler!“ Gerade bei Menschen, die sich von der Politik abgewendet hätten, könne man mit Erfolgsbilanzen aus Koalitionsverträgen wenig ausrichten. „Und wenn Sie dem sagen, wir haben schon die Hälfte abgehakt, schaltet der ab. Das verstehe ich sogar“, sagt Wolffs.Türk stellt fest: „Wir beide haben wohl ein unterschiedliches Verständnis von Politik.“ Und: „Politik hat etwas damit zu tun, Sachen abzuarbeiten“, sagt sie. Viele Veränderungen ließen sich nicht von heute auf morgen sehen, schließlich gehe es um gemeinschaftliche Prozesse. „Wir sind Politik, wir sind Teil davon.“ Wolffs entgegnet, dass die meisten Menschen kaum noch definieren könnten, was Demokratie bedeute. Viele würden die demokratische Ordnung, die erhalten werden soll, zu wenig kennen.Einig nur bei der EinheitBei einer Frage finden die beiden dennoch zusammen. Beide bejahen, dass die deutsche Einheit gelungen sei. Es ist die einzige der acht vorab gestellten Fragen, die sie gleich beantwortet haben. Formal sei die Einheit gelungen, und auch grundsätzlich sei sie „eine gute Sache gewesen“, sagt Wolffs, der die deutsche Teilung selbst erlebt hat.Türk nickt zustimmend. „Dieses Gefühl von Vergangenheit und Nostalgie gegenüber der DDR, das kann ich schon verstehen“, sagt sie. „Brechen Sie gerade eine Lanze für die AfD?“, fragt Wolffs schelmisch. Türk lehnt ab. „Ich kann nur den Frust der Menschen verstehen.“ Den Frust lässt Wolffs gelten. „Doch dem System muss man nicht hinterhertrauern.“Er formuliert eine Einschränkung im innerdeutschen Verhältnis: „Wir sprechen dieselbe Sprache, aber wir verstehen uns vielleicht nicht immer gleich.“ Der Satz bündelt das Gespräch. Türk und Wolffs verlassen ihre jeweiligen Überzeugungen nicht. Sie haben ihnen ein Gegenüber gegeben.
Friedrich Merz in der Kritik: „Populismus hilft nicht weiter“
Der Bundeskanzler müsse besser kommunizieren, meint die angehende Hebamme. Bei den Jugendämtern könne man die Hälfte entlassen, sagt der pensionierte Kindertherapeut. Im F.A.Z.-Tower treffen sie aufeinander.








