In „Frankie und Freddie“ wird Franks Bruder Manfred, genannt Freddie, kurz vor Weihnachten aus einem Probandenhotel entlassen, wo er als medizinisches Versuchskaninchen Geld verdient hat. Zu spät bemerkt er, dass er wichtige Papiere vergessen hat, die er für eine Reise nach New York braucht. Frank und Freunde helfen einen Nachmittag lang bei der Suche, eine Odyssee durch das Westberlin von 1980 beginnt – bei der auch die Frage geklärt werden muss, ob die Brüder nicht doch Heiligabend bei den Eltern in Bremen verbringen sollen. Wie kurz wäre das Buch geworden, wenn es schon Handys gegeben hätte? Die Suche wäre wohl deutlich schneller beendet worden?Ist nicht unbedingt gesagt, weil man trotzdem die wichtige Nummer von dem ein oder anderen nicht hat. Natürlich bauen viele Sachen darauf auf, dass die Kommunikation in der damaligen Zeit anders war, aber das gilt auch für Romane, die im Dreißigjährigen Krieg spielen.Frank Lehmann ist Jahrgang 1959, er wäre heute 67 Jahre alt, kann man sagen, wie es ihm heute geht?Ich könnte das sagen. Aber das müsste ich erst entscheiden. Man kann sich das als ein Paralleluniversum vorstellen, von dem ich ab und zu berichte und das als solches eben weiterläuft.Das Berlin der 1980er im Buch wirkt anstrengend: Der Smog ist heftig, der Schwefel von den Braunkohleöfen verpestet alles. Egal wo Frankie und die anderen sind, sehen sie oder treten sie in Hundekacke. Orientierung gibt es nur mithilfe der störrischen Falk-Stadtpläne. Vielleicht hätte Herr Lehmann irgendwann genug von alldem?Westberlin war eine übervölkerte Stadt ohne Auslauf, das bringt natürlich viele Sachen mit sich, auch Neurosen. Aber es hat sich auch viel getan, die Kohleöfen verschwanden nach und nach, es kamen die Zentralheizungen. Früher waren es 7,5 Tonnen Hundekot jeden Tag, heute räumt das fast jeder Hundehalter weg. Vor der Wende war im Osten noch ein ganz anderer Geruch virulent, der der Zweitaktmotoren. Ost und West rochen durchaus unterschiedlich. Und heute ist die Luft viel besser, selbst bei Inversionswetterlage – die es heute auch seltener gibt, weil es nicht mehr so kalt wird.Als Frank versucht, ein hartes Grippemittel zu kaufen, verspottet die Apothekerin ihn gern als „Arbeitskraft zur Verfügung stellenden allzeitbereiten Lohnsklaven“. War diese politische Attitüde normal?Sven Regener: „Frankie und Freddie“Kiepenhauer & WitschSo eine alternative Apothekerin in Kreuzberg konnte sehr radikale Standpunkte haben – dass alles, was Leid lindert, nur dafür da ist, dass Kranke wieder zur Arbeit gehen. Generell das marxistische Ding, alles auf den Hauptwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital zurückzuführen. Bald kam das mit einer seltsamen esoterischen oder protestantischen Ethik zusammen, dass Fieber auch gut sei für den Körper und man Schmerzen annehmen solle und so Kram. Viele dieser antimodernen Impulse gingen damals auf die Reise.Frank hält voll dagegen, daraus ergibt sich große Komik. Die Leute reden überraschend schroff und latent aggressiv miteinander, es gibt eine allumfassende Streitlust ...Das war eine debattenreiche Zeit, und wir sind in einer Szene, die viel mit Kunst zu tun hat und die, weil alle unsicher sind, ständig bereit ist, ihren eigenen Standpunkt hinauszuposaunen und an der Realität im Streit mit anderen zu überprüfen, wie eine Kampfsporttechnik. Der raue Umgangston gehörte dazu.Einmal beschwert sich ein arbeitsloser Berliner, Herr Friedrich, vom Balkon aus, wie Franks Freunde über „Prolls“ reden. „Wie hier über das Proletariat gesprochen wird, ist nicht in Ordnung, wenn es erst einmal zur Revolution gekommen ist, könnte das für euch alle übel enden.“ Da muss man sofort lachen, weil das so eine große Dimension hat.Heute klingt das völlig absurd, aber die Revolutionsidee und diese Art von Politik war verbreiteter. Herr Friedrich ist, wie es scheint, Mitglied der KPD/ML, erkennbar an: „Hoch die Faust für Ernst Aust!“, das war deren Vorsitzender. In besagter Szene prallt die Kunstboheme der frühen Achtziger auf die Politwelt der späten Siebzigerjahre, das ist quasi automatisch komisch.Sie kannten diese Szene gut, Sie waren als Jugendlicher kurz mal aktiv im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Viele wollten damals in linke Gruppen, Hauptsache, radikal, oder?Von Anfang an waren die K-Gruppen der Siebzigerjahre ein großer Anachronismus, und das wurde Anfang der Achtzigerjahre alles immer unhaltbarer. Und man darf das auch nicht überschätzen. Der KBW, die DKP, die KPD/ML, der KABD und wie sie alle hießen: letzten Endes auch nur so was wie Kleingartenvereine, nur kleiner.Haben Sie damals an die Revolution geglaubt?Ja, klar, sonst wäre ich ja nicht im KBW gewesen, aber das ist fast 50 Jahre her, und ich habe nie verstanden, warum einige Leute heute noch sagen: „Ja, wir waren halt damals Idealisten.“ Das stimmte nicht. Wir wollten die Diktatur des Proletariats, und daran war nichts gut. Gott sei Dank lange vorbei!Franks Bruder spricht selbstkritisch über das Leben der Kunstboheme. Er sagt: „Auch wir beide sind im Grunde nur Arschlöcher, die aus West-Berlin einen Abenteuerspielplatz machen, weil alles so schön kaputt ist, und die anderen sind Arschlöcher, die in der Stadt kaputt gegangen ist, die den ganzen Scheiß erlebt haben, den Krieg, den Mauerbau, den ganzen Kram.“ Und die sich jetzt mit Autobahnbau trösten würden. Die Stadt als Kulisse. War das wirklich das Gefühl?Westberlin war eine sterbende Stadt, deswegen gab es viele Freiräume und verfallende Häuser und Ruinen. Viele Westdeutsche konnten sich nicht vorstellen, da zu leben – die Menschen alle so graugesichtig, die schlechte Laune in der U-Bahn. Und das mit dem Autobahnbau war wahnsinnig, der Oranienplatz sollte eine Art Autobahnkreuz werden. Man ließ deshalb schon mal die Häuser verkommen, vor allem in Schöneberg und Kreuzberg, und dann wurden das die Immigranten- und Freakviertel inklusive Hausbesetzungen, Kunstszene und so weiter und so fort. Zugezogene Freaks und alteingesessene Berliner, da gab es das lässige Ignorieren und das totale gegenseitige Nichtverstehen. Und da, wo man sich nicht so einer sozialen Kontrolle unterworfen fühlt, ist eine Menge Freiheit.Frank, der Neu-Berliner, fragt, als sein Bruder ihm vorwirft, er würde nichts auf die Reihe kriegen: „Warum sollte ich was auf die Reihe kriegen wollen?“