Die chinesischen Behörden reagierten schnell. Nach der Sturzflut im Himalaja, die neben dem Grenzort Gyirong auch tibetische Geschäfte, Restaurants, Teehäuser und Wohnungen zerstörte, wurden die überlebenden Anwohner fortgebracht. Nur Sicherheitskräfte und Rettungshelfer durften das Gebiet noch betreten. „Die Veröffentlichung von Informationen vor Ort wurde vollständig unterdrückt“, berichtet eine tibetische Quelle, deren Informationen der F.A.Z. zugetragen wurden. Die Internet- und Mobilfunknetze im gesamten Gyirong-Gebiet auf der von China kontrollierten tibetischen Seite seien in den ersten Tagen „vollständig ausgefallen“.Laut dem Bericht einer Kontaktperson vor Ort seien im von der Schlammflut verwüsteten Dorf Serchung am vergangenen Freitag, zwei Tage nach dem Desaster, mehr als 140 Menschen in Sicherheit gebracht worden – hauptsächlich Schüler eines örtlichen Internats. Aber auch Bewohner nicht direkt betroffener Dörfer in der Nähe mussten ihre Häuser und das Gebiet verlassen. „Die Behörden lassen keinen einzigen Anwohner in die Katastrophengebiete und löschen weiterhin Fotos und Videos zum Thema Hochwasser, die in lokalen WeChat-Gruppen geteilt wurden.“Der Rest der Volksrepublik erhält eine größtenteils kuratierte Version der Ereignisse. Wer auf der Plattform Douyin, dem chinesischen Tiktok, den Suchbegriff der Grenzanlage Gyirong eingibt, bekommt Suchergebnisse, die alle von Staatsmedien oder regierungsnahen Accounts stammen, dem Staatsfernsehen, der örtlichen Partei-Tageszeitung in Tibet oder der Lokalverwaltung.Eine Nachrichtensperre hat Peking nicht über Tibet verhängt, das China seit 1950 besetzt und seit 1965 als „Autonomes Gebiet“ der Volksrepublik verwaltet. Vielmehr kontrolliert der Machtapparat die Bilder, Quellen und Opferzahlen und somit die Deutung der Katastrophe.Nepal veröffentlicht Listen, China verfolgt „Falschinformationen“ auf „Online-Plattformen“Während auf nepalesischer Seite zahlreiche Namen der nunmehr rund eintausend Toten und viertausend Vermissten bekannt gegeben werden – darunter auch in Nepal betroffene Chinesen –, findet sich auf chinesischer Seite für Tibet weiterhin keine veröffentlichte Liste. Dagegen teilten die chinesischen Behörden mit, dass die Polizei in Tibet mehrere Personen wegen der Verbreitung „falscher Zahlen zu Vermissten und Todesopfern auf Online-Plattformen“ vorgeladen habe. „Diese Falschinformationen führten die Öffentlichkeit in die Irre und hatten negative soziale Auswirkungen.“ Verbreitet werden sollten nur offizielle Zahlen.Opferzahlen allerdings wurden von den chinesischen Behörden, Stand Dienstagabend, seit Sonntag nicht mehr aktualisiert. Weiterhin ist demnach offiziell von 16 Toten und 546 Vermissten die Rede, mehr als eintausend Menschen habe man in Sicherheit gebracht. Manche in China erinnert das an die Flut in der Provinz Guangxi vom sechsten Juli dieses Jahres, für die wochenlang unverändert 26 Tote gemeldet wurden – anderthalb Monate nach dem Unglück wurde diese Zahl dann plötzlich auf 159 Tote erhöht.Jetzt gehen die Bilder und Informationen einer der größten Naturkatastrophen der Region von Nepal aus in vielen verschiedenen Quellen um die Welt. In China dagegen werden sie vom Staatsapparat bestimmt. Die Region ist vor unabhängiger Berichterstattung ohnehin bereits abgeschottet. Internationale Journalisten kommen nur mit kaum zu erhaltender Sondergenehmigung nach Tibet, und bislang ist nicht bekannt, dass jemand ins Unglücksgebiet gelassen wurde. Auch einige chinesische Journalisten wurden offenbar daran gehindert, darunter Angehörige von Staatsmedien.Berichterstattung konzentriert sich auf Fortschritt der RettungsaktionenSelbst die zwei international kursierenden Videos von Überwachungskameras, die den Aufprall der Schlammfluten in Gyirong zeigen, wurden in den chinesischen sozialen Medien in ihrer privaten Verbreitung gedrosselt, wenn nicht oft ganz gesperrt. Auf WeChat konnten die Videos in weiten Teilen weder geteilt noch gesendet werden oder wurden bei Empfängern nicht angezeigt. Einige chinesische Medien, die diese Videos veröffentlicht hatten, löschten sie später wieder. Wer es drauf anlegte, konnte diese Videos weiter finden. Aber die Breite der chinesischen Bevölkerung dürfte auf ihren Mobiltelefonen nicht mehr damit konfrontiert worden sein. Auch andere Bilder verschwanden.Die Berichterstattung der offiziellen chinesischen Medien konzentriert sich währenddessen fast ausschließlich auf den Fortschritt der Such- und Rettungsaktionen, also auf die Retter und nicht die Opfer: Rettungstrupps in geordneten Formationen und ordentlichen Uniformen, Bagger mit rotierenden Greifarmen bei der Wiederherstellung der zerstörten Landstraße am Rande des Flussbettes. Betroffene kommen kaum vor, schon gar nicht in persönlichen Berichten. Berichtet wird auch über die Zahl der Opfer auf nepalesischer Seite. Aber wie es den betroffenen Tibetern im von China beherrschten Gebiet geht, bleibt offen.Aktivisten der „International Campaign for Tibet“ nannten die Dörfer Sale, Serchung, Lapi und Rizi als am schwersten betroffene Gebiete. „Die Behörden in Tibet müssen den freien Informationsfluss, ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe und die sinnvolle Einbindung der örtlichen Gemeinschaften in die Katastrophenhilfe gewährleisten“, verlangte ihre im Ausland lebende Vorsitzende Tencho Gyatso.Chinas Außenministerium wies Kritik an der Informationspolitik zurück. „China hat Informationen stets offen, transparent und zeitnah veröffentlicht“, hieß es in Peking. Ganz nach der Maßgabe, die Ministerpräsident Li Qiang vor ein paar Tagen bei seinem Notbesuch in Tibet persönlich vorgetragen hatte: „Informationen über die Katastrophenlage und die Notfallmaßnahmen sollten offen und transparent veröffentlicht werden“, sagte der Ministerpräsident. Nur eben Pekings Informationen.
Nepal: China verbreitet Falschinformationen auf eigenen Online-Plattformen
Die Sturzflut im Himalaja ist eine der größten Naturkatastrophen in der Region. Auf chinesischer Seite aber gibt es weder unabhängige Bilder noch Zahlen.











