Wenn der Union Jack zum «Sicherheitsrisiko» wird – in Grossbritannien tobt ein Kulturkampf um FlaggenErst waren überall Gaza-Fahnen zu sehen, nun hissen nationalistische Gruppen massenweise britische Flaggen. Das sorgt für Skandale, Randale und Verbote.Marion Löhndorf02.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBritische und englische Flaggen am Saint George’s Day in Birmingham, April 2026.ImagoSeit dem vergangenen Sommer sind allein in Birmingham mehr als 10 000 Fahnen aufgetaucht. Die Flaggen wurden nicht etwa von der öffentlichen Hand an öffentlichen Gebäuden angebracht. Oder zu besonderen Anlässen von feiernden Menschen hervorgeholt – wie bei königlichen Jubiläen, sportlichen oder militärischen Veranstaltungen. Sie flattern auch nicht nur auf privaten Grundstücken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manche Fahnen in Birmingham wurden bei Nacht und Nebel hochgezogen, inzwischen aber auch bei Tag. Sie hängen an Strassenlaternen, zieren Kreisverkehrsinseln, Brücken und andere Stellen der öffentlichen Infrastruktur. Im Südwesten der zweitgrössten englischen Stadt sind entlang ganzer Strassenzüge an fast jedem Laternenmast Flaggen mit Kabelbindern befestigt.Islamistische Umtriebe an SchulenNeben dem Union Jack, der Flagge des Vereinigten Königreichs, ist oft auch die englische Flagge mit dem roten Sankt-Georgs-Kreuz auf weissem Grund zu sehen. Das Sankt-Georgs-Kreuz wurde auch in die Mitte einiger Verkehrskreisel gesprüht.Was ist in Birmingham los? Da flattern nicht nur zu viele, illegal angebrachte Fahnen im Wind. Die Stadt ist von extremer politischer Fragmentierung, tiefen sozialen Spannungen und den Nachwirkungen einer schweren Finanzkrise geprägt. Um das Defizit auszugleichen, wurden die Gelder für Jugendzentren, Bibliotheken und Strassenbeleuchtung gekürzt. Zugleich wurde die Gemeindesteuer stark erhöht. Ein seit 2025 andauernder Streik der Müllabfuhr sorgt für überlaufende Mülltonnen und illegale Müllentsorgung.Probleme bereitet auch die «super diversity» der Stadt: Mehr als die Hälfte der Einwohner identifizieren sich als ethnische Minderheiten, der Anteil der ethnisch weissen Briten liegt noch bei rund 43 Prozent. Der Bürgermeister Zaker Choudhry ist Muslim. Der Kulturkampf zwischen britischem Nationalismus und islamisch-konservativen Interessen gefährdet den sozialen Zusammenhalt. Im Sommer 2014 kam es zum Skandal, als einige Schulen sich dem Vorwurf ausgesetzt sahen, islamistisch unterwandert worden zu sein. Nicht zu Unrecht, wie anschliessende Untersuchungen zeigten. So gab es in Birmingham «koordinierte Bemühungen, an manchen Schulen ein intolerantes und aggressives islamistisches Ethos einzuführen».Rechtsextreme und einwanderungsfeindliche ZügeDie massenhafte Verbreitung der Nationalflagge begann Mitte Juli letzten Jahres in Weoley Castle in Birmingham und dehnte sich auf benachbarte Gebiete aus, von den West Midlands bis zum Rest von England. Urheber sind nationalistische und migrationskritische Gruppierungen wie in Birmingham die Weoley Warriors. Operation Raise the Colours ist der Name einer weiteren, überregional agierenden Gruppe, die angeblich eine Spende von der rechtsextremen Organisation Britain First angenommen hat, wie die «Times» berichtete.Auf ihrer Crowdfunding-Seite beschrieben sich die Weoley Warriors als «eine Gruppe stolzer englischer Männer mit dem gemeinsamen Ziel, Birmingham und dem Rest des Landes zu zeigen, wie stolz wir auf unsere Geschichte, unsere Freiheiten und unsere Errungenschaften sind». Sie wollen «den lokalen Gemeinschaften Hoffnung geben, dass noch nicht alles verloren ist und sie nicht allein sind».Die Weoley Warriors erklärten in der BBC-Sendung «Midlands Today», sie wollten den Bürgern lediglich den Tag verschönern und ihnen Freude und Liebe bringen.Die intensive Beflaggung verschärft allerdings ein hoch angespanntes politisches und gesellschaftliches Klima. Darüber hinaus ist sie eng mit den gegenwärtigen Debatten um das Thema Migration verknüpft. Und sie fiel mit Protesten in der Nähe von Unterkünften für Asylsuchende zusammen. Kritiker und Antirassismusgruppen argumentieren, die Bewegung habe rechtsextreme und einwanderungsfeindliche Züge. Bei Minderheiten rufe sie ein Gefühl der Einschüchterung oder des Unbehagens hervor.Sowohl die Sankt-Georgs-Flagge als auch der Union Jack werden seit vielen Jahren als Symbole rechtsextremer politischer Bewegungen verwendet. Kritiker halten die Beflaggung nicht für patriotisch, sondern für eine Ausrede für Fremdenfeindlichkeit. Befürworter werfen den Verwaltungen dagegen vor, mit zweierlei Mass zu messen. Palästinensische, pakistanische oder somalische Flaggen würden von den Behörden im öffentlichen Raum geduldet.Bis zu 2500 Pfund Busse für illegales FlaggenhissenDer frühere Premierminister Keir Starmer versuchte, den Kulturkampf zu entschärfen, indem er betonte, er sei «ein Befürworter von Flaggen» und ermutige die Menschen, diese zu hissen. Sein Nachfolger Andy Burnham, damals noch Bürgermeister von Manchester, hatte versucht, das Thema mit Humor zu neutralisieren. Der Chef von Reform UK, Nigel Farage, ist Befürworter der Beflaggung. Der Bischof von Leicester schlug in der «Times» gar vor, Kirchen zu beflaggen.Rechtlich gibt es jedoch Grenzen. Auf Privatgrundstücken und an ihren Häusern dürfen die Engländer Flagge zeigen. Auch Behörden, Kommunalverwaltungen und Regierungsgebäude dürfen den Union Jack oder das Sankt-Georgs-Kreuz hissen.Aber es ist verboten, Flaggen an Laternenmasten, Brücken oder Kreiseln anzubringen, ohne dass eine Genehmigung der örtlichen Strassenverkehrsbehörde oder der Gemeinde vorliegt. Ein Verstoss kann zu Geldstrafen von bis zu 2500 Pfund führen. Es liegt allerdings im Ermessen der Gemeinden, zu entscheiden, in welchem Umfang sie gegen das Hissen nicht genehmigter Flaggen vorgehen.Gewalt und FestnahmenDie Reaktionen der Behörden in ganz England fallen unterschiedlich aus. Mehrere Kommunalbehörden haben gerichtliche Verfügungen beantragt oder unerlaubt angebrachte Flaggen an öffentlichem Eigentum entfernt. Dies mit dem Argument, man müsse die «Sicherheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt» gewährleisten. Darunter sind Gemeinden wie Oxfordshire County Council und der Stadtrat von Southampton.All dies ging nicht geräuschlos vonstatten. Der Streit führte wiederholt zu Konfrontationen auf offener Strasse zwischen Befürwortern und Anwohnern, die die Flaggen wieder abmontierten. Dabei kam es auch zu Gewalt und Festnahmen. Mitarbeiter der Stadtverwaltung wurden bedroht und beschimpft.Auch die Stadtverwaltung von Birmingham unter der Führung einer Koalition aus Liberaldemokraten, Grünen und Unabhängigen stuft das ungefragte Anbringen der Flaggen als «Sicherheitsrisiko» und «Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung» ein. Die Verwaltung hat Hunderte von Flaggen entfernt und beim High Court eine einstweilige Verfügung gegen Aktivistengruppen beantragt. Die betroffenen Gruppen haben angekündigt, dennoch weiterzumachen.Passend zum Artikel