ErklärtDie fünf wichtigsten Entscheidungen in Sachsen-Anhalt: was Sie zum Wahlabend wissen müssenAm Sonntag wird in dem ostdeutschen Bundesland ein neues Landesparlament gewählt. Erstmals hat ein AfD-Politiker realistische Chancen, Ministerpräsident zu werden. Doch Ulrich Siegmund will nicht um jeden Preis regieren.02.09.2026, 04.30 Uhr5 LeseminutenInhaltsverzeichnisWird Ulrich Siegmund erster Ministerpräsident der AfD?Kann die CDU eine Anti-AfD-Koalition bilden?Schaffen es SPD und Grüne in den Landtag?Gelingt der FDP die Auferstehung?Ist der Höhenflug des BSW beendet?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wird Ulrich Siegmund erster Ministerpräsident der AfD?Der AfD-Kandidat Ulrich Siegmund strebt nach der absoluten Mehrheit.Sean Gallup / GettyAuf einen Mann richten sich am Wahlabend alle Augen. Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat als Erster in seiner Partei realistische Chancen, Ministerpräsident eines Bundeslandes zu werden.Die AfD führt die Umfragen deutlich an. Sie kommt derzeit auf etwas mehr als 40 Prozent und könnte ihr Ergebnis der letzten Landtagswahl im Jahr 2021 verdoppeln. Fast 20 Prozentpunkte trennen die Rechtsaussenpartei von der zweitstärksten Kraft, der konservativen CDU.Allerdings will Siegmund nicht um jeden Preis regieren. Er müsse sich auf eine stabile Mannschaft verlassen können, mit der er seine Versprechen umsetzen könne, sagte er im Wahlkampf. Das gebe es nur in einer Alleinregierung der AfD. Um dieses Ziel zu erreichen, ist er jedoch auf Verluste bei den anderen Parteien angewiesen. Verfehlen etwa SPD, Grüne, FDP und BSW den Einzug in den Landtag, würde der AfD schon ein Ergebnis um die 40 Prozent reichen, um allein regieren zu können.Ein solches Ergebnis hätte Folgen, die weit über Sachsen-Anhalt hinausreichen. Für die AfD wäre es ein historischer Triumph. Deutlicher könnte die einstige Anti-Euro-Protestpartei ihren Aufstieg zur Volkspartei kaum vollenden. Allerdings müsste sie nach der Wahl auch erstmals ihre Regierungsfähigkeit unter Beweis stellen. Der Landesverband in Sachsen-Anhalt ist in der Vergangenheit nicht gerade durch eine professionelle Führung aufgefallen. Er steht im Zentrum einer Vetternwirtschaftsaffäre, die sich in den Umfragen allerdings nicht niederschlägt.Die anderen Parteien dürfte eine absolute Mehrheit für die AfD im Landtag ebenfalls in eine Krise stürzen. Sie wäre ein deutliches Signal, dass die Brandmauer ungeeignet ist, um die Rechtsaussenpartei einzuhegen. Das Ergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt dürfte jedenfalls schon am Wahlabend zu Diskussionen über den Umgang mit der AfD führen.Kann die CDU eine Anti-AfD-Koalition bilden?Der CDU-Ministerpräsident Sven Schulze lehnt eine Koalition mit der AfD ab.Lars Reimann / ImagoDer Spitzenkandidat der CDU, Sven Schulze, steht vor schwierigen Entscheidungen. Er hat das Amt des Ministerpräsidenten im Januar von seinem Parteikollegen Reiner Haseloff übernommen. An die Popularität seines Vorgängers, der als «Landesvater» viele Wähler hinter sich vereinen konnte, kommt Schulze jedoch nicht heran. Verfehlt die AfD eine absolute Mehrheit im Landtag, bieten sich ihm für eine mögliche Regierungsbildung nur schlechte Optionen.Folgende Szenarien sind möglich:Koalition aus CDU und AfD: Gemessen an den Umfragen hätte eine blau-schwarze Koalition wohl eine stabile Mehrheit. Die CDU schliesst Koalitionen mit der AfD jedoch kategorisch aus, das hat sie 2018 in einem Unvereinbarkeitsbeschluss festgehalten. Dass Schulze dagegen aufbegehrt, ist eher unwahrscheinlich. Das Thema hat das Potenzial, die CDU zu spalten. Als die Konservativen im vergangenen Jahr bei einer Abstimmung zur Migration im Bundestag in Kauf nahmen, dass die AfD mit ihnen stimmt, gab es massive Kritik, auch aus den eigenen Reihen. Eine solche Debatte wird Schulze vermeiden wollen.Koalition aus CDU, Linkspartei und anderen: Sollten es kleinere Parteien wie die SPD, die Grünen, die FDP oder das BSW in den Landtag schaffen, könnte Schulze rein rechnerisch eine Mehrparteienkoalition gegen die AfD bilden. Der Druck auf ihn aus dem linken politischen Spektrum wäre in diesem Falle vermutlich gross. Für die CDU wäre ein solches Bündnis ausserdem ein Tabubruch. Der Unvereinbarkeitsbeschluss der Konservativen gilt auch für die Linkspartei, die aus der PDS, der SED-Nachfolgepartei, hervorgegangen ist.Minderheitsregierung: Das für die CDU am wenigsten heikle Bündnis wäre wohl eine Koalition mit SPD und Grünen, sollten beide es in den Landtag schaffen. Allerdings müsste Schulze dann bei jeder Abstimmung im Parlament um eine Mehrheit kämpfen. Er wäre vermutlich noch immer auf die Stimmen der Linkspartei angewiesen. Deren Bundesvorsitzender hat bereits Zustimmung zu einer Tolerierung signalisiert. Schulze zeigte sich bislang jedoch zögerlich. «Ich werde mich niemals von irgendjemandem abhängig machen», sagte er in der vergangenen Woche in der MDR-Wahlarena.Schaffen es SPD und Grüne in den Landtag?SPD und Grüne könnten in Sachsen-Anhalt zum Zünglein an der Waage werden. Sie liegen in den Umfragen knapp über der 5-Prozent-Hürde. Auch ein knapper Wiedereinzug in den Landtag hätte grossen Einfluss auf die möglichen Koalitionen. Eine absolute Mehrheit für die AfD im Landtag würde unwahrscheinlicher.Die Aussicht darauf, eine AfD-Alleinregierung verhindern zu können, hat das politische Vorfeld von SPD und Grünen mobilisiert. Die Organisation Campact wirbt etwa unter Einsatz grosser Ressourcen dafür, «strategisch» zu wählen – gemeint sind Grüne und SPD. Gemäss den Umfragen sieht es so aus, als könnte der Plan aufgehen.Für beide Parteien steht allerdings mehr auf dem Spiel als bloss ihr Wiedereinzug in den Landtag. Die Grünen haben in Ostdeutschland einen schweren Stand. 2024 flogen sie bereits aus dem Brandenburger Landtag. Im Wahlkampf versuchen sie, mit Bürgernähe zu punkten. Der Parteivorsitzende Felix Banaszak fährt etwa mit einem Taxi durch den Osten, um zu erfahren, was die Menschen «umtreibt». So soll verhindert werden, dass die Partei im Osten in der Bedeutungslosigkeit versinkt.Bei der SPD könnte die Wahl gar Folgen für die Parteispitze haben. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verzeichnete sie Niederlagen von historischem Ausmass. Ihre einstigen Kernwähler, die Arbeiter, haben sich der AfD zugewandt. Eine Besserung ist nicht in Sicht, was die Vorsitzenden, Arbeitsministerin Bärbel Bas und Finanzminister Lars Klingbeil, zunehmend in Bedrängnis bringt. Verluste in Sachsen-Anhalt würden die Debatte um einen Führungswechsel vermutlich weiter befeuern.Gelingt der FDP die Auferstehung?Die FDP muss fürchten, dass sich ihre Krise in Sachsen-Anhalt fortsetzt. Die Liberalen könnten laut Umfragen an der 5-Prozent-Hürde scheitern. Dann wären sie nur noch in fünf Landesparlamenten vertreten.Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist zudem die erste, seitdem Wolfgang Kubicki die Parteiführung übernommen hat. Er steht für einen Kurswechsel. In der Ampelkoalition im Bund trug die Partei noch viele eher links-liberale Entscheidungen mit. Kubicki hingegen will mit den Themen Meinungsfreiheit, Migration und freie Marktwirtschaft punkten. Das Ergebnis ist also auch ein erster Indikator, ob seine Strategie aufgeht.Ist der Höhenflug des BSW beendet?Für das BSW entscheidet sich in Sachsen-Anhalt, ob es mehr als eine politische Eintagsfliege ist. Die von Sahra Wagenknecht gegründete Partei liegt derzeit knapp unter der 5-Prozent-Hürde. Von ihren einstigen Erfolgen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen ist sie damit weit entfernt. In Westdeutschland ist sie in noch keinem Landtag vertreten.Der Landesverband in Sachsen-Anhalt versucht gezielt, Wähler anzusprechen, die zwar einen Politikwechsel wollen, aber nicht die AfD wählen. Die BSW-Spitzenkandidaten sprachen sich für ein Ende der Brandmauer aus. Falls sie es in den Landtag schaffen, sind sie offen dafür, punktuell mit der Rechtsaussenpartei zusammenzuarbeiten. Konkret stellen sie sich einen überparteilichen Ministerpräsidenten vor, der mit wechselnden Mehrheiten im Landtag regieren würde. Der Kurs ist allerdings parteiintern umstritten. Im Wahlkampf verliessen mehrere Mitglieder die Partei, unter ihnen auch solche in Führungspositionen.Passend zum Artikel
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: was Sie für Sonntag wissen müssen
Am Sonntag wird in dem ostdeutschen Bundesland ein neues Landesparlament gewählt. Erstmals hat ein AfD-Politiker realistische Chancen, Ministerpräsident zu werden. Doch Ulrich Siegmund will nicht um jeden Preis regieren.














