Vor zehn Jahren eskalierte die Repressionswelle gegen die Uiguren. Heute ist die internationale Empörung abgeklungen. Die wichtigste uigurische Exilorganisation kämpft mit chinesischer Einschüchterung, finanzieller Unsicherheit und einer Führungskrise.01.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenProtest gegen die Unterdrückung der Uiguren in China mit der Flagge der historischen Region Ostturkestan, heute als sogenanntes autonomes Gebiet Xinjiang Teil Chinas. Bild aus Istanbul im Jahr 2021.Dilara Senkaya / ReutersDer Sitz des «Weltkongresses der Uiguren» liegt im Erdgeschoss eines Münchner Wohnblocks aus den siebziger Jahren. Die Anschrift ist leicht zu übersehen, die Glasfassade blickdicht. Für die chinesische Regierung sitzt hinter dieser unscheinbaren Fassade eine Terrororganisation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Präsident Turgunjan Alawdun empfängt in der Sofaecke seines Büros. Alawdun spricht nur wenig Englisch. Zur Begrüssung reichen einige Sätze, dann erscheint die Vizepräsidentin und übersetzt für ihn. Das China-Restaurant an der Ecke? Das sei schon vor ihnen da gewesen. «Das Essen schmeckt uns nicht. Die Chinesen essen alles – Hunde, Katzen», sagt er und lächelt. Es ist eine bemerkenswerte Aussage für den Präsidenten einer Organisation, die gegen ethnische Diskriminierung kämpft.Der Weltkongress der Uiguren versucht seit zwei Jahrzehnten, die uigurische Sache auf die politische Agenda zu bringen. Die Organisation lobbyiert bei der Uno, im Europäischen Parlament, bei der EU und bei nationalen Regierungen, organisiert Proteste, dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und bildet Aktivisten aus.Ab 2018 gelangten immer mehr Belege für die Überwachung und die Masseninternierung in Xinjiang an die Öffentlichkeit. Die USA verhängten 2020 Sanktionen gegen Verantwortliche in Xinjiang, die EU und Grossbritannien folgten 2021. Auf Initiative des damaligen Weltkongresspräsidenten Dolkun Isa entstand 2020 zudem das private Uyghur Tribunal. Es kam 2021 zu dem Schluss, China habe an den Uiguren einen Genozid begangen. 2022 veröffentlichte das Uno-Menschenrechtsbüro schliesslich seine Untersuchung zur Lage in Xinjiang: Die Verstösse könnten Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen.Dann wurde es ruhiger.Vergangene Woche hat nun die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) Alarm geschlagen. Die Welt spreche kaum noch über die Uiguren. «Die anfänglich starke Reaktion der internationalen Gemeinschaft ist verpufft», sagt Yalkun Uluyol, der bei HRW zu China forscht, in einer Medienmitteilung der Organisation. Chinas Regierung nutze das aus, um so zu tun, als sei in Xinjiang alles normal.Mehr als 500 Haftanstalten in XinjiangDabei dauert die Repression der Uiguren weiter an, zehn Jahre nachdem der Hardliner Chen Quanguo Parteichef in Xinjiang geworden ist und die Massnahmen massiv verschärft hat. Die Lokalregierung hat viele der Internierungslager, über die internationale Medien berichtet hatten, geschlossen. Hunderttausende Uiguren und Angehörige anderer muslimischer Minderheiten in Xinjiang sitzen aber weiterhin in Gefängnissen.Wie eine Recherche der «Financial Times» im Mai anhand von Satellitenbildern, öffentlich zugänglichen Dokumenten und Zeugenaussagen aufdeckte, gibt es im sogenannten autonomen Gebiet Xinjiang mindestens 579 Haftanstalten mit Platz für über 600 000 Gefangene. Das ist wahrscheinlich die grösste Zahl von Plätzen in Gefängnissen gemessen an der Bevölkerung weltweit: eine Kapazität von einem Platz auf 40 Einwohner.Der Assimilationsdruck in Xinjiang ist hoch. Uigurischsprachige Bücher verschwinden, Kinder stecken in Internaten, wo sie Chinesisch lernen. Überwachung gehört ebenso zum Leben in Xinjiang wie kurzzeitige Festnahmen zur Einschüchterung. Der Staat will das Gebiet zur Tourismusregion entwickeln und organisiert Arbeitsprogramme. Uno-Experten weisen warnend darauf hin, dass diese zum Teil Zwangsarbeit darstellen könnten. Peking bestreitet systematische Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit und kulturelle Unterdrückung und beschreibt seine Xinjiang-Politik als Terrorismusbekämpfung, Entwicklung und Stabilisierung.Uiguren-Organisation stehen unter DruckDass das internationale Interesse an der Lage der Uiguren dennoch schwand, hat mehrere Gründe: Die Repression ist diffuser geworden, die sichtbarsten Zeichen davon, die Lager, sind mehrheitlich verschwunden. Dazu kommt: Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit liegt anderswo – bei den Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine, beim amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der täglich für neue Schlagzeilen sorgt. Aber es hat auch damit zu tun, dass die wichtigste Organisation der Uiguren, die von München aus arbeitet, empfindlich geschwächt ist.Alawdun steht erst seit Herbst 2024 an der Spitze des Weltkongresses. Er hat Xinjiang 1995 verlassen, um in Kairo islamisches Recht zu studieren. Kurz vor der Jahrtausendwende zog er nach Deutschland. Seit der Gründung des Weltkongresses der Uiguren 2004 ist er Teil der Organisation, lange leitete er die religiösen Angelegenheiten und stellte Kontakte in die muslimische Welt her. Er war der einzige Kandidat, der sich für die Nachfolge von Dolkun Isa, der zehn Jahre im Amt war, zur Verfügung stellte. Kritiker sagen: Das wirft Fragen auf. Auf der Website der Organisation werden demokratischer Pluralismus, Menschenrechte und gewaltloses politisches Handeln zu Grundwerten erklärt.Beim Weltkongress der Uiguren in Sarajevo wurde 2024 Turgunjan Alawdun zum Präsidenten gewählt (nicht auf dem Bild). Er war der einzige Kandidat.Amel Emric / ReutersAlawdun sagt: «Niemand hat sich getraut, zu kandidieren, wegen der Einschüchterung, der ich vor der Wahl ausgesetzt war.» Seine Schwester in Norwegen habe einen Anruf von der Polizei erhalten mit einer Drohung: Wenn Alawdun kandidiere, würden seine Geschwister, die noch in Xinjiang lebten, bestraft.Das chinesische Aussenministerium bezeichnet den Weltkongress der Uiguren regelmässig als separatistische «Anti-China-Organisation», teilweise als Terrororganisation. Die Behörden überwachen Aktivisten der Organisation auch im Ausland und versuchen sie über Angehörige in Xinjiang unter Druck zu setzen. Zu diesem Schluss kam auch ein Bericht des Bundesrats vom Jahr 2025. Die chinesische Botschaft in Bern dementierte die Vorwürfe.Im Juli hat Peking jedoch seinen Anspruch, gegen separatistische Aktivitäten im Ausland vorzugehen, gesetzlich verankert. Das neue Gesetz zur «Förderung der ethnischen Einheit» sieht vor, dass auch Organisationen und Einzelpersonen ausserhalb Chinas rechtlich verfolgt werden können, wenn sie aus Pekings Sicht die ethnische Einheit untergraben oder Separatismus betreiben.Trump blockiert GelderZum wachsenden Druck seitens der chinesischen Regierung kam Anfang 2025 ein finanzieller Schock. Fast zwei Drittel des Budgets des Weltkongresses der Uiguren stammten vom National Endowment for Democracy (NED) in Washington. Ende Januar blockierte die Trump-Regierung dem NED vorübergehend den Zugriff auf bereits bewilligte Gelder. «Wir mussten Personal abbauen und Büros verkleinern», sagt Alawdun. Erst später sei wieder Geld geflossen.Der Ruf der Organisation hatte zu jenem Zeitpunkt bereits gelitten – aus anderen Gründen. Alawduns Wahl zum Präsidenten fiel mit einer Affäre um seinen Vorgänger zusammen. Eine junge Aktivistin warf dem damaligen Präsidenten Dolkun Isa vor, ihr in Textnachrichten wiederholt unangemessene Avancen gemacht zu haben. Er habe vorgeschlagen, sich allein zu treffen, und geschrieben, er wolle sie küssen. Auch zwei weitere Frauen meldeten sich mit ähnlichen Vorwürfen beim amerikanischen Investigativmedium «Notus». «Die Menschenrechtswelt hat ein Problem mit sexueller Belästigung», titelte das Medium 2024.Dies könne ein Versuch Chinas sein, die Organisation zu diffamieren, sagte ein Sprecher des Weltkongresses zunächst. Später räumte Isa «schwere Beurteilungsfehler» ein und erklärte, der Weltkongress habe bislang kein robustes Verfahren für Beschwerden gehabt. Er bedaure Nachrichten, die Unbehagen verursacht hätten. Isa trat im August 2024 vorübergehend als Präsident zurück, eine unabhängige Untersuchung wurde angekündigt.Der NZZ sagte Alawdun, eine interne Untersuchung habe keine ausreichenden Beweise gefunden. Eine weitergehende Untersuchung sei erschwert worden, weil beteiligte Parteien nicht mit dem vom Weltkongress engagierten Ermittler kooperiert hätten. Zugleich habe der Weltkongress die Arbeitsbedingungen innerhalb der Organisation überprüft und neue Schutzmechanismen eingeführt.Dolkun Isa ist aus dem Umfeld des Weltkongresses jedoch keineswegs verschwunden. Auch beim Gespräch in München mit seinem Nachfolger taucht er auf. «Ich konsultiere ihn von Zeit zu Zeit wegen seiner Expertise», sagt Alawdun. Der Präsident und sein Vorgänger treten weiterhin gemeinsam auf, bei Lobbyingreisen im Ausland und beim Uno-Menschenrechtsrat. Isa fungiert noch als gewählter Delegierter des Weltkongresses für Deutschland und als Präsident der verbundenen Organisation Uyghur Center for Democracy and Human Rights.Ein Erfolg für PekingFür Peking ist diese Entwicklung ein Erfolg: Die Organisation, die sich international am stärksten für die Rechte der Uiguren eingesetzt hat, ist geschwächt. Die Repression in Xinjiang ist institutionalisiert. Internationale Sanktionen und Gesetze gegen Zwangsarbeit bestehen zwar weiter, aber der Druck westlicher Regierungen hat nachgelassen.Der Kampf des Weltkongresses der Uiguren ist einsamer geworden. Er wird weiterhin versuchen, die Menschenrechtslage der Uiguren auf die politische Agenda zu bringen. Dafür muss er zugleich zeigen, dass er als Menschenrechtsorganisation selbst getreu seinen Werten handelt.Passend zum Artikel
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Vor zehn Jahren eskalierte die Repressionswelle gegen die Uiguren. Heute ist die internationale Empörung abgeklungen. Die wichtigste Exilorganisation der Uiguren steckt in der Krise.









