KommentarPro ArtikelTrumps Griff nach Venezuelas Erdölschätzen bleibt ein PapiertigerMit seinem Abkommen will Donald Trump die strategischen Ölreserven der USA aufstocken. Doch Venezuela produziert derzeit nur ein Prozent der globalen Rohölförderung. Das lässt sich nicht einfach und schnell ändern.01.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Cardón-Raffinerie im Mai 2026: Wegen der sozialistischen Misswirtschaft und der maroden Infrastruktur fördert Venezuela derzeit nur wenig Erdöl.Gaby Oraa / ReutersNur wenige Tage nach dem Sturz des amtierenden Staatschefs Nicolás Maduro durch die USA hatte der Chef des Erdölmultis ExxonMobil an einem Treffen im Weissen Haus eine klare Botschaft: Venezuela sei für Investitionen nicht geeignet, erklärte Darren Woods, der zusammen mit den Vorsitzenden anderer grosser Rohstoffkonzerne zu einem Treffen in Washington geladen war. Donald Trump wollte die Möglichkeiten ausloten, im Land rasch grosse Gewinne zu machen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Riesige Ölvorkommen, aber nur wenig ProduktionNun will der ehemalige Immobilienmogul Trump den USA mit einem Abkommen mit der kommissarisch regierenden Delcy Rodríguez Zugang zu einem Fünftel der venezolanischen Erdölreserven gesichert haben.Welche amerikanischen Konzerne am Projekt teilnehmen, wie viel Geld der venezolanischen Bevölkerung zugutekommt, um welche Erdölfelder es sich genau handelt und wann diese erschlossen werden, ist allerdings unbekannt.Fest steht: Das Vorhaben wird weder den Benzinpreis in absehbarer Zukunft deutlich senken noch die dezimierten strategischen Lager der USA wiederherstellen, wenngleich der amerikanische Präsident genau dies behauptet. Für den Weltmarkt ist Trumps neuster Deal bis auf weiteres bedeutungslos.Venezuela verfügt zwar über die weltweit grössten Erdölreserven, doch nach jahrzehntelanger sozialistischer Misswirtschaft und amerikanischen Sanktionen befindet sich die Infrastruktur des Landes in einem desolaten Zustand. Die Rohölproduktion beläuft sich nur noch auf zirka 1,2 Millionen Fass pro Tag. Das entspricht etwa einem Prozent des weltweiten Fördervolumens. Zum Vergleich: Die USA pumpen knapp 14 Millionen Fass pro Tag.Um Investitionen aus dem Ausland anzukurbeln, hat die Regierung in Caracas unter Rodríguez, die von den USA unterstützt wird, Reformen eingeleitet. Der staatliche Gewinnanteil an der Erdölförderung wurde auf noch rund 30 Prozent mehr als halbiert.Experten gehen von langsamer Produktionssteigerung ausDennoch hat es in den vergangenen Monaten kein amerikanischer Erdölkonzern gewagt, im südamerikanischen Küstenstaat in grossem Umfang neue Geschäftsverträge zu unterzeichnen. Chevron ist zwar laut Medienberichten im Begriff, eine Ausweitung seiner Aktivität vor Ort auf zwei weitere Ölfelder auszuhandeln, doch Exxon und ConocoPhillips gehen vorsichtiger vor.Im Grunde ist die Unsicherheit viel zu hoch: Es gibt immer noch keinen verlässlichen Rechtsstaat und keine demokratisch gewählte Regierung. Bei vielen westlichen Firmen wiegt die Erinnerung an vergangene staatliche Enteignungen schwer. Zudem ist Venezuela weiterhin amerikanischen Sanktionen unterworfen, wenn auch für die Rohstoffförderung Ausnahmen bestehen.Um den Erdölreichtum Venezuelas zu erschliessen, brauchte es gewaltige Investitionen in die Fördertechnik und die Transportmittel. Selbst wenn diese Modernisierung in Angriff genommen werden sollte, wird sie Jahre in Anspruch nehmen und nicht auf Knopfdruck funktionieren. Vor den amerikanischen Zwischenwahlen im November wird Venezuela unmöglich die Produktion ausweiten können.Der Branchendienst Kepler schätzt, dass Venezuela seine Rohölproduktion bis Ende dieses Jahrzehnts kaum auf über 2 Millionen Fass pro Tag wird steigern können. Im internationalen Vergleich ist das immer noch sehr wenig. Die Analysten von Rystad Energy kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.Zweifelhafte RentabilitätInvestitionen sind eine Frage der Logistik, aber auch des Erdölpreises. Sie müssen sich für die beteiligten Unternehmen auf längere Sicht rentieren. Wegen des Iran-Kriegs und der Blockade der Strasse von Hormuz notiert der Ölpreis gegenwärtig bei rund 90 Dollar pro Fass. Doch eigentlich gäbe es ein weltweites Überangebot an Erdöl, wären nicht Hunderte Millionen Fass im Golf-Raum derzeit unzugänglich.Sobald sich die Exporte aus Nahost wieder normalisieren, wird der Ölpreis sehr wahrscheinlich nachgeben. Ferner dürfte die globale Nachfrage nach Brennstoff in den kommenden Jahren wegen der Energiewende und des Bevölkerungsrückgangs sinken. Ob sich in diesem Umfeld eine Investition in ein politisch volatiles Land wie Venezuela lohnt, ist zweifelhaft. Schon als Immobilienunternehmer in New York war Trump dafür bekannt, Vorhaben anzukünden, ohne sie später zu realisieren. In seiner zweiten Amtszeit als Präsident geht er ähnlich vor. Für den Weltmarkt für Energie ist sein neuester Coup auf absehbare Zeit belanglos.8 KommentareDaniel Stalder 02.09.20262 EmpfehlungenDer Venezuela Deal aus geostrategischer Sicht der US Administration: