Hübsche Frauen, teurer Champagner, schnelle Kohle: Die ARD macht Escort-Girl zum TraumberufDie neue Dramedy «Selling Sex» will weibliches Empowerment zeigen. Was als feministischer Akt gedacht ist, verkommt zum hübsch inszenierten Voyeurismus.31.08.2026, 16.43 Uhr4 Leseminuten«Was ist Pet-Play?», fragt die Studentin Nelly (Ella Morgen) die KI und macht sich zu ihrem nächsten Escort-Auftrag auf. Mit «Selling Sex» will die ARD käuflichen Sex als feministischen Akt zeigen.Degeto Film / ARDNelly jammert. Über ihren Job, ihre Schulden. Ihr Leben. Dabei will sie aufsteigen. Vermögen verwalten, richtig Geld scheffeln. Sie könne das, meint sie. Die Studentin ist so ehrgeizig wie selbstbewusst. Bis zu ihrer Masterarbeit in «Economics» braucht sie Praktika. Auch da sei sie gut, habe Ideen. Die hat sie wirklich. Ohne zu stocken, erklärt sie den Kunden bei einer Finanzberatung, wie auch Frauen richtig investieren sollten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch die Welt, ja diese böse, weil kapitalistische Welt, sie sei nicht nett zu Frauen, so denkt Nelly. Die Welt meint, Frauen seien risikoscheu, als Bewahrerinnen von Heim und Herd schlicht nicht fürs Zocken geeignet. So einen «Bullshit» will Nelly selbstredend nicht auf sich sitzen lassen. Sie will den «Shortcut in ein komplett anderes Leben» – und wagt einen «radikalen Strategiewechsel». So nenne es zumindest die Wirtschaft, haucht die Studentin. «Die Welt nennt es Escort.»Sexarbeit als feministischer Akt?Diesen Wechsel zeigt die ARD-Dramedy «Selling Sex» seit vergangenem Freitag in bunten Clips voller Glitzer. Wegen der expliziten Sexszenen läuft sie gegen Mitternacht. Sie präsentiert eine Insta-Welt, die Ausbeutung nicht Ausbeutung nennt und Pornografie als weibliches Empowerment verkauft. Fragen nach Objekt und Subjekt etwa, auch nach den dunklen Seiten der Prostitution, werden höchstens angedeutet, aber nie näher in Betracht gezogen. Ist die Frau kein Objekt mehr, weil sie handelt? Weil sie einmal auf einem Zettel ausgefüllt hat, wozu sie beim Sex bereit ist und wozu nicht? Zumal bei der Escort-Anfängerin ohnehin bei so ziemlich allen Kästchen «situationsbedingt» steht.Die Berlinerin Ella Morgen schaut mit ihren Rehaugen in die Kamera und lässt ihre Nelly das Spiel mitspielen, in dem die Frau macht, wofür sie vom Mann bezahlt wurde. Etwas dünn für eine Serie, die Sexarbeit als feministischen Akt begreift.In den 20- bis 40-minütigen Geschichten folgen die Zuschauer Nelly bei ihrer Selbstermächtigung. Sie will erklären, wie «ich meine Schulden, mein Sexleben, meine Freiheit neu verhandelt habe». Verhandelt hat sie – aber natürlich! – mit einer Frau. Die Escort-Agentur-Chefin Maxine (Anna von Auersperg) erklärt ihr knapp, worauf es ankommt: Gesundheitsamt, Prostitutionsschein, akzeptierte Praktiken. «Keinen echten Namen, nur eigene Kondome, keine Telefonnummer an Kunden herausgeben.» Nelly nennt sich dornröschenhaft «Aurora» und fährt zu ihrem ersten Handjob in einem Kasino.Glitzer, Gangbang, Pet-PlayIn «Selling Sex» geht es um Champagner, teure Hotels, Geldscheine in Briefumschlägen. Schlichter lassen sich Klischees über käuflichen Sex kaum darstellen, mag dieser hier auch nicht in heruntergekommenen, rot ausgeleuchteten, plüschigen Räumen stattfinden.Nelly emanzipiert sich nicht, sie handelt aus der Not heraus, weil sie ihre Schulden abbezahlen muss. Mit Männerbeglückung funktioniert das schneller und einfacher als mit einem Messejob, aus dem sie wegen ihrer grossen Klappe herausfliegt. Weibliche Solidarität? Gibt’s nicht! Auch nicht in ihrem Praktikum, wo «Frau Dr. Storch» stets voll des Lobes für ihr «High Potential» Nelly ist, aber die Studentin unbezahlt arbeiten lässt. Die attraktivere Quelle für Profit weiss da die schlanke wie schöne Studentin bereits woanders.Bevor Nelly zu einem Junggesellenabschied fährt, wo sie mit ihren Escort-Freundinnen plötzlich acht statt vier Männer bespassen soll, schaut sie sich Gangbang-Szenen auf Pornoseiten an. Wenn ein Kunde «Pet-Play» bestellt, lässt sie sich von der KI erklären, was das überhaupt sei (ein Rollenspiel, bei dem, nackt oder nicht, Tier und Halter gemimt werden) und wie sie sich dabei zu verhalten habe. Escort-Girl scheint auch nur ein Ausbildungsberuf zu sein.Doch da ist auch Giulia (Samirah Breuer), die ihrer Mutter noch schnell am Telefon mitteilt, wer die nächsten Kunden seien. Sie ist es, die Nelly erst auf die Idee bringt, sich beim «Flower Escort» zu melden und mit «Champagnertrinken», wie sie ihr schmackhaft macht, schnell und gut zum ersehnten Geld zu kommen. Da ist Liliana (eine starke Lera Abova), die ihre kleine Tochter bei der Grossmutter lässt, dieser auf Russisch zuruft, sie solle dem Kind nicht so viel Zucker geben, und in einer hell ausgeleuchteten Limousine in die Nacht entschwindet, zu ihrem eigenen Zuckerstück. Dann aber soll sie sich ihren Bauch straffen lassen, so will es die Agentur. Mamas mit Kaiserschnittnarben und vermeintlicher Schlabberhaut sind wohl nicht gefragt in der Scheinwelt zwischen Villa und WG-Zimmer.Ohne psychologische TiefeDolly (Sasha von Halbach), die alternde Diva, hat derweil ihr Geld aus der Sexarbeit in ein gutgehendes Etablissement investiert und erklärt Nelly, wie sie ihre Kunden betören soll. Und ja, ein Callboy ist ebenfalls mit von der Partie, denn auch Frauen kaufen sich Sex. Welch eine Erkenntnis! Ben (Malik Blumenthal) hat starke Schultern und durchtrainierte Oberarme, unterstreicht seine Augen manchmal mit schwarzem Kajal und sucht eine romantische Beziehung zu Nelly. Warum diese bemühte Lovestory?Die Noch-Studentin-und-schon-Escortdame scheint allerdings bereits nach kurzer Zeit lediglich ihre gelernte Funktion auszufüllen. Geradezu automatisch läuft der Sex ab: sich ausziehen, zum Höhepunkt kommen (oder ihn zumindest vortäuschen), sich anziehen. «Können wir überhaupt noch schön?», fragt Ben da. Mit solchen Spitzfindigkeiten hat Nelly, diese zielgerichtete Investorin ihrer eigenen Physis, nichts am Hut und stösst Ben regelrecht von der Bettkante.Und da ist Bonnie (Manal Raga a Sabit), Nellys beste Freundin und Mitbewohnerin. Sie fragt, sie zweifelt, sie sucht ihre eigene Befriedigung, in schummrigen Hinterzimmern, wo sie nur zuschaut, oder bei gelangweilten Rein-raus-Aktionen mit einem alten Bekannten.«Selling Sex» ist auch eine Geschichte über Freundschaft, die Veränderungen aushalten muss und fast daran zerbricht. Hier hätten die Macherinnen Miriam Dehne, Hannah Schopf und Marie C. König – Letztgenannte war selbst zehn Jahre im Escort-Geschäft – gut und gern psychologische Tiefe hineinbringen können, was die Entscheidung der einen Frau mit der anderen Frau und ihnen beiden macht. Stattdessen: eine flache Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichte, die ein hübsch inszenierter Voyeurismus bleibt.«Selling Sex», in der ARD-Mediathek und seit 28. August um 23.50 Uhr, im Ersten.Passend zum Artikel