Bevor ein Film ans Licht der Öffentlichkeit tritt, existiert er auf unterschiedliche Weisen: als Rohschnitt, an dem bis kurz vor der Premiere oft noch Feinarbeit vorgenommen wird, als Titel in einem Festivalprogramm und häufig auch als bloße Vorstellung, die üblicherweise durch eine „tag line“ evoziert wird. Für den britisch-israelischen Film „Naza“, der kommende Woche bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt werden soll, liest sich diese Kurzbeschreibung ein wenig rätselhaft: „Shot at night at the rooftops of Tel Aviv, the film reveals in detail the systems behind Israel’s calculated mass killings of Palestinian civilians in Gaza.“Ein detaillierte Kritik der Kriegführung Israels in Gaza verdient zweifellos jede Aufmerksamkeit, aber wie das von den Dächern Tel Avivs aus gehen soll, bedarf noch der Klärung. „Naza“ kam spät in das Programm der Kino-Mostra, die an diesem Mittwoch mit „Ink“ von Danny Boyle eröffnet wird, einem Drama über die ersten Jahre der ruchlosen britischen Boulevardzeitung „The Sun“. Die gesteigerte Neugierde auf „Naza“ hat vor allem damit zu tun, dass Yuval Abraham und Rachel Szor, die für die Regie zeichnen, auch Teil der israelisch-palästinensischen Vierergruppe waren, die 2024 auf der Berlinale mit dem Dokumentarfilm „No Other Land“ für Kontroversen sorgte.Ein treuherziger Löwe für George ClooneyFür Filmfestivals wie für Kunstveranstaltungen allgemeiner ist Israel/Palästina/Gaza heute die causa prima, da kann eine Intendanz noch so treuherzig George Clooney einladen, um ihm einen Ehrenlöwen zu verleihen. Gut, ein vierstündiges, kritisches Porträt über Elon Musk, wie es von Alex Gibney für Venedig angekündigt ist, wird auch auf Interesse stoßen, und wenn der argentinische Regisseur Mariano Llinás eine fünfeinhalbstündige „Biografía de Jorge Luis Borges“ auf die Tagesordnung setzt, ist für Cinephile der Höhepunkt schon gesetzt.Doch in Venedig, wo 2028 über die Nachfolge für den langjährigen Direktor Alberto Barbera entschieden werden soll, geht es auch um politische Hegemonien: Die Regierung Meloni versucht, ihre Netzwerke in den Institutionen des Landes so zu verfestigen, dass sie womöglich auch eine Wahlniederlage 2027 überleben. Barbera muss also vorsichtig navigieren, der Druck von der linken Palästina-Solidarität ist groß, der von rechts nicht minder. Dass nun die Pressekonferenz der Jury, üblicherweise ein Routineereignis vor der Festivaleröffnung, erst abgesagt wurde, offiziell wegen eines „Terminkonflikts“, nun aber doch stattfinden soll, lässt jedenfalls aufmerken.In der Filmbranche hatte es wegen der kurzzeitigen Absage Irritationen gegeben. Gleichzeitig ist aber in ihr selbst eine Nervosität auszumachen, die sich aus der bangen Erwartung speist, zu welchen Statements oder Eklats es wohl diesmal auf offener Bühne kommen könnte. Zu deutlich ist noch die Verlegenheit in Erinnerung, in die Wim Wenders im vergangenen Februar bei der entsprechenden Pressekonferenz der Berlinale geriet. Er sollte zu einer „deutschen Beihilfe zu dem Genozid in Gaza“ Stellung nehmen, eine hinterlistige Frage, der er sich stammelnd zu entziehen versuchte. Die Aufregung hielt tagelang an; und um ein Haar wäre die Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle, ohnehin erst seit 2024 im Amt, ihren Posten schon wieder losgeworden.Jederzeit können Begriffe einschlagen: „Genozid!“, „Antisemitismus!“In Venedig macht sich jetzt die Initiative „Venice4Palestine“ breit. Sie fordert die Filmbranche, als wäre die nun auch schon eine Menschenrechtsorganisation, zu konkreten Maßnahmen für die Palästinenser auf, ohne zu sagen, welche das sein könnten, und äußerte den Wunsch, während der Filmfestspiele eine palästinensische Flagge wehen zu lassen. Abmachungen mit Einrichtungen, die mit der israelischen Regierung verbunden sind, sollten ausgesetzt werden. Das findet viele Unterstützer, unterschrieben haben unter anderen die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux und der britische Musiker Roger Waters.In Venedig führt dieses Jahr Maggie Gyllenhaal den Vorsitz der Jury. Die Schauspielerin müsste von ihrer Hauptrolle in der Spionage-Serie „The Honourable Woman“ (2014) im diplomatischen Antworten geübt sein.Barbera könnte eher daran gelegen sein, die Regisseurin Kaouther Ben Hania nicht zu früh zu exponieren. Sie hatte im Vorjahr mit dem Drama „Die Stimme von Hind Rajab“ einen der stärksten filmischen Beiträge zum Krieg in Gaza gezeigt, dieses Jahr wird sie in Venedig über den Goldenen Löwen mitentscheiden.Früher wurden bei der Pressekonferenz der Jury meistens Höflichkeiten ausgetauscht. Neuerdings ist jederzeit mit dem Einschlag von Begriffen zu rechnen: Genozid! Antisemitismus! Wenn sich im Lauf der kommenden Woche das Geheimnis um „Naza“ gelüftet hat oder um Amos Gitais Dokumentarfilm „The Road to Jericho“, den Venedig auch ins Programm genommen hat, dann wird man über alle diese Aspekte wieder ein Stück differenzierter sprechen können.
Filmfestspiele Venedig streiten schon jetzt über Palästina
Die Filmfestspiele von Venedig haben noch gar nicht angefangen, da gibt es schon Ärger, natürlich wegen Palästina. Eine Pressekonferenz sollte erst gar nicht stattfinden, nun aber doch. Die Branche ist nervös.












