PfadnavigationHomeWissenschaftKrebstherapie„Der Thymus hat eine weitaus größere Bedeutung als bisher angenommen“Stand: 14:18 UhrLesedauer: 3 MinutenDer Thymus befindet sich hinter dem Brustbein und oberhalb des HerzensQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/SEBASTIAN KAULITZKI/SCIENCE PHOTEin kaum bekanntes Organ hat großen Einfluss auf die körpereigenen Abwehrkräfte – und gerät zunehmend in den Fokus der Krebsforschung. Was Forscher nun herausfanden, könnte ein Umdenken bei Krebstherapien erfordern.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenEin kleines Organ, nicht schwerer als 40 Gramm, liegt hinter unserem Brustbein. Name und Funktion sind den meisten gleichermaßen unbekannt. Dabei arbeitet der Thymus dafür, dass der Körper funktionsfähige T‑Zellen bilden kann, und hilft dem Immunsystem so, Krankheitserreger und Krebszellen zu bekämpfen.Lange ging man davon aus, dass das Organ nach der Kindheit an Bedeutung verliert. Doch neuere Studien konnten zeigen, dass ein gesunder Thymus nicht nur mit dem Krebsrisiko, sondern auch mit Langlebigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erfolgreichen Krebsimmuntherapien zusammenhängt.Ein Forschungsteam des Mass General Brigham, eines großen US-Klinikverbunds, hat nun eine Studie in dem Fachmagazin „Annals of Oncology“ veröffentlicht und untersucht, wie sich Strahlenbelastung während einer Lungenkrebsbehandlung auf den Thymus auswirkt. Lesen Sie auchDie Forscher standen vor der Frage: „Wenn der Thymus eine so wichtige Rolle für die Immunabwehr spielt, sollten wir ihn dann auch während einer Krebsbehandlung schützen?“, wird Hugo Aerts, Hauptautor der Studie, zitiert. „Unsere jüngsten Studien haben gezeigt, dass der Thymus im Erwachsenenalter eine weitaus größere Bedeutung hat als die Medizin bisher angenommen hat.“Denn auch wenn der Thymus bei der Bestrahlung nicht gezielt angesteuert wird, liegt er in der Nähe von vielen Tumoren im Brustkorb und ist oft hoher Strahlung ausgesetzt. Um zu untersuchen, welchen Einfluss diese unbeabsichtigte Strahlung auf das Immunsystem und den weiteren Krankheitsverlauf hat, analysierte das Team CT-Scans und klinische Daten von über 1000 Patienten mit lokal fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs.Lesen Sie auchMithilfe von künstlicher Intelligenz konnten der Zustand des Thymus vor der Behandlung quantifiziert und die Strahlendosis, die dem Thymus zugeführt wurde, gemessen werden. Es zeigte sich: Patienten, deren Thymus zu Beginn der Behandlung noch gut erhalten war, hatten insgesamt die besten Überlebenschancen.Lesen Sie auchDieser Vorteil schwand jedoch, wenn das Organ während der Therapie stärker bestrahlt wurde. Je höher die Strahlendosis im Bereich des Thymus ausfiel, desto schlechter waren die Aussichten der Betroffenen. Ihr Sterberisiko war laut der Studie erhöht und Metastasen in anderen Teilen des Körpers traten bei ihnen häufiger auf.Der Effekt zeigte sich ausschließlich bei Patienten, deren Thymus zu Behandlungsbeginn noch gut erhalten war. Bei Patienten mit bereits eingeschränkter Thymusfunktion machte die Strahlendosis dagegen keinen Unterschied.Auch in späteren CT-Aufnahmen konnten Spuren der Bestrahlung gefunden werden. Bei Patienten, deren Thymus einer höheren Strahlendosis ausgesetzt war, verschlechterte sich der Zustand des Organs stärker. Für die Forscher ist das ein Hinweis darauf, dass die Strahlung die Funktion des Thymus beeinträchtigen könnte – und damit die körpereigene Immunabwehr gegen den Krebs.„Zusammengenommen legen diese Studien nahe, dass die Patienten, die am meisten von einer Immuntherapie profitieren, möglicherweise auch diejenigen sind, die am meisten von einem Schutz des Thymus während der Strahlentherapie profitieren“, wird Raymond H. Mak, Strahlentherapeut am Mass General Brigham Cancer Institute und Autor der Studie, zitiert.Zudem betont er: „Die Studie bekräftigt die übergeordnete Erkenntnis, dass eine erfolgreiche Krebsbehandlung nicht nur die Beseitigung des Tumors, sondern auch den Erhalt des Immunsystems des Patienten umfasst.“Dennoch weisen die Forscher darauf hin, dass es sich bei den Ergebnissen um eine Beobachtungsstudie handelt. Das heißt, ein Zusammenhang ist nachgewiesen – aber nicht, dass die Bestrahlung des Thymus tatsächlich die Ursache für die schlechteren Verläufe ist. Ob eine gezielte Schonung des Thymus die Behandlung wirklich verbessert, müssen erst weitere klinische Studien zeigen.