Ein gesunder Thymus trainiert Abwehrzellen darin, krankes Gewebe zu erkennen – und könnte wesentlich über den Erfolg von Krebstherapien entscheiden. Was das kleine Organ vorzeitig altern lässt und wie Sie es regenerieren.Sie ist völlig unterschätzt und doch so lebenswichtig: die Thymusdrüse, kurz Thymus genannt. Das schmetterlingsförmige Organ sitzt hinter dem Brustbein und ist gerade einmal fünf bis sechs Zentimeter groß.In den 1960er-Jahren hatte der australische Immunologe Jacques Miller als Erster erkannt, dass der Thymus ein Schlüsselorgan unserer Immunabwehr ist. Dort reifen die Polizisten der Immunabwehr, die sogenannten T-Zellen (das T steht für Thymus), heran. Miller erkannte auch, dass eine schwere Immunschwäche entsteht, wenn der Thymus in früher Kindheit entfernt wird.Die Thymusdrüse ist darauf angelegt, bis zum Ende der Pubertät maximale Immunfunktionsleistung zu bringen. Dann beginnt das Organ zu schrumpfen. Deshalb ging die Medizin bislang davon aus, dass es beim Erwachsenen funktionslos ist. Doch nun zeigen Studien, dass der Thymus lebenslang eine wichtige Funktion für die Immunabwehr hat. Ein großes Potenzial im Kampf gegen Tumorerkrankungen blieb so bislang ungenutzt. Das soll sich jetzt ändern.Lesen Sie auch„Wir wissen heute, dass der Thymus bis ins hohe Alter eine Rest-Aktivität hat, beim einen mehr, beim anderen etwas weniger“, sagt Hansjörg Schild, Professor für Immunologie an der Universität Mainz und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Völlig „aus“ sei die Thymusdrüse nie. Vor allem in der Kindheit und Jugend gelangen unreife Vorläuferzellen der T-Zellen aus dem Knochenmark in die Thymusdrüse, eine Art Schulungszentrum und Trainingslager. Durch Reifung und „Umprogrammieren“ entwickeln sie sich jeweils zu einer bestimmten spezialisierten T-Zelle: Das sind zum einen die zytotoxischen T-Zellen. Außerhalb des Thymus werden sie zu Killerzellen, die Tumorzellen erkennen und virusinfizierte Zellen töten können.Lesen Sie auchZum anderen entwickeln sie sich zu T-Helferzellen, die die Zusammenarbeit der anderen Immunzellen koordinieren. Und es gibt die regulatorischen T-Zellen für die Immuntoleranz. Sie alle haben ein Erkennungssystem auf ihrer Oberfläche: einen T-Zell-Rezeptor (TCR). Das ist nicht immer derselbe Rezeptor, sondern es sind ganz viele verschiedene Ausführungen, um möglichst viele Gefahren wie beispielsweise Erreger oder Krebszellen erkennen zu können. Menschen mit besserer Thymusgesundheit leben längerEs ist wichtig, in jeder Untergruppe möglichst noch viele Zellen auf Vorrat zu haben. Also solche, die vollständig ausgebildet sind, einen TCR tragen, aber noch auf ihren ersten echten Einsatz warten. Sie sind eine Art strategische Reserve für den Fall, dass eine neue Gefahr auftritt.Allerdings überleben nur zwei bis zehn Prozent der neuen Immunzellen die Trainingsprüfungen, die der Thymus ihnen auferlegt. Diese Immunzellen sollen fremde Strukturen eliminieren können, dürfen aber körpereigene Strukturen nicht angreifen. Absolut perfekt ist die Auslese nicht. Deshalb braucht es die regulatorischen T-Zellen, kurz Tregs, deren Aufgabe es ist, das Immunsystem davon abzuhalten, körpereigene Strukturen anzugreifen. Beispielsweise bei einer Schwangerschaft. Der Fötus ist für das mütterliche Immunsystem zur Hälfte fremd, weil 50 Prozent der Gene vom Vater stammen. Ohne Toleranz durch das mütterliche Immunsystem würde der Fötus sich nicht dauerhaft in die Gebärmutterschleimhaut einnisten.Lesen Sie auchDer Thymus könnte gerade im Hinblick auf Krebs noch in anderer Weise hilfreich sein, wie zwei aktuelle Langzeitstudien der Mediziner Simon Bernatz von der Universitätsmedizin Frankfurt und Hugo Aerts, Professor von der Maastricht Universität in den Niederlanden, andeuten. Die Forscher hatten mit Künstlicher Intelligenz etwa 27.500 computertomografische Scans und Krankenakten analysiert, um herauszufinden, inwieweit ein Zusammenhang zwischen der Thymusgesundheit und dem Risiko für Lungenkrebs sowie weitere Krebsarten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht. Anhand von Größe, Form und Beschaffenheit seines Thymus wurde für jeden Teilnehmer der jeweilige Index der Thymusgesundheit berechnet, der sogenannte Thymus-Gesundheits-Score.Menschen mit einem höheren Score, das heißt besserer Thymusgesundheit, lebten im Allgemeinen länger und erkrankten seltener an Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ihr Gesundheitszustand war insgesamt besser. Lesen Sie auchDer Mediziner und Immunbiologe Thomas Boehm vom Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen, der auch selbst zum Thymus forscht, warnt aber vor voreiligen Schlüssen. Diese Studienergebnisse würden nur eine Assoziation abbilden. „Sie stellen keine mechanistische Erklärung dar.“ Bernatz und Aerts räumen selbst ein, dass es zwei Optionen gibt: So könnte eine geringe Thymusgesundheit zu einer verminderten Belastbarkeit des Immunsystems beitragen. Umgekehrt wäre es aber auch möglich, so die beiden Forscher, dass krankmachende Prozesse, die den Gesundheitszustand verschlechtern und Sterblichkeit und Krankheit fördern, die Thymusgesundheit verringern. Grundsätzlich könnte es also in beide Richtungen gehen.Lesen Sie auchFür den Immunologen Schild steht im Endergebnis jedenfalls fest: „Eine gute Thymusgesundheit trägt dazu bei, dass das Immunsystem Tumore besser angreifen kann, weil mehr zytotoxische T-Zellen im Körper vorhanden sind.“ Das zeigt sich auch bei der zweiten Studie. Immer wieder bleibt bei eigentlich gut geeigneten Patienten der Erfolg einer Krebsimmuntherapie aus. Die Forscher untersuchten deshalb, inwieweit die Thymusgesundheit die Wirksamkeit von Krebsimmuntherapien vorhersagen kann – insbesondere bei der Therapie mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, die das Abschalten der T-Zellen durch die Tumorzellen verhindern. Es zeigte sich, dass von den mehr als 3400 Krebspatienten jene mit hohem Thymus-Gesundheits-Score vor allem bei schwarzem Hautkrebs (Melanom), Lungenkrebs, Brust- und Nierenkrebs viel stärker von dieser Immuntherapie profitieren als Patienten mit niedrigem Thymus-Gesundheits-Score. Je besser die Thymusgesundheit, desto stärker die Immunantwort.Bei manchen Menschen altert der Thymus schneller Bernatz leitet aus diesen Studienergebnissen ab, dass der Thymus-Gesundheits-Score künftig als Biomarker helfen könnte, die Früherkennung von Risikopatienten zu verbessern, Immuntherapien und Behandlungszeitpunkte gezielter auszuwählen und individueller auf Patientinnen und Patienten abzustimmen. Auch Schild sieht hier eine Chance. Manche Krebsarten stellen aber dennoch ein Problem dar. „Man kann noch so viele tolle, gesunde T-Zellen in der Peripherie herumschwirren haben. Wenn sie nicht in den Tumor hineinkommen, hilft das alles nichts“, sagt Schild. Der Bauchspeicheldrüsenkrebs sei solch ein Fall. „Er hat einige Besonderheiten wie ein relativ steifes Gewebe und einen hohen Flüssigkeitsdruck im Tumor, der es den Killer-T-Zellen sehr schwer macht, da hineinzukommen“, bedauert der Immunologe. Und die Chance gibt es auch nur, wenn der Thymus einigermaßen fit ist. Lesen Sie auchBei einem Teil der Menschen altert das Immunorgan schneller als normal. Stille, unterschwellige Entzündungen im Körper schädigen nachweislich auch den Thymus. Chronischer Stress und ein entsprechend erhöhter Cortisolspiegel, übermäßiges inneres Bauchfett (viszerales Fett) und Bewegungsmangel sowie eine Insulinresistenz fördern offenbar ebenfalls das Altern der Drüse und damit auch des Immunsystems. Übertraining, wie beispielsweise für einen Marathon, ist ebenfalls ungünstig, weil es den Cortisolspiegel ansteigen lässt. Es sind eben all jene Faktoren, die insgesamt als gesundheitsschädlich, genauer gesagt krankmachend gelten und den Organismus schneller altern lassen.Ein gut arbeitendes Immunsystem ist ein entscheidender Faktor, um gesund zu bleiben. Deshalb rücken Strategien, die es erlauben, den Thymus zu stärken und zu regenerieren, in den Fokus der Forschung. Kann das Immunsystem verjüngt werden? Lesen Sie auch„Wir wissen von Versuchen, dass das bei Mäusen grundsätzlich möglich ist“, berichtet Schild. Man kann, so Schild, versuchen, durch bestimmte Signalstoffe wieder etwas Schwung in den alternden Thymus zu bringen, sodass mehr T-Zellen in die Peripherie gelangen.Bereits 2019 hatten die Ergebnisse einer kleinen Pilotstudie, der sogenannten TRIIM-Studie, unter Leitung des Altersumkehr-Forschers Greg Fahy angedeutet, dass mit einer Kombination aus Wachstumshormon, dem Blutzuckersenker Metformin und dem Hormonvorläufer DHEA das funktionelle Thymusgewebe beim Menschen wieder etwas zunehmen könnte. Den Thymus regenerierenVor kurzem stellten Forscher zudem fest, dass für die Regeneration des Thymus jene Pflege- und Steuerzellen des Thymusgewebes wichtig sind, die unreife T-Zellen aus dem Knochenmark rekrutieren und Wachstumsfaktoren abgeben.Ob Lebensstiländerungen einen bereits „schwachen“ Thymus wieder stärken können, ist bislang nicht bekannt. Daher sollte von vornherein dafür gesorgt werden, den Thymus und insbesondere dessen Stütz- und Pflegezellen möglichst lange fit zu halten. Zu diesen Maßnahmen zählen, möglichst viel moderate Bewegung in den Alltag einzubauen, chronischen Stress zu reduzieren, die Insulinempfindlichkeit zu erhöhen und das viszerale Fett abzubauen und sich so zu ernähren, dass ein entzündungshemmendes Darmmikrobiom gefördert wird.„Wenn man das Darmmikrobiom so beeinflusst, dass die Funktion des Thymus länger erhalten bleibt, könnte sich dies positiv auswirken“, sagt Schild. Dazu gehört eine möglichst abwechslungsreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen (25 bis 40 Gramm pro Tag). Bestimmte Darmbakterien können aus den Ballaststoffen entzündungshemmende kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat herstellen. „Diese Stoffwechselprodukte scheinen dem Immunsystem gut zu tun und verlangsamen die Zellalterung“, erklärt Schild. „Deshalb rate ich dazu, möglichst früh damit zu beginnen, gesund zu leben.“
Krebs: „Ein gesunder Thymus trägt dazu bei, dass das Immunsystem Tumore besser angreifen kann“ - WELT
Ein gesunder Thymus trainiert Abwehrzellen darin, krankes Gewebe zu erkennen – und könnte wesentlich über den Erfolg von Krebstherapien entscheiden. Was das kleine Organ vorzeitig altern lässt und wie Sie es regenerieren.







