Die Haare sind anders, das fällt natürlich sofort auf. Er hatte sie radikal abgeschoren, ehe er von der Bildfläche verschwand, zwangsweise, im April. Als Carlos Alcaraz, der Entfesslungskünstler mit Schläger, die größte Attraktion im Männertennis, ein Filou, der Herzen erobert, sich aufgrund einer komplizierten Handgelenksverletzung aus dem laufenden Profibetrieb zurückzog, hatte das weitreichende Folgen. Die gesamte Statik in den Feldern großer Turniere veränderte sich.Jannik Sinner, seinem innigsten Widersacher, fehlte der Gegenpol. Der Südtiroler, seit seinem Wimbledon-Triumph im Frühsommer jetzt ebenfalls verletzt, wirkte lange allein in seiner Solistenrolle. Als Sinner dann ausnahmsweise mal strauchelte bei den French Open in Paris, wirkte das Männertennis so, als sei alles für alle möglich: So kam es, dass der Deutsche Alexander Zverev in Roland Garros die Gunst der Lage nutzte und zu seinem ersten Grand-Slam-Titel stürmte. Alcaraz hat auch – gerade weil er eben nicht anwesend war – das Leben des 29-jährigen Hamburgers massiv beeinflusst.Vier Monate fehlte der immer noch juvenile, 23 Jahre alte Spanier, er musste mehrmals seine Rückkehr verschieben. Manchmal tauchten Videoschnipsel auf, in denen zu sehen war, wie er sein Handgelenk, von einer Sehnenscheidenentzündung betroffen, abwinkelte und belastete. Schon tauchte er wieder ab. Doch jetzt ist er tatsächlich zurück.Streaming:Novak Djokovic, ewig getriebenDie Doku „Wolf im Winter“ versucht, das Tennis-Ausnahmetalent aus Belgrad zu erklären – und macht dessen Erfolg auch an seinem angeblich typisch serbischen eisernen Willen fest.Das Lächeln wie immer breit und einnehmend, die Augen wach, schlanker ist er, vor allem an den Armen, die Muskelmasse hat gelitten, kein Wunder, nach der Auszeit. Besonders sticht die schwarze Pracht auf dem Kopf hervor. Reifer, erwachsener sieht er aus. Wenig überraschend verändern Rückschläge auch die Größten im Tennis, und Alcaraz, das verdeutlichte er bei seiner ersten Pressekonferenz am Freitag, hat einiges durchgemacht.„Die ersten Monate waren für mich ziemlich schwierig“, gab er offen zu und schilderte seine Situation in jener Phase: „Ich konnte mit meinem rechten Arm absolut nichts anfangen. Das war hart. Gleichzeitig habe ich die Zeit zu Hause mit Familie und Freunden genossen. Was mir zu schaffen machte, war die Ungewissheit darüber, wann ich wieder mit dem Training beginnen könnte.“In diesen Pressekonferenzmomenten, die jeder Tennisfan auf der Homepage der US Open ansehen kann, schaute er ernst. Denn klar ist: Die Karriere von Carlos Alcaraz aus El Palmar bei Murcia erlebt eine Zäsur. Für ihn gibt es nun ein Davor und ein Danach, dazwischen liegt die Handgelenksverletzung. Für Tennisspieler ist sie eines der größten Unglücke, was der Argentinier Juan Martín del Potro bestätigen könnte, nicht nur von der Körpergröße ein Riese, oder der Österreicher Dominic Thiem. Sie waren, als sie Ähnliches durchmachten, danach nie mehr dieselben; beide, ehemalige US-Open-Champions, wurden letztlich zum Karriereende gezwungen.Verständlich, dass Alcaraz viel nachdachte, „wirklich belastend“ seien die Gedanken gewesen. „Eine Handgelenksverletzung ist nie etwas Einfaches“, hat Zverev in New York, verständnisvoll einordnend, gesagt; er erinnerte an sein eigenes Unglück 2022, als er im Halbfinale der French Open so schlimm mit dem rechten Fuß umgeknickt war, dass er sich auf der roten Asche krümmte. „Ich habe mir damals diverse Bänder gerissen und zwei Knochen im Fuß gebrochen, wurde operiert. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um zurückzukommen“, sagte Zverev und sprach Alcaraz, gegen den er im Halbfinale der Australian Open in einer epischen Schlacht verloren hatte, Mut zu: „Carlos wird auf dem gleichen, wenn nicht auf einem besseren physischen Level als vorher sein, denn er hat in den vergangenen Monaten sehr viel an seiner Physis arbeiten können.“Carlos Alcaraz beim Training in New York.Julian Finney/Getty/AFPGenau das aber ist die Frage: Wie gut wird er spielen? Erste Eindrücke konnte sich die von Alcaraz’ Rückkehr berauschte Tennisöffentlichkeit in New York bei zwei Mixed-Partien machen. Der Andrang auf der engen Anlage in Queens war immens. Dass er mit der Tennis-Ikone Serena Williams, 44, die eine eigene wilde Comebackstory fabriziert, ein Duo bildete, unterstrich sofort die Liga, in der er sich nahtlos einreiht: Alcaraz besitzt eine Strahlkraft, wie sie der Schweizer Roger Federer und der Spanier Rafael Nadal besaßen und sie der Serbe Novak Djokovic, der letzte Verbliebene der großen Drei, noch besitzt. Spielerisch wirkte Alcaraz, der mit Williams ein Match gewann und dann verlor, allerdings wie ein schlechter Doppelgänger seiner selbst – zumindest verglichen mit jenem Alcaraz, der vor zwölf Monaten die US Open abräumte. Er muss nun einen Spagat bewältigen: sich dem Druck stellen und dabei versuchen, ihn nicht an sich heranzulassen. Die Breaking News aus New York lautet daher wohl am ehesten: Über Wasser gehen kann auch er nicht.Alexander Zverev startet am Dienstagabend gegen den Italiener Lorenzo Sonego„Ich weiß, dass es eine echte Herausforderung ist hierherzukommen, zu den US Open – gleich im Best-of-Five-Modus zum ersten Mal seit so langer Zeit“, räumte er ein: „Wahrscheinlich ist es in Bezug auf die Vorbereitung und alles andere nicht der beste Zeitpunkt.“ Dass er sich trotzdem aus der Deckung wagt, liege auch an seinem Umfeld. „Ich muss meinen Leuten vertrauen, die mir sagen, dass alles gut wird.“ Er kündigte an, auf dem Platz nicht anders als früher agieren zu wollen: „Ich, mein Team und, so denke ich, alle anderen werden Carlitos so spielen sehen, wie ich es immer getan habe.“ Er sprach über seinen Stil, nicht über sein Niveau.Zverev, der erstmals ein Grand-Slam-Turnier als Topgesetzer beginnt, hat eine Traumauslosung erwischt und trifft in der ersten Runde am Dienstag in der Night Session auf den Weltranglisten-89., Lorenzo Sonego, 31, aus Italien. Er versuchte bereits schlitzohrig, den Druck Alcaraz zuzuspielen, indem er befand: „Im ersten oder zweiten Match könnte er noch etwas angerostet sein. Aber sobald er da durch ist, wird er sicherlich hier ein Titelanwärter sein.“ Von solchen Ansprüchen indes ist Alcaraz weit entfernt. „Ich weiß nicht, ob meine Grenze die erste Runde, die zweite Runde oder das Erreichen des Finals ist“, sagte er zweifelnd. Schon Auftaktgegner Roman Safiullin am Montag ist eine schwere Hürde. Für ihn, das Ausnahmetalent, das sieben Grand-Slam-Trophäen zu Hause in seinem alten Kinderzimmer stehen hat, definiert sich der Erfolg diesmal anders.„Ich erinnere mich noch gut an die ersten Male, als ich den Ball wieder mit der Vorhand ganz normal traf: Es war ein einzigartiges Gefühl, als würde alles langsam wieder normal werden, und das hat mich unglaublich glücklich gemacht. Als ich dann hier ankam, war es, ehrlich gesagt, einfach fantastisch.“ Er hat endlich wieder angedockt, darum geht es ihm.
Start der US Open: Alcaraz mit Selbstzweifeln
Carlos Alcaraz, der Spieler mit der größten Strahlkraft im Männertennis, kehrt nach seiner Handgelenksverletzung bei den US Open zurück.














