Seine Worte waren klar. „Es war richtig, wieder anzufangen“, sagte Ignatz Bubis bei der Einweihung des jüdischen Gemeindezentrums am 14. September 1986. Der damalige Vorstandsvorsitzende bezog sich auf das Wiedererstehen der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt nach der Katastrophe der Schoa. „Und dies soll auch mit dem neuen Haus deutlich sichtbar werden!“, fuhr Bubis bei der Übergabe des Gebäudekomplexes an der Savignystraße im Frankfurter Westend fort. Seit der Wiedergründung der Gemeinde waren rund 40 Jahre vergangen. Zweifel hatten die ersten Jahrzehnte des Wiederaufbaus begleitet: Sollten Juden – nach dem, was geschehen war – überhaupt noch in Deutschland leben?Für Bubis bejahte das von ihm vorangetriebene Vorhaben diese Frage: „Mit dem Bau des Hauses ist ein Zeichen gesetzt, dass die neue Generation wieder einen festen Bestandteil der Frankfurter Bevölkerung darstellt.“ Das Gebäude mit den symbolträchtig in die Steinfassade eingelassenen Bruchlinien setzte ein unübersehbares Ausrufezeichen.Dessen Architekt, Salomon Korn, folgte dem 1999 verstorbenen Bubis als Gemeindevorsitzender nach. Die Bedeutung des Gemeindezentrums brachte Korn bei der Einweihung des Gebäudes mit einem mittlerweile unzählig oft zitierten Satz auf den Punkt: „Wer ein Haus baut, will bleiben.“ Doch dass die Zweifel trotz aller Zuversicht nicht vollständig verschwunden waren, machte der zweite Teil von Korns Ausspruch deutlich: „Und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit.“Einen „Ankerpunkt“ nennt Benjamin Graumann das GebäudeBald jährt sich die Eröffnung des seit Ignatz Bubis’ Tod nach ihm benannten jüdischen Gemeindezentrums zum vierzigsten Mal. Wo steht die Gemeinde heute, und welchen Stellenwert hat das inzwischen zu einem Campus ausgebaute Gebäudeensemble? Ist die mit seiner Errichtung verbundene Hoffnung, sich wieder fest in Frankfurt zu verankern, in Erfüllung gegangen? Auf diese Fragen haben unter anderem die beiden Männer, die heute maßgeblich die Geschicke der Jüdischen Gemeinde bestimmen, geantwortet. An den 14. September 1986 erinnern sie sich unterschiedlich.Für Benjamin Graumann, Jahrgang 1981, brachte das neue Gemeindezentrum einen Umzug mit sich. „Ich war in der ersten Kindergartengruppe, die damals aus dem Röderbergweg ins Westend umgezogen ist“, erinnert sich der seit knapp zwei Jahren im Tandem mit Marc Grünbaum amtierende Vorstandsvorsitzende der Gemeinde.Hingucker: Salomon Korn hat für das Gemeindezentrum eine markante Architektursprache gewählt.Janek StempelDer 1970 geborene Grünbaum stand bei der Eröffnung des Gemeindezentrums mit einer Jugendtanzgruppe auf der Bühne. Für die Gemeinde sei dieser Tag „etwas ganz Besonderes“ gewesen, sagt er. Denn die unterschiedlichen Angebote seien zuvor über die gesamte Stadt verstreut gewesen. Nun wurde das religiöse Herzstück der Gemeinde, die fußläufig gelegene Westendsynagoge, um einen weiteren Mittelpunkt ergänzt: „Mit dem Gemeindezentrum kam ein zentraler Ort für das gesellschaftliche Leben hinzu.“Reich-Ranicki lädt zum „Literaturforum“ ins Gemeindezentrum„Es ist ein Ankerpunkt“, ergänzt Benjamin Graumann. Das Ensemble, für dessen Planung und Realisierung Salomon Korn und die Architektengemeinschaft Gerhard Balser zuständig waren, öffnete die Türen der jüdischen Gemeinde erstmals für die breitere Stadtgesellschaft. So lockte etwa das 1988 von Marcel Reich-Ranicki begründete „Literaturforum“ schon in den ersten drei Jahren etwa 20.000 Besucher ins Gemeindezentrum. Der frühere Literaturchef der F.A.Z. sprach dort über Autoren wie Bertolt Brecht und Thomas Mann, lud aber auch Zeitgenossen wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Monika Maron und Martin Walser in sein Literaturforum ein.Marc Grünbaum (links) und Benjamin Graumann führen die Gemeinde als Duo.Peter JülichDie jährlichen „Jüdischen Kulturwochen“, die „Jüdischen Filmtage“ und der WIZO-Basar mit seinem beliebten Secondhand-Modemarkt ließen das Gemeindezentrum zu einer festen Adresse in der Stadt werden. „Ein neues Gemeindegefühl der Sichtbarkeit“ sei so entstanden, sagt Marc Grünbaum. Dass viele nicht jüdische Bürger über den Besuch solcher Formate zum ersten Mal mit der jüdischen Gemeinde in Berührung kommen, beobachtet auch Benjamin Graumann. Als ein weiteres zentrales Angebot für Auswärtige nennt er die Synagogenführungen, die Besuchergruppen eine Begegnung mit jüdischer Religionspraxis ermöglichen.Ebenso wie in der Westendsynagoge werden Besucher des Gemeindezentrums mit einem hohen Sicherheitsstandard konfrontiert, der Panzerglastüren, Schleusen, Kontrollen durch Sicherheitspersonal und vor der Tür patrouillierende Polizeibeamte umfasst. „Viele Nichtjuden, die das erste Mal ins Gemeindezentrum kommen, nehmen das sehr erschrocken wahr“, weiß Graumann. Diese Konfrontation schärfe bei vielen aber auch das Bewusstsein, „was es eigentlich heißt, wenn jüdisches Leben nur hinter Panzerglas stattfinden kann“.Eine Bombe detonierte vor dem GebäudeDass der hohe Sicherheitsstandard notwendig ist, zeigte sich schon knapp eineinhalb Jahre nach der Eröffnung des Gemeindezentrums: Am 18. April 1988 detonierte kurz nach Mitternacht eine Bombe vor dem Gebäude und richtete einen erheblichen Sachschaden an. Und seit dem Überfall islamistischer Terrorgruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 sei das Gemeindezentrum, so Graumann, für viele Juden mehr denn je ein „Safe Space, ein sicherer Hafen, ein schützendes Dach“.Wer heute die dortigen Sicherheitskontrollen passiert, findet sich in einem Haus wieder, das vor allem etliche Bildungs- und Erziehungsangebote für Kinder und Jugendliche beherbergt. „Wir haben dort die Krabbelstube, den großen Kindergarten, den Hort und das Jugendzentrum“, zählt Benjamin Graumann die im Ignatz Bubis-Gemeindezentrum untergebrachten Einrichtungen auf. Hinzu kommt der 2020 eröffnete, an der Westendstraße liegende Neubau des Grundschulzweigs der Lichtigfeld-Schule. Zusammen mit dem Gemeindezentrum und dem benachbarten Verwaltungsgebäude umschließt der Schulbau ein Areal, das Kindern als Spielplatz und Pausenhof dient, aber auch Raum für Feste und Veranstaltungen unter freiem Himmel bietet.Ort des Zusammenhalts: Im Innenhof des Gemeindezentrums wird ein Familienfest gefeiert.Janek StempelDer Gemeinde-Campus bietet seinen Nutzern Geborgenheit, eröffnet aber auch – von Bäumen umrahmte – Durchblicke in die Nachbarschaft. An einem sonnigen Sonntagnachmittag im Juni säumen große Sitzkissen und Picknickdecken den Hof, Tische und Bierbänke lassen an ein Stadtteilfest denken. Das von der Gemeinde getragene Familienzentrum im Westend feiert ein Jubiläum, fünf Jahre zuvor hat es eröffnet. Während einige Großeltern, Eltern und Kinder sich schattige Plätze unter Sonnenschirmen suchen, toben sich andere junge Gäste auf der Hüpfburg oder einer der Rutschen aus.„Es ist ein schöner Ort, um zusammenzukommen“, sagt Fabian Schneck über das jüdische Gemeindezentrum. Mit seiner Familie wohnt er in der Nähe, seine Tochter besucht Ballettkurse des einige Häuser weiter an der Westendstraße angesiedelten, für Eltern und Kinder jeglicher Herkunft offenen Familienzentrums. Auch sein Sohn wolle nun dessen Angebote nutzen, erzählt Schneck. Über die Kinder hat das Paar mittlerweile einige Bekanntschaften in der Nachbarschaft geknüpft. Wenn sich eine Gelegenheit biete, werde er gerne wieder im Gemeindezentrum vorbeischauen, sagt Schneck.„Die Hälfte der Gemeinde war dagegen“Auf dem Jubiläumsfest begegnen wir auch einer Frau, die sich an die Anfänge des jüdischen Gemeindezentrums erinnert. Das Gebäude könne sie schwer von der Synagoge trennen, die sie schon als kleines Kind gemeinsam mit ihrem Vater besucht habe, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte. Das Gemeindezentrum sei ein fester Bestandteil der Stadt. Und: „Für mich ist es irgendwie ein Zuhause.“ Bei der Eröffnung aber hegte sie gemischte Gefühle, erinnert sie sich.„Dieses Gemeindezentrum wird bleiben“, sagt Leo Latasch, der lange im Gemeinderat aktiv war.Lando HassVon einer unter Gemeindemitgliedern zunächst verbreiteten Skepsis im Hinblick auf das Bauvorhaben spricht auch Leo Latasch: „Die Hälfte der Gemeinde war dagegen.“ Die Zweifel hätten sich erst zerstreut, als man das fertiggestellte Gebäude betreten konnte. „Der erste Eindruck war: Endlich haben wir ein Zentrum“, erinnert sich der Rettungsmediziner, der 2024 nach über 30 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit aus dem Gemeindevorstand ausschied. „Ignatz Bubis hatte damit recht, zu sagen: Wir machen das“, resümiert der 1952 geborene Latasch. Auch dass die Gemeinde sich die Vorkaufsrechte für das heute mit der Grundschule bebaute Areal an der Westendstraße sicherte, zeugt für ihn von Bubis’ Weitsicht: „Der Mann war seiner Zeit voraus.“Denn mit der um 1991 einsetzenden Einwanderung von Juden aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten wuchs die etwa 4500 Mitglieder zählende Gemeinde rapide an. 1995 wurde Marc Grünbaum erstmals in den Gemeinderat gewählt. Schon damals habe man einen Bedarf verwalten müssen, den das Gemeindezentrum nicht mehr abgebildet habe, sagt er. Heute platze das Gebäude aus allen Nähten. Auch Benjamin Graumann berichtet von doppelt und dreifach belegten Räumen und von Abteilungen, die sich „nicht optimal entfalten können“.Die Gemeinde ist verunsichertAuch im stolzen Alter von 40 Jahren sei das Gemeindezentrum „immer noch ein ganz zentraler Ort“, so Graumann. Derweil plant die etwa 6150 Mitglieder zählende Jüdische Gemeinde für ihre Zukunft. „Die Vision eines weiteren Gemeindezentrums, in dem man die unterschiedlichen Generationen und Angebote noch einmal mehr verbindet, beschäftigt uns sehr“, sagt Graumann.Doch es kommt auch immer öfter Skepsis auf, weil die Judenfeindlichkeit seit dem 7. Oktober 2023 weltweit zunimmt – auch in Deutschland. Viele Mitglieder dächten über die Zukunft ihrer Kinder nach, berichtet Marc Grünbaum. So würden beim Rabbinat verstärkt Bescheinigungen angefordert, die zur Auswanderung nach Israel berechtigten. „Es gibt ein Fragezeichen“, so Grünbaums Beobachtung.Leo Latasch bleibt trotz aller Sorgen zuversichtlich: „Dieses Gemeindezentrum wird bleiben.“ Für die Gemeinde sei es „wie eine Festung“. Dass Salomon Korn am Architektenwettbewerb für diesen Bau teilnahm, zeugt für Latasch von der damals nicht selbstverständlichen Einstellung, die sprichwörtlichen Koffer auszupacken. Mit dem Ausspruch „Wer ein Haus baut, will bleiben“ habe Korn recht gehabt. Für Marc Grünbaum bleiben dessen Worte einschließlich ihres zweiten Teils gültig: „Und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit.“ Als Repräsentant der Gemeinde und Frankfurter Bürger möchte Grünbaum alles dafür tun, „dass jüdisches Leben auch mindestens in den nächsten 40 Jahren eine Zukunft hat und dazugehört“.