In der kleinen saarländischen Gemeinde Spiesen-Elversberg wird sich an Regeln gehalten. Jedenfalls meistens. Deshalb war es auch gar nicht so verwunderlich, dass die kleine Sport-Vereinigung Elversberg den internationalen Topklub Bayer 04 Leverkusen in ihrem allerersten Bundesliga-Spiel direkt mal 3:2 (2:0) besiegt hat. Elversbergs Trainer Vincent Wagner erklärte hinterher erstaunlich unaufgeregt: „Die Goldene Regel lautet: Erste Spiele muss man gewinnen.“Mehr noch als an Regeln also wird sich in Elversberg an Goldene Regeln gehalten. Jedenfalls meistens. So oft dieser aufstrebende Klub im Profi-Fußball unterwegs war, hat er zumindest keines seiner sechs ersten Saisonspiele verloren: In der dritten, zweiten und ersten Liga gab es bei sechs Saisonauftakten drei Unentschieden und drei Siege. Der überschwänglichste Sieg aber ereignete sich am Samstag.Bundesliga:Elversberg schafft eine gewaltige ÜberraschungUnderdog-Fußball? Nervosität? Nicht beim kleinen Aufsteiger aus dem Saarland. Beim 3:2 gegen verdutzte Leverkusener zeigt Elversberg genau den Mut, der dem Klub den Aufstieg beschert hatte.Vor offiziell 9307 Zuschauern auf einer halben Baustelle namens „Ursapharm-Arena an der Kaiserlinde“ trauten die Zuschauer ihren Augen nicht, als Elversberg nach 46 Minuten mit 3:0 führte. Der Zweitliga-Zweite der vergangenen Saison führte den deutschen Meister und Pokalsieger von 2024 regelrecht vor und demütigte ihn unter seinem neuen spanischen Trainer Carles Martinez. Dem 42-Jährigen aus Barcelona hat sich der Name Elversberg vermutlich ins Gehirn gebrannt und er wird in seiner Heimat Katalonien fortan vielleicht sogar saarländische Gruselgeschichten verbreiten.Lukas Petkov (8.), Cole Campbell (9.) und David Mokwa (46.) brachten die Gastgeber überraschend mit 3:0 in Führung, ehe die Leverkusener zurückkamen. Patrik Schick (77.) erzielte das 1:3, Christian Kofane (90+1.) das 2:3 und nur eine fabelhafte Parade des Elversberger Torwarts Nicolas Kristof tief in der Nachspielzeit verhinderte, dass die Gastgeber ihre Drei-Tore-Führung noch hergaben. Torwart Nicolas Kristof und Mittelstürmer Luca Schnellbacher übrigens haben seit 2022 mit der SV Elversberg den Aufstieg von der vierten bis in die erste Liga mitgemacht. Beide standen am Samstag auf dem Platz.Das erste Elversberger Tor fiel auf Vorlage des Mittelfeldspielers Francis Onyeka, 19, den die Elversberger von Bayer Leverkusen ausgeliehen haben. Das zweite Tor erzielte der Elversberger Zugang Cole Campbell, 20, der sich bei Borussia Dortmund nicht durchsetzen konnte. Und das dritte Tor schoss der Stürmer David Mokwa, 22, der sich einst bei der TSG Hoffenheim nicht hatte etablieren können. Mit diesen drei Namen ist das Elversberger Modell hinreichend erklärt. Der Klub reüssiert mit Talenten, die sich bei den großen Klubs (noch) nicht durchsetzen konnten.„Bestimmt sind wir in jedem Spiel für alle der Underdog“, sagt Spielmacher OnyekaElversberg war der erste Bundesliga-Debütant seit elf Jahren, der sein Auftakt-Spiel gewinnen konnte. 2015 war das der FC Ingolstadt gewesen mit einem 1:0 in Mainz. Doch die Elversberger stellten am Samstag auch einen Rekord auf: Denn nie zuvor hatte ein Bundesliga-Debütant für seine ersten beiden Treffer nur neun Minuten gebraucht. Die bisherige Bestmarke hielt der VfB Leipzig, der am 6. August 1993 für seine ersten beiden Bundesliga-Treffer 17 Minuten benötigt hatte, im Heimspiel gegen Dynamo Dresden am Ende aber nicht über ein 3:3 hinauskam. Und genau so wäre es den Elversbergern am Samstag auch noch fast ergangen.Eine entscheidende Frage bekam Trainer Vincent Wagner in der Pressekonferenz nach dem Spiel gestellt: Wie er es geschafft habe, seine Mannschaft so mutig einzustellen, gefühlt ohne jegliche Nervosität in einem Spiel, das für sieben der elf Elversberger Startspieler das erste Bundesliga-Spiel jemals war? Aber der Sport- und Geschichtslehrer Wagner, 40, neigt selbst bei solchen Steilvorlagen nicht zum Pathos. „Wir kommen aus einer Phase, in der wir in der zweiten Liga genau so einen Fußball gespielt haben“, antwortete er nüchtern: „Das ist unsere Qualität, und das muss auch unsere Qualität weiter sein.“Im Stadion an der Kaiserlinde agieren die Elversberger ohnehin meistens recht überzeugend: In der vergangenen Saison haben sie nur zwei Zweitliga-Heimspiele verloren: 0:3 gegen Hertha und 1:2 gegen Schalke. „Bestimmt sind wir in jedem Spiel für alle der Underdog“, hatte der ausgeliehene Spielmacher Onyeka vor der Partie bei Sky noch demütig gesagt – doch umso selbstbewusster ergänzte sein Trainer Wagner: „Bloß spielen wir halt gar keinen Underdog-Fußball!“ In Elversberg pflegen sie auch jetzt in der Bundesliga weiter unbeirrt mutigen Pressingfußball mit schnellem Spiel in die Spitze.Wagner freilich bremste die kollektive Euphorie am Samstag lieber ein wenig. „Der Weg ist noch sehr, sehr weit“, sagte er und klang dabei wie der weise Zauberer Gandalf aus dem Herrn der Ringe. Am nächsten Samstag gastiert sein Team bei Borussia Mönchengladbach, eine Woche darauf empfängt es den FC Bayern. In einer ARD-Reportage hatte Wagner über die Bundesliga gesagt: „So richtig realisieren wird man es wahrscheinlich erst, wenn man vor 80 000 in Dortmund spielt.“ Dieser Termin steht Anfang November an. Bis dahin werden die Elversberger acht Bundesliga-Spiele gemacht haben. Wer weiß, wohin sie ihre fröhliche Unbekümmertheit bis dahin trägt.