Auf ihren Demonstrationen tummeln sich Familien mit Kleinkindern neben grauhaarigen Alten und Alternativen mit bunten Haaren. Bands und Songwriter spielen Livemusik auf einer Bühne, an Malständen kann man sein eigenes Schild kreieren. „Demokratie für alle“, so etwas liest man öfter, oder „Nie wieder ist jetzt“. Auf Dagegen-Parolen wird verzichtet, stattdessen setzen sie auf Positivbotschaften und Humor: „Bundesrat, Bundesrat, mach uns einen Prüfantrag“, skandiert man da etwa gemeinsam. Und wenn nach der Kundgebung der Zug loszieht, tragen sie den zentralen Ansatz auf einem Banner vor sich her: „Prüfung rettet übrigens Freiheit“ – kurz Prüf. Am 12. September wird das erstmals in Wiesbaden durch die Öffentlichkeit getragen – auf einer der Demonstrationen in 15 von 16 Bundesländern.Als Teil der Prüf-Initiative versammeln sich Tausende seit bald einem Jahr in ganz Deutschland jeweils am zweiten Samstag im Monat für ein gemeinsames Ziel: ein Parteiverbot der AfD zu prüfen. Dabei ist die Kernforderung bewusst universell formuliert: „Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht geprüft werden.“Konkret richten sie das an den Bundesrat, der den Antrag auf ein Prüfverfahren verfassungsgemäß – neben dem Bundestag oder der Bundesregierung – stellen kann. Die Initiative sieht den Weg über den Bundesrat als beste Möglichkeit, eine Mehrheit dafür zu erreichen, da sich einige Bundesländer schon dafür ausgesprochen haben. „In den Landeshauptstädten kommen wir außerdem direkt an die Verantwortlichen heran“, erläutert die Initiative auf ihrer Homepage.In Mainz gibt es seit März jeden Monat Prüf-DemosEs begann im vorigen November mit der ersten Prüf-Demo in Hamburg mit laut Veranstalterangaben 6000 Menschen und hat sich seither über die Bundesländer ausgebreitet. Bislang nicht beteiligt ist Schleswig-Holstein, weil der Kieler Landtag schon im Oktober 2025 für ein Prüfverfahren der AfD auf Verfassungsfeindlichkeit votiert hatte. Auch in Hessen gab es bislang noch keine Demos in Wiesbaden, während in der benachbarten rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz seit März jeden Monat Prüf-Demos abgehalten werden.„Dass es in Wiesbaden etwas länger gedauert hat, bis Prüf Hessen aktiv wurde, hat vor allem praktische Gründe“, erläutern die hessischen Aktiven auf Anfrage. „Prüf ist eine Kampagne ehrenamtlich engagierter Menschen aus Kultur und Zivilgesellschaft, die neben Beruf und Familie Zeit investieren, um etwas zu bewegen.“ Man habe sich bewusst für Tragfähigkeit statt Schnelligkeit entschieden. „Denn eine Bewegung, die langfristig wirken soll, braucht stabile Strukturen.“Mit im Boot sei der Schlachthof Wiesbaden, der bei der Programmgestaltung helfe. „Denn Prüf-Demonstrationen sind mehr als nur Kundgebungen.“ Ziel sei es, sich für Demokratie einzusetzen und das mit einem Mix aus Kultur und Redebeiträgen in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Zu erleben ist das am Samstag, dem 12. September, bei der Wiesbadener Premiere von 14 Uhr an auf dem Mauritiusplatz.Viel Einsatz ist erforderlich, um jeden Monat zu demonstrierenEine spannende Frage ist, wie viele Menschen kommen werden. In der Nachbarstadt Mainz wie auch anderswo waren die Teilnehmerzahlen zuletzt rückläufig. Laut Angaben der Prüf-Bundesvertretung kam man nach einer Spitze im April mit 25.000 Teilnehmern in elf Bundesländern im Juli und August noch auf monatlich rund 10.000 Menschen. Als ein Grund wird die Hitze vermutet. Auch bedeute es viel persönlichen Einsatz, jeden Monat auf eine Demo zu gehen.„Wir beobachten, dass viele Menschen Angst vor einem Rechtsruck haben, aber gleichzeitig verunsichert sind, ob ein Prüfverfahren überhaupt etwas bewirken kann.“ Man wolle daher noch besser vermitteln, warum dieses Instrument so relevant sei: Mit Artikel 21 des Grundgesetzes sei der Prüfmechanismus geschaffen worden, um zu verhindern, dass eine verfassungsfeindliche Partei die Demokratie von innen heraus abschaffe – „genau die Gefahr, vor der wir heute stehen“.Auf Anfrage der F.A.Z. kommen allerdings zurückhaltende Signale aus den Landtagen in Wiesbaden und Mainz. „Die Hessische Landesregierung hat aktuell keine Absicht, ein Parteiverbotsverfahren voranzutreiben“, teilt die Pressesprecherin des hessischen Innenministeriums mit. Selbst wenn die AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft werden sollte, seien die Anforderungen an ein Parteiverbot aus guten Gründen sehr hoch. Es scheine derzeit fraglich, neben einer extremistischen Ausrichtung auch eine kämpferische Einstellung gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung zu beweisen. „Ein Parteiverbotsverfahren wäre zudem langwierig und risikoreich.“Ähnlich äußert sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) in einem Statement. „Schon das Verfahren selbst könnte der AfD zusätzlichen Auftrieb geben“, fürchtet er. Ein Scheitern vor Gericht könne von ihr als Legitimierung genutzt werden und sie am Ende stärken.„Viele Landesregierungen zögern noch, doch wir lassen uns davon nicht entmutigen“, heißt es hierzu von „Prüf Hessen“. Eine wehrhafte Demokratie müsse sich aktiv gegen Verfassungsfeinde zur Wehr setzen. „Und wir bleiben dran, und zwar so lange, bis der Bundesrat einen Prüfantrag vor dem Bundesverfassungsgericht stellt.“Das bekräftigen die Prüf-Aktiven in ganz Deutschland. „Aktuell haben bereits vier Bundesländer signalisiert, einen solchen Antrag im Bundesrat zu unterstützen“, teilt eine Sprecherin der Prüf-Demos mit. Für ihre Petitionen hätten sie bislang mehr als 1,5 Millionen Unterschriften gesammelt. „Für uns gibt es keinen Grund, leiser zu werden.“ Das gelte gerade vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.