Freilandhaltung gilt als das Beste für Hühner und Umwelt. Eine Studie weckt daran ZweifelKäfige für Legehennen sollen in der EU bald verboten sein, in der Schweiz könnte Auslauf für alle Nutztiere vorgeschrieben werden. Eine neue Analyse befeuert nun die Debatte darüber.30.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKontrolle ist wichtig: Eine Bäuerin begutachtet die Futterschüsseln für ihre Hennen.Jack F. / GettyEs ist einer der ganz grossen Erfolge des Tierschutzes in Europa: das Verbot der sogenannten Legebatterien. In der Schweiz wurden die engen Einzelkäfige für Hennen bereits 1992, in der EU dann immerhin 2012 verboten. Die Schlacht für eine artgerechte Haltung der Eierlieferantinnen schien geschlagen. Doch weit gefehlt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der EU fristen nämlich rund 40 Prozent aller Legehennen ihr kurzes Leben in angereicherten Käfigen. Kleine Gruppen von Hennen haben dort zwar eine Sitzstange, ein Nest zum Eierlegen und eine kleine Kratzmatte. Doch auch unter diesen Umständen können die Tiere typische Verhaltensweisen wie Sandbaden, Flügelschlagen oder Scharren nicht ausleben.Ist die Freilandhaltung doch nicht so gut für die Hennen?Seit Jahren wollen EU-Parlament und EU-Kommission Käfighaltung für alle Nutztiere verbieten. Nun soll bis Ende Jahr ein Verbot für angereicherte Käfige für Legehennen erarbeitet werden. Österreich oder Deutschland haben ein solches bereits erlassen.Doch nach wie vor ist der Widerstand gegen derartige Verbote gross. Landwirtschaftsverbände in mehreren Ländern wehren sich aus Kostengründen lautstark dagegen.In diese Gemengelage platzt nun eine Studie von Forschern aus Oxford und Padua. Sie könnte den Gegnern des Verbots Munition liefern. Die Autoren stellen nämlich das Hauptargument für ein Verbot infrage: dass es Legehennen in Boden- oder Freilandhaltung besser geht als in angereicherten Käfigen.Analysen unterschiedlicher Haltungsformen von Hennen in Grossbritannien hätten ergeben, dass die Sterblichkeit im Freiland und in Bodenhaltung höher sei als in Käfighaltung, schreiben die Wissenschafter. Mortalität sei ein wichtiger Indikator für das Tierwohl. Zudem würden wegen der höheren Sterblichkeit bei der Auslaufhaltung insgesamt mehr Tiere verbraucht.Doch Wissenschafterinnen widersprechen. «Die neue Studie hat einen grossen Fehler, sie basiert auf veralteten Daten, die sich zudem nicht auf andere Länder wie die Schweiz übertragen lassen», sagt Sabine Gebhardt, die an der Universität Bern das Tierwohl von Legehennen erforscht. Die Daten stammen aus den Jahren 2009 und 2010. Man habe in den letzten Jahren keine umfangreichen Datensammlungen gefunden, erklärt Oliver Martinic, einer der Autoren.Doch im besagten Zeitraum hatten bereits viele Betriebe auf andere Haltungsformen umgestellt – mit problematischen Folgen. «Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass Hühnerhaltung keineswegs trivial ist», erklärt Gebhardt. «Ich sage es mal etwas plakativ: Käfighaltung kann jeder Tubel managen, da muss jemand nur die Technik kontrollieren, aber für die Auslaufhaltung braucht es Erfahrung und Know-how.»Scharren nach Belieben: In modernen Auslaufhaltungen können die Legehennen zwischen Stall und Aussenbereich wechseln. Die Eier landen im Stall in vorbereiteten Nestern.Countrypixel/ImagoWährend solcher Umstellungen komme es nahezu immer zu einer erhöhten Mortalität, weil den Bauern die Erfahrung fehle, betont die Berner Biologin. Das hat auch ein spanisch-brasilianisches Forscherteam vor einigen Jahren gezeigt.Sie beobachteten 176 Millionen Tiere in mehr als 6000 Herden in 16 Ländern ab dem Jahr 2000. Tatsächlich war zu Beginn des Untersuchungszeitraums die Sterblichkeit bei Herden mit Auslauf höher als bei Käfighennen. 2019, als die Halter dann jahrelang Erfahrungen gesammelt hatten, starben in den tiergerechten Haltungsformen im Durchschnitt nicht mehr Hennen als in der Käfighaltung.Im Freiland lauern GefahrenEs gibt mehrere Gründe für die bei Umstellungen zu Beginn höhere Mortalität. «Im Freiland haben Hennen ein höheres Risiko, Parasiten oder andere Krankheitserreger aufzuschnappen», erklärt Veronika Maurer, die am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick forscht. Zudem seien Greifvögel eine tödliche Bedrohung. Daher müssen Aussenbereiche den Hennen Verstecke bieten, sonst ist der Stress durch Fressfeinde zu gross.Auch im Freiland picken Hennen ihre Artgenossinnen und fügen ihnen zum Teil erhebliche Wunden zu. «Wenn ein Tier dieses Fehlverhalten oder gar Kannibalismus in Boden- oder Freilaufhaltung entwickelt, können sogar mehr Tiere betroffen sein als in der Käfighaltung», gibt Ute Knierim, Fachtierärztin für Tierverhalten an der Universität Kassel, zu bedenken. Tierhalter müssten deshalb ihre Herden häufiger kontrollieren.In puncto Mortalität entkräften die drei Expertinnen die Studie aus Oxford und Padua. Doch einem weiteren aufgeführten Kritikpunkt bei der Auslaufhaltung müssen auch sie zustimmen. Die artgerechte Haltung schnitt in der Analyse bezüglich ökologischer Auswirkungen am schlechtesten ab.Hennen mit Auslauf produzierten mehr klimaschädliche Gase, und es gelangten mehr Nährstoffe aus Ausscheidungen in die Umwelt, was Böden und Gewässer überdüngt. Zudem benötigte das Federvieh mit Auslauf mehr Land als jenes in Käfigen.Es sei ein klassischer, aber bekannter Zielkonflikt, so die befragten Expertinnen: Käfige seien zwar aus Tierschutzgründen inakzeptabel, aber ökologisch betrachtet die bessere Lösung. Dass tierfreundliche Systeme bezüglich ökologischer Auswirkungen schlechter abschnitten, gelte übrigens auch für andere Nutztiere.Somit könnte die nun präsentierte Studie nicht nur den Gegnern des Verbots jeglicher Käfige in der EU in die Hände spielen. In der Schweiz könnte sie zudem die Gegner der Auslaufinitiative beflügeln. Diese fordert regelmässige Freilandaufenthalte für alle Nutztiere. Noch dieses Jahr soll die Unterschriftensammlung starten.Die Auslaufinitiative ist aus Tierschutzgründen die logische Weiterentwicklung des Verbots von Legebatterien. Die Wissenschafter aus Oxford und Padua sind hingegen der Meinung: Bevor weltweit nur schon alle Legehennen auf Freilandhaltung umgestellt würden, müssten die negativen ökologischen Auswirkungen unbedingt gemindert werden.Je mehr Hennen in einem Stall leben, desto sorgfältiger muss der Bauer auf Verhaltensstörungen achten.Ennio Leanza / Keystone«Der weitaus grösste Teil der negativen ökologischen Auswirkungen der Auslaufhaltung ist auf den höheren Futterbedarf der Hennen zurückzuführen», sagt Maurer. Da sich Freilandhennen mehr bewegen und so mehr Futter verwerten, muss mehr angebaut werden. Derzeit wird erforscht, ob man einen Teil des Futters durch Nebenprodukte aus der Lebensmittelherstellung oder getrocknete Algen ersetzen könnte. Wissenschafter wollen zudem die Übergänge zwischen Innen- und Aussenbereich umgestalten. Denn vor allem dort wird die Einstreu feucht. Das klimaschädliche Ammoniak entsteht vor allem durch Kot in feuchter Einstreu.Eine naheliegende Lösung zur Minimierung der ökologischen Folgen wäre, weniger Eier zu konsumieren. Allerdings hat in den vergangenen Jahren sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland oder weltweit der Eierkonsum stark zugenommen. Das liegt laut Knierim vor allem daran, dass immer mehr Essen ausser Haus und dort sowie in den eigenen vier Wänden zunehmend verarbeitete Lebensmittel verzehrt werden, die Eiprodukte enthalten. Eine Trendumkehr ist hier nicht in Sicht.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel