Ronnie Wood ist dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen. Und strotzt vor Lebenslust. Jetzt kommt der Gitarrist der Rolling Stones für ein Konzert nach Zürich. Ein Besuch in seinem Londoner Proberaum.30.08.2026, 05.30 Uhr9 Leseminuten«Ich habe mal versucht, Noten zu lesen, aber ich fand es langweilig. Wer will schon exakt wissen, was er da tut?», sagt Ronnie Wood.Dave J. Hogan / GettyEs ist nicht ohne Risiko, lebende Legenden zu treffen. Sie können die Erwartungen enttäuschen, etwa durch schlechte Laune, Unpässlichkeit oder Selbstbesoffenheit. Susan Sontag, die grosse amerikanische Autorin, entpuppte sich beim Treffen in Frankfurt als eine rechthaberische Person, die ihre grottenschlechten Romane in den Himmel lobte – anstatt auf ihre brillanten Essays stolz zu sein. Elton John haderte in der Penthouse-Suite in Las Vegas mit seinem Erfolg, der es ihm verunmöglichte, auch nur mal alleine vor die Tür zu gehen: «Fuck, ich hasse meine Berühmtheit.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie anders aber, wenn man in den John Henry’s Studios in London, wo sich schon Leute wie Prince, Ozzy Osbourne oder Paul Simon den letzten Schliff vor einer Tour geholt haben, den Proberaum 1 betritt. Hier schnellt Ronnie Wood, seit 1975 Gitarrist bei den Rolling Stones, wie ein Springteufel aus dem Ledersofa und streckt einem mit einer Lebensfreude die Hand entgegen, als ob es nichts Schöneres gäbe, jetzt mit einem Journalisten aus der Schweiz zu plaudern.Der 79-Jährige ist bester Laune. Und nach sechzehn Jahren wieder solo auf Tour, weil Keith Richards sich noch nicht entschliessen kann, mit den Rolling Stones und der neuen Platte «Foreign Tongues» auf Welttournee zu gehen. Wood nimmt es gelassen: «Keith meinte: ‹Ich will nicht ständig in all diesen verdammten Hotels herumreisen.› Ich warte jetzt einfach, bis ihn wieder der Hafer sticht. Noch will er nur Urgrossvater sein, und das macht er ganz hervorragend. Aber das wird schon mit der Tour. Gut, für Mick ist es ein bisschen grausam, der langweilt sich gerade brutal, so ganz ohne Bühne. Er schreibt dann eben eine Million Songs oder so.»Dann lacht Ronnie Wood ein rasselndes Lachen, das von einem langen Leben mit fast allen Drogen zeugt, die man sich nur ausdenken kann. Nur gespritzt hat er sie sich nie. Jetzt aber ist er seit über fünfzehn Jahren trocken und auch weg vom Nikotin. Nur Cola Zero, das trinkt er noch, und zwar gleich hektoliterweise.Es ist der Tag nach dem Tod von Dolly Parton, oben an der Rezeption haben sie ihr eine Art Schrein aufgebaut, jeder Roadie, Musiker, Tourmanager, der vorbeikommt, verliert ein paar Worte, man kannte sie hier. Auch das ist ein Grund, warum Wood mit seiner Band nochmals probt. In drei Tagen steht ein Country-Festival an, und da will er es sich nicht nehmen lassen, der Königin des Genres Tribut zu zollen: «Ich weiss zwar noch nicht, was zur Hölle wir spielen werden, aber wahrscheinlich 9 to 5. Ja, vielleicht machen wir eine Rock’n’Roll-Version davon.» Nun aber genug Small Talk.Frage: Ronnie Wood, Sie haben Ihr ganzes Leben lang Musik geatmet. Eigentlich seit neunundsiebzig Jahren, seit Sie in eine Roma-Familie, in der ständig gesungen und gespielt wurde, hineingeboren wurden. Könnte man sagen, dass die Musik das ist, was Sie so lange am Leben gehalten hat?Antwort: Ja, die Musik und die Malerei, die erden mich, wenn ich keine Solo-Shows gebe oder nicht mit den Stones unterwegs bin.Frage: Hatten Sie bei diesem familiären musikalischen Hintergrund überhaupt eine Chance, der Musik zu entkommen?Antwort: Nein, ich wurde von der Musik angezogen wie eine Motte vom Licht. Mein Bruder Art war zehn Jahre älter als ich und mein Bruder Ted acht Jahre älter. Ted war Jazz-Schlagzeuger und -Sänger, und er hat mir Bix Beiderbecke, Louis Armstrong und all den traditionellen Jazz nahegebracht. Ich habe Gitarristen wie Eddie Condon kennengelernt und bin so zum ganzen Jazz gekommen – über Count Basie, Duke Ellington und das alles. Und Art, mein anderer Bruder, war der Bluesman. Er brachte Smokestack Lightning von Howlin’ Wolf nach Hause und Shame, Shame, Shame von Jimmy Reed. Das hat mich gepackt, und Chuck Berry habe ich dann für mich selbst entdeckt. Man vermischt all diese Dinge – Soul, Blues und Rock’n’Roll. Und ehe man sich’s versieht, hat man ein Leben lang nichts anderes getan.Frage: Es gab also keine Chance, etwas anderes als Musik zu machen?Antwort: Nein. Ich kann ja nicht mal Noten lesen. Ich habe mal versucht, Noten zu lesen, aber ich fand es langweilig. Wer will schon exakt wissen, was er da tut? Da habe ich angefangen zu improvisieren und die Dinge etwas aufzupeppen.Frage: Wundern Sie sich manchmal, noch am Leben zu sein?Antwort: Nein. Ich glaube an Wunder. Und ich bin trocken und rauche nicht mehr. Zwei weitere Wunder!Frage: Sie haben sogar Lungenkrebs überlebt.Antwort: Ja, und zwar den kleinzelligen, der viel gefährlicher ist.Frage: Sie haben sich damals geweigert, eine Chemotherapie zu machen, weil Sie Ihre ikonische Frisur nicht opfern wollten.Antwort: Kann man doch verstehen, nicht? Jemand da oben mag mich offenbar – und jemand hier unten auch.Frage: Sind Sie ein gläubiger Mensch?Antwort: Ich glaube an eine höhere Macht, ja. Wissen Sie, bevor ich trocken wurde, spürte ich oft die Anwesenheit von so etwas wie dem Erzengel Gabriel, der mich beschützt hat. Wenn ich zugedröhnt war, sagte er: «Geh nicht weiter» – wie eine innere Stimme. Ich glaube, deshalb lebe ich noch. Ich bin nie über die Klippe gegangen.Man muss das verstehen. Ronnie Wood hat wahrlich kein gesundes Leben geführt. Der Alkohol war seinem Leben in der Roma-Familie, deren Vorfahren auf dem Fluss gelebt hatten, von Anfang an eingeschrieben. Schon der Vater hat, nachdem die Pubs geschlossen waren, mit seinen Freunden zu Hause, in einem Häuschen in einer ärmlichen Gegend im Schatten des Flughafens Heathrow, einfach weitergetrunken und gesungen und gespielt. Als man das Haus nach dem Tod der Eltern verkauft hat, fand der neue Besitzer bei Gartenarbeiten über tausend beerdigte Guinness-Flaschen. Seine beiden Brüder hat Ronnie Wood schon vor längerem an den Alkohol verloren.Aber er selbst lebt noch. Obwohl der Gitarrist sein Leben lang eigentlich ständig unterwegs war, mit den Birds, Jeff Beck, den Faces und eben den Stones – und das immer und überall benebelt. Er ist zum dritten Mal verheiratet, hat sechs Kinder, neun Enkelkinder und einen Urenkel. Dass er dieses Familienglück erleben kann, ist in der Tat ein Wunder.Er war im Gefängnis wegen Drogenbesitzes, hat eine anstrengende Welttournee nach der andern absolviert, mit Tausenden von Fans, die die ganze Nacht vor dem Hotel gesungen haben. Und er hat Schlägereien und auch Attacken von Keith Richards auf sein Leben überstanden. Der hielt ihm mal eine Pistole an den Kopf, weil er eifersüchtig auf das gute Dope von Wood war. Worauf dieser seine 44er-Magnum zog. Und Ruhe war.Frage: Ronnie Wood, Sie sagen, Ihr exzessiver Drogenkonsum sei auch eine Möglichkeit gewesen, Ihre jahrelange Unsicherheit zu kaschieren.Antwort: Das kann sein. Als kleines Kind habe ich gestottert. Ich hatte mit dem Stottern aufgehört, als ich vier war, glaube ich. Und das war bei meinem ersten Fotoshooting, da war ich vier Jahre alt. Die Fotografin, eine ältere Dame, stellte mich in den Garten – ich habe das Bild immer noch im Kopf, wie ich an den Knöpfen meiner Hosenträger drehe – und sie sagte: «Schau mal ins Vogelhäuschen!» Und mein Gesicht sah so aus: «Was für ein Vogel? Da ist kein Vogel.» Das habe ich nie verstanden. Ich dachte nur: «Diese Frau ist verrückt.» Von da an habe ich nicht mehr gestottert.Frage: Viele Künstler fühlen sich nur auf der Bühne wirklich sicher. Ist das bei Ihnen auch so?Antwort: Ja. Und wenn ich, wie jetzt, die Unterstützung einer Band wie der von Willie Weeks habe, kenne ich keinen besseren Ort auf Erden. Eine grossartige Rhythmusgruppe. Und ich habe Johnny Lee und Andy Wallace, und ich fühle mich so geehrt, Chanel Haynes und Imelda May dabei zu haben. Wenn ich also die hohen Töne nicht erreiche, singen sie sie für mich.Frage: Sie brauchen also ein Team.Antwort: Ich bin ein Teamplayer.Frage: Ist das bei den Stones genauso?Antwort: Ja, Keith und ich, wir verweben unsere Gitarren ineinander. Wir verstanden uns von Anfang an blind.Frage: Sind Sie süchtig nach der Bühne?Antwort: Ich bin ein bisschen wie Mick. Er ist nicht glücklich, wenn er keinen Auftritt hat. Aber ich bin da etwas entspannter, weil ich mein Kunstatelier habe.Frage: Sie erklären Ihre unglaubliche Karriere immer damit, Sie seien einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.Antwort: So ist es auch.Frage: Ich glaube, da fehlt etwas: Ihre immense Willenskraft und Ihr Fleiss.Antwort: Willenskraft habe ich vor sechzehn Jahren bewiesen, als ich trocken wurde – sauber und gelassen. Ich sehe jetzt alles viel klarer.Frage: Sie mussten aber den Willen haben, aufzuhören. Woher hatten Sie diesen Willen?Antwort: Es ging um Leben oder Tod. Ich dachte: Ich hatte eine gute Zeit, aber jetzt muss ich hier rauskommen. Da kam dann der Entzug und das alles. Das habe ich etwa zehnmal versucht, bis es klappte.Frage: Keith Richards war da nicht sehr hilfreich.Antwort: Nein, er sass dann immer vor mir, kippte sich einen hinter die Binde und sagte: ‹Rehab is for losers.› Wer einen Entzug mache, sei ein Verlierer. Wir haben immer alles zusammen gemacht, ausser einen Entzug.Frage: Keith Richards hat die Arbeitshaltung in der Band so formuliert: «Niemand schläft, solange ich noch wach bin.»Antwort: Das war, als Keith völlig zugedröhnt war und nie ins Bett gehen wollte. Die einzige Zeit, in der ich schlafen konnte, war also, wenn er schlafen wollte. Sonst hat er mich aus dem Bett gezerrt.Frage: Das ist ja Sklaventreiberei.Antwort: Oh, definitiv, was Keith gemacht hat, war Sklaverei. Wir hatten halt durch die Drogen immer die nötige Energie, um weiterzumachen.Dass es die Rolling Stones immer noch gibt, hat viel mit Humor der englischen Art zu tun, dieses Schwarze, Selbstironische, dem eine tiefe Gelassenheit innewohnt. Einmal wollte Eric Clapton dazustossen, wahrlich keine schlechte Bewerbung. Man wies ihn ab – mit der Begründung, er sei zwar ein Weltklasse-Gitarrist, habe aber nicht denselben abgründigen Humor wie der Rest der Truppe. Und würde deshalb unglücklich werden.Frage: Ronnie Wood, wenn man Ihre Autobiografie liest, kann man nur über den Wahnsinn des Musikbusiness in den sechziger und siebziger Jahren staunen. Trauern Sie dieser Verrücktheit der sechziger, siebziger und achtziger Jahre nie nach?Antwort: Ich glaube, Sie waren auch dabei in diesen verrückten Zeiten, so begeistert, wie Sie davon reden! Hatten Sie mal richtig lange Haare?Frage: Ich hatte verrückte Haare.Antwort: Jetzt erinnere ich mich an Sie! Ich wusste doch, dass ich Sie schon mal gesehen habe. Aber heute machen Sie einen viel respektableren Eindruck.Frage: Ich erinnere mich nicht, Sie damals schon gesehen zu haben.Antwort: War ja auch ein Scherz. Kommen Sie doch zum Gig in Amsterdam, im Paradiso. Da wird es rocken.Frage: Sie haben immer noch diese Lust am Leben. Menschen in Ihrem Alter sind oft mit Krankheiten und anderen Gebrechen konfrontiert.Antwort: Wissen Sie, es ist schwer, durchs Leben zu kommen! Aber man kommt auf der anderen Seite wieder raus. Und man darf den Fuss nicht vom Gas nehmen. Man muss die Balance halten. Man darf nicht zu depressiv werden und sich nicht zu sehr aufregen. Ich habe da meine Meditationsbücher, die mich leiten. Das Ziel ist es, gesund und fit zu bleiben. Das Leben fängt mit achtzig an, so sehen wir das.Frage: Dann fängt Ihr Leben nächstes Jahr an. Was macht einen guten Gitarristen aus?Antwort: Sie haben über Ihre Fragen nachgedacht, nicht wahr?Frage: Ja. Weil ich die Antworten nicht habe.Antwort: Hingabe ans Instrument ist das Geheimnis. Wenn du durch das Instrument sprechen kannst, dann bist du ein adäquater Gitarrist.Frage: Aber Hingabe kann nicht das Einzige sein. Es ist Talent, es ist Fleiss, es ist Arbeit.Antwort: Viel Hingabe kann es nicht sein, ich übe nämlich fast nicht! Vielleicht mag ich deshalb so viele Gigs, weil ich live vor Publikum probe. Wenn man zu Hause ist und über einen Song oder einen Zugang zu einem Song nachdenkt, kann man nur bis zu einem gewissen Punkt gehen. Ob etwas funktioniert, weiss man erst, wenn man vor Publikum spielt.Frage: Die Rolling Stones haben das Business professionalisiert. Man sagt, die Stones seien die erste Band gewesen, die das Geschäft kommerzialisiert habe. Sehen Sie das auch so?Antwort: Schon gut. Ich glaube nicht, dass wir es kommerzialisiert haben, ich glaube, die Leute mochten uns einfach. Das nannten sie dann kommerziell, weil die Leute in Scharen kamen, um uns zu sehen. Wir haben nichts anderes getan, als gut zu spielen. Und wir spielen funky. Wir spielen wie in einer Klub-Atmosphäre und tragen das auf die grosse Bühne. Das ist das Erfolgsgeheimnis der Stones.Frage: Selbst wenn Sie auf der grossen Bühne stehen, fühlt es sich für Sie an wie ein kleiner Klub?Antwort: So muss es sein. Sonst entsteht Distanz, und die Kommunikation in der Band geht verloren. Es muss eine Einheit bleiben, es muss eng sein. So wie hier in diesem Übungsraum. 50 Leute oder 500 000 Leute, es darf keinen Unterschied machen.Die PR-Managerin bricht das Gespräch ab, Ronnie und seine Band müssten jetzt weiterüben. Handshake, Daumen hoch, und dann ruft Ronnie Wood seine Jungs zusammen: «Let’s roll!»Ronnie Wood spielt mit seiner Band am 1. September im Zürcher Volkshaus.Die Rolling Stones auf Tour 1989. Von links nach rechts: Ronnie Wood, Mick Jagger, Charlie Watts, Keith Richards und Bill Wyman.Paul Natkin / GettyEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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