Gastkommentarvon Andrea Lanfranchi , Peter KlaverFür gleiche Bildungschancen braucht es eine Frühförderung ab GeburtDie Wirksamkeit frühkindlicher Angebote für sozial belastete Familien ist längst erwiesen, und die Instrumente sind vorhanden. Es geht nur noch darum, sie auch anzuwenden.30.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob wir früh fördern sollen, sondern nur noch wie.Bruno Kissling / CH MediaBildungsverantwortliche und Politiker aller Couleur fordern regelmässig mehr frühkindliche Förderung, wenn sich wieder einmal zeigt, dass die Schule Kinder aus Familien mit tiefem sozioökonomischem Status nicht ausreichend fördern kann. Die Umsetzung und Finanzierung wirksamer Massnahmen überlassen sie jedoch oft Stiftungen oder privaten Trägerschaften. Und die Präventionsfachleute empfehlen seit Jahren eine raschere Verbreitung bewährter Programme der aufsuchenden Familienarbeit für jene Kinder, die mit erschwerten Startbedingungen aufwachsen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch was geschieht konkret? Nicht sehr viel, abgesehen von einigen vielversprechenden Ausnahmen wie im Kanton Tessin mit einem erfolgreichen Hausbesuchsprogramm – oder in mehreren Deutschschweizer Kantonen wie Thurgau, Aargau, beiden Basel, Solothurn und neuerdings Zug mit flächendeckenden Sprachstanderhebungen bei den Dreijährigen und der frühen Sprachbildung in Kitas und Spielgruppen. Nachweislich wirksame Förderprogramme sollen jedoch ohne weiteres Zögern in die Regelstrukturen der Kinder- und Familienhilfe übergeführt werden. Geschieht das nicht, wird nicht nur Kindern aus sozial belasteten Familien eine reale Entwicklungschance genommen, auch Gesellschaft und Wirtschaft werden unnötig belastet.Sämtliche Auswertungen schulischer Leistungen sprechen seit über zwanzig Jahren eine deutliche Sprache: Die soziale Herkunft – oft in Kombination mit Fremdsprachigkeit und Migrationserfahrung – hat einen starken Einfluss auf den Bildungserfolg und die Bildungswege. Kinder aus bildungsnahen und ressourcenstarken Familien besuchen häufiger Gymnasien und erreichen öfter einen Tertiärabschluss als Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen.Trotz zahlreichen Unterstützungsangeboten wie familienergänzender Kinderbetreuung oder Fördermassnahmen im Bereich Deutsch als Zweitsprache gelingt es offenbar nicht, Leistungsunterschiede zu verringern, die auf soziale Ungleichheiten zurückzuführen sind. Im Gegenteil: Die im neuen Bildungsbericht Schweiz sowie im Armutsmonitoring dargestellten Befunde zeigen, dass diese Ungleichheiten hartnäckig bestehen bleiben oder sich teilweise sogar verstärken.Auch eine kürzlich veröffentlichte Unicef-Studie bestätigt dieses Bild: Die Schweiz verfügt zwar über ein leistungsfähiges Bildungssystem, aber nicht für alle Kinder. Besonders deutlich wird dies an der grossen Leistungsdifferenz zwischen Kindern aus privilegierten und solchen aus benachteiligten Haushalten. Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz bei der Bildungsungleichheit entsprechend schlecht ab. Aus Studien wissen wir zudem, dass zwei Drittel der Leistungsunterschiede bereits vor dem Schuleintritt entstehen.Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir früh fördern sollen, sondern, wie. Gesucht sind Massnahmen, die wirksam sind und deren Wirkung über die ersten Lebensjahre hinaus Bestand hat. Besonders vielversprechend sind Programme für Kinder ab Geburt, die gezielt auf vulnerable Familien ausgerichtet sind und auch jene Eltern erreichen, die von bestehenden Unterstützungsangeboten kaum profitieren.Heute verfügen wir über bewährte präventive Interventionen der aufsuchenden Familienarbeit. Sie basieren in der Regel auf regelmässigen Hausbesuchen während der ersten drei Lebensjahre eines Kindes. Ein besonders gut erforschtes Beispiel ist das Programm «PAT – Mit Eltern lernen», dessen langfristige Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit im Rahmen der sogenannten Zeppelin-Studie untersucht wird und das heute in verschiedenen Kantonen in der Praxis umgesetzt wird.Die Ergebnisse sind durchwegs positiv. Sie zeigen bei Programmende Verbesserungen im kognitiven Bereich sowie nachhaltige Effekte – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen – auf die Sprache, das Mathematikverständnis und die Verhaltenskontrolle noch bis in die ersten Klassen der Primarschule. Dieses Hausbesuchsprogramm wirkt insbesondere bei Kindern aus stark belasteten Familien. Wie dauerhaft diese Effekte sind, wird sich nun beim Übergang in die Sekundarstufe I zeigen.Laut Schätzungen wachsen rund zehn Prozent aller Neugeborenen in sozial belasteten Familienverhältnissen auf. Im Kanton Tessin erreicht das vom Kanton getragene Hausbesuchsprogramm «PAT» mittlerweile rund drei Prozent aller Neugeborenen. Die Resultate sind bemerkenswert: Nur wenige Kinder treten dort mit ungenügenden Italienischkenntnissen in die erste Primarschulklasse ein. In der Deutschschweiz hingegen spricht beim Schuleintritt ungefähr jedes dritte Kind noch nicht ausreichend Deutsch.Wenn Politik und Bildungsverantwortliche es mit der Chancengerechtigkeit ernst meinen, dürfen sie sich nicht länger auf wohlklingende Absichtserklärungen beschränken. Die wirksamen Instrumente liegen längst auf dem Tisch. Nun braucht es den Mut, sie umzusetzen und nachhaltig zu finanzieren.Andrea Lanfranchi, 68, ist emeritierter Professor für Sonderpädagogik an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich und hat zusammen mit Alex Neuhauser die Zeppelin-Studie konzipiert und initiiert.Peter Klaver, 55, ist Leiter Zentrum Forschung und Wissenstransfer an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, Privatdozent an der Universität Zürich sowie gemeinsam mit Alex Neuhauser Projektleiter der Zeppelin-Studie.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel