Der Rechtsanwalt, der für den Schweizer Boulevard den People-Journalismus erfand. Ein NachrufDer legendäre «Blick»-Reporter Jack Stark, der zeitweise auch Pressechef für Schlagersänger Udo Jürgens war, ist 91-jährig gestorben.Adrian Meyer30.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHatte beim «Blick» als einziger die Erlaubnis, erst nach dem Mittagessen im Büro aufzutauchen: Jack Stark, hier mit der Schauspielerin Uschi Glas.PDJack Stark war dabei. Er war dabei, als Mick Jagger 1967 nach dem legendären Konzert der Rolling Stones im Hallenstadion in den Zürcher Nachtklub «High Life» wollte – und abgewiesen wurde wegen «ungepflegten Aussehens»; dabei, als Yul Brynner, Sean Connery und Stephen Boyd in der Wiener Eden-Bar je eine Flasche Wodka, Scotch und Bourbon bestellten – und laut Stark «soffen wie die Löcher»; er war auch dabei, als sich zwei Playboys um Uschi Glas prügeln, wobei der eine dem anderen ein halbes Ohr abbiss. Jack Stark war ein Pionier des People-Journalismus in der Schweiz – zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seine Begegnungen mit den Stars und Sternchen beschreibt er im «Blick» in seiner täglichen Kolumne «Mit Chasseur dabei». Chasseur, das ist sein Pseudonym, angelehnt an den legendären Münchner Klatschreporter Hannes «Hunter» Obermaier. Was Stark schreibt, ist Tagesgespräch. Dank seiner diskreten und vertrauensvollen Art findet er Zugang zu den meisten Prominenten. «Ich war kein promigeiler Jäger», sagt er in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger», «sondern eher ein Sammler, der einen behutsamen Umgang mit seinen Objekten pflegt».Geboren wird Herbert «Jack» Stark 1936 in Zürich. Sein Vater, ein Intellektueller und Sozialist, schreibt für die sozialdemokratische Tageszeitung «Volksrecht». Die Artikel habe er jeweils in eine Hermes Baby gehämmert, erinnert sich Stark in dem Interview, «genau das wollte ich auch». Bereits als Kindergärtler liest er Zeitung, als Primarschüler schreibt er Kurzgeschichten. Seinen ersten Artikel verfasst er als 12-Jähriger für das spätere «Gelbe Heft», das beliebte Unterhaltungsblatt des Ringier-Verlags.Nach der Matur studiert Stark Jus. Nachdem der Vater plötzlich stirbt, beginnt er, mit Zeitungsartikeln sein eigenes Geld zu verdienen. Zum Boulevardjournalismus kommt er per Zufall. In den Sommerferien 1963, als er gerade seinen Doktor macht, besucht er seinen Freund Bruno Sulzer im Tessin. Dieser berichtet damals als Fotograf für den «Blick» vom Filmfestival Locarno. Zu jedem fotografierten Promi soll Sulzer eine kleine Story schreiben. Da ihm dafür das Talent fehlt, bittet er Stark, die Zeilen unter seinem Namen zu schreiben. Die «Blick»-Redaktion durchschaut die Täuschung: Die Geschichten gefallen so gut, dass man wissen will, wer sie tatsächlich geschrieben hat – und Stark sogleich als Reporter engagiert. Noch während er am Bezirksgericht Horgen arbeitet, beginnt er nebenbei für den «Blick» zu schreiben. Nachdem er sein Anwaltsexamen bestanden hat, wird er hauptberuflicher Reporter.Um möglichst nah an die Schönen und Berühmten zu kommen, schlägt sich Stark manch wilde Nacht um die Ohren. «Oh ja, wir haben fleissig gesoffen», sagt er zum «Tages-Anzeiger». Es sei normal gewesen, «dass der prominente Gesprächspartner im Verlauf des Interviews eine halbe Flasche Whisky wegputzte – oder mehr». Damals, so heisst es, war er der einzige «Blick»-Mitarbeiter, der die Erlaubnis hatte, erst nach dem Mittagessen auf der Redaktion zu erscheinen. Irgendwann rührt Stark keinen Tropfen Alkohol mehr an, da es bloss zwei Möglichkeiten gab: «absolute Abstinenz oder Weitersaufen mit fatalen Folgen».Im Jahr 1967 gründet Jack Stark für den Ringier-Verlag die TV-Zeitschrift «Tele» mit und wird deren erster Chefredaktor. Dort führt er ein Format ein, das die Schweizer Medienwelt noch nie gesehen hat: die Homestory. Sie zeigt Prominente erstmals nicht nur bei öffentlichen Auftritten, sondern auch privat in ihrem Zuhause – zum Anfassen nahe. Der beliebte Fernsehmoderator Mäni Weber ist der Erste, der Stark die Türen zu seinem Zuhause öffnet. Es folgen Peter Ustinov, Audrey Hepburn oder Romy Schneider, die in Zürich-Höngg eine heimliche Wohnung besitzt. Als Stark einmal Charlie Chaplin in seinem Anwesen am Genfersee besucht, findet er den damals 80-Jährigen im Garten, schlafend in einem Korbsessel. «Ich sass da und betrachtete nur sein schlafendes, ruhiges Gesicht», sagt Stark später zum «Tagblatt der Stadt Zürich». «Dann ging ich wieder».Einige der Prominenten werden zu Freunden. Zum Beispiel Udo Jürgens. Stark interviewt den Sänger, als er noch wenig bekannt ist. Ihm gefällt die Musik so sehr, dass er Jürgens’ erstes Konzert in Zürich mitorganisiert. Bald zieht er mit dessen Clique um die Häuser. Als Stark im Jahr 1977 mit Ringier bricht, wird er Jürgens’ Pressechef. Sieben Jahre lang begleitet er ihn zu Aufnahmen, Fernsehauftritten und auf Tourneen. Dann kehrt er in den Journalismus zurück. Seine letzten Berufsjahre verbringt er wieder bei Ringier, zunächst als Ressortleiter Unterhaltung beim «Blick für die Frau» und schliesslich beim «Sonntags-Blick».Obwohl Jack Stark sein halbes Leben unter Prominenten verbringt, bleibt er stets bodenständig. Am liebsten ist er zu Hause bei seiner Frau und den drei Töchtern. «Ich bin eigentlich ein Bünzli», sagt er einmal zur «Weltwoche». «Ich war zwar oft mit Prominenten zusammen; aber wirklich zu ihnen gehört habe ich nicht.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel