Wer nimmt Trump noch ernst?Der US-Präsident fordert, dann droht er. Bis die Schwächeren nachgeben. Nur: Diesen Sommer geben sie nicht mehr nach. Seine Macht bröckelt. Das hat nicht nur Kanadas Premierminister Mark Carney gemerkt.Andreas Mink, New York30.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer US-Präsident Donald Trump ist noch ein Schatten seiner selbst.Kylie Cooper / Reuters«Ellbogen hoch!» Die Parole klebt auf Heckscheiben und steckt auf gebastelten Tafeln in Vorgärten. Der Spruch, der aus dem Nationalsport Eishockey stammt, ist die Antwort eines Landes, das sich gegenüber den Druckversuchen Donald Trumps trotzig gibt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nachdem der Premierminister Mark Carney diese Woche die Handelsgespräche mit den USA abgebrochen hat, ist aus Kanadas Kampfansage handfester Widerstand geworden. Die Trump-Regierung hatte unter anderem verlangt, das zweisprachige Land solle die Förderung der französischen Sprache und Kultur abschaffen. Carney sagte, er habe «schon lange davor gewarnt, dass Amerika uns brechen will, um uns zu übernehmen». Aber dazu werde es niemals kommen. Und so hat der 61-Jährige die von Trump angekündigten Strafzölle von 50 Prozent am Dienstag mit Auflagen für Importe aus den USA in exakt gleicher Höhe von 20 Milliarden Dollar gekontert.Es scheint ein bekanntes Drehbuch. Donald Trump stellt extreme Forderungen. Wenn die Gegenseite nicht nachgibt, lässt er bombastische Drohungen folgen, bis der Schwächere aufgibt. Doch: Diesen Sommer geben die Schwächeren nicht mehr nach. Carney ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie sich der Plot in Trumps zweiter Amtszeit verändert hat. «Die Epoche der Kapitulation vor Trump» sei nicht nur für Kanada vorbei, schrieb etwa die «New York Times».«Trump always chickens out»Die Ersten, die sich ihm widersetzt hatten, waren im vergangenen Jahr die Chinesen, die auf seine Zölle mit einem Exportverbot für seltene Erden reagierten. Trump machte einen Rückzieher, was ihm den Spitznamen Taco einbrachte: «Trump always chickens out» («Trump gibt immer nach»). Aber China ist ja auch nicht die Kleinmacht Kanada. Oder Iran, dessen Regime das amerikanische Militär auch nach wochenlangen Bombardements nicht in die Knie zwingen konnte. Mit der Kontrolle der Strasse von Hormuz haben die Mullahs ein Pfand in der Hand, das der Welt die Ratlosigkeit des säbelrasselnden US-Präsidenten vor Augen führt. Weil das Arsenal der Abwehrraketen leer ist und die Seeleute erschöpft sind, sollen es nun umfassende Wirtschaftssanktionen richten. Aber aus dem von Trump angedrohten «wirtschaftlichen D-Day» gegen Iran sind auch schon wieder leere Phrasen geworden. Offenbar hat Peking interveniert und vor Massnahmen gegen chinesische Banken und Firmen gewarnt, den wichtigsten Partnern Irans beim Öl-Export.Die Welt ist eben komplizierter, als es sich der vermeintlich mächtigste Mann der Welt gedacht hat. Das weiss nicht nur der Anleihenmarkt, der in diesen Wochen wieder einmal gegen Trumps Verschuldungspolitik rebelliert. So verweigerten die Europäer schon im Frühling ihre Teilnahme an einer Intervention in der Strasse von Hormuz, der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu lehnt ungerührt die von seinem wichtigsten Verbündeten propagierte Weiterführung eines Friedensplans für Gaza ab. Und Saudiarabien, Pakistan und die Türkei signalisieren mit dem «Mekka-Pakt», dass sie die USA in Nahost nicht mehr als verlässliche Schutzmacht betrachten.«Wir sind an einer Art Wendepunkt», sagt Norm Eisen hoffnungsvoll, ein amerikanischer Anwalt und Gründer des Democracy Defenders Fund, der den amerikanischen Präsidenten in mehreren Gerichtsfällen bekämpft. Zu Hause und im Ausland werde der Widerstand energischer. Und das habe mit dem Übermarchen von Trump selber zu tun. «Er war sein eigener schlimmster Feind», sagt Eisen in der «Times». Gemeint sind neben dem Iran-Krieg etwa das Hin und Her im Ukraine-Krieg, der Grönland-Vorstoss, mit dem er die Bündnispartner verärgerte, oder die gnadenlose Verfolgung von zum Teil legalen Immigranten im Inland.Was er als «America First»-Strategie verkaufte, meinte in Wahrheit die Durchsetzung des Rechts des Stärkeren. Doch selbst nach dem Kalten Krieg, auf dem Höhepunkt von Amerikas Macht, stützte sich diese neben dem mit Abstand mächtigsten Militär auch auf globale Allianzen und die internationale Anziehungskraft von Forschung und Wissenschaft.Trumps Attacken auf diese ureigenen amerikanischen Stärken sorgen für den Pushback – in Kombination mit all seinen internationalen Initiativen, die sich mehrheitlich als Rohrkrepierer erwiesen haben. Und so erlebt die Regierung, wie «Bloomberg News» berichtet, bereits vor den Zwischenwahlen einen ersten Mitarbeiterexodus. Nur im Kongress widerlegen die Republikaner bis jetzt alle Prognosen, dass sie sich bald von ihm abwenden könnten.Carney baut an der Allianz der MittelmächteAuf dem internationalen Parkett ist der Kanadier Mark Carney zum Symbol der neuen Auflehnung geworden, insbesondere jener Mittelmächte, die auf Kooperation statt reiner Machtpolitik setzen. Dass ein Showdown mit Trump unvermeidlich sein würde, war Carney spätestens 2025 klar: «Wir erleben einen Bruch – tiefgreifende Veränderungen innerhalb kürzester Zeit.» Seine gesamte Erfahrung sage ihm: «In solchen Situationen muss man gross und mutig handeln.»Dafür fand der ehemalige Banker und Notenbankchef im Januar eine perfekte Plattform. Am WEF in Davos erklärte er das Ende der nach dem Zweiten Weltkrieg auf Regeln gebauten und von den USA garantierten Weltordnung: «Und wer nicht länger von Regeln geschützt wird, muss seine Sicherheit in die eigene Hand nehmen.» Dies gelte vor allem für «mittlere Mächte» wie Kanada oder die EU-Staaten, diese müssten «gemeinsam agieren». Denn wer heute nicht mit am Tisch der Grossmächte sitze, «der landet auf der Speisekarte». Damit goss Carney den Europäern Eisen ins Blut, die sich dann endlich zu einer gemeinsamen Front gegen Trumps Anspruch auf Grönland durchrangen und sogar ein symbolisches Truppenkontingent in das dänische Autonomiegebiet entsandten.Carney baut seither an einer grösseren Allianz – mit den in der EU vereinten Mittelmächten, aber nicht nur. Er hat Kanada als erstes Land ausserhalb der Europäischen Union in die neue Sicherheitsinitiative Safe geführt: Sie stellt zunächst 150 Milliarden Dollar an günstigen Langzeitkrediten für die Modernisierung von Streitkräften bereit. Das Programm ist Ende Mai mit ersten Zahlungen an Polen angelaufen. Mitte September tritt er vor dem Europaparlament auf. Thema soll eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit sein.Ausserdem hat Carney mehrere grosse Handels- und Investitionsabkommen mit anderen Ländern abgeschlossen, etwa mit Indonesien, Indien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und natürlich war er auch bei Xi Jinping und kündigte neben Zollsenkungen, unter anderem für chinesische Autos, eine «neue strategische Partnerschaft» mit China an, mit dem Ziel, die Exporte nach China um 50 Prozent zu steigern. Risikodiversifikation ist das Motto.Als Ökonom wiegt Carney gerne Kosten gegen Nutzen ab. Natürlich ist Kanada wirtschaftlich immer noch abhängig von den Amerikanern: Von dort kommt die Hälfte der Importe, und 70 Prozent der Abnehmer für Kanadas Autoteile, Bauholz, Erdöl oder Eishockeyschläger sitzen südlich der Grossen Seen. Sein Kalkül: Mit dem Verlust der Glaubwürdigkeit als zuverlässiger Allianzpartner ist Amerika unter Trump nicht nur unberechenbarer, sondern auch schwächer geworden. Daran ändert sich auch nichts, wenn Trump den Grenzsee zu Kanada in «Lake America» umbenennt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel