Vorsicht, Geige! Was Musikerinnen mit teuren Instrumenten riskierenSie kosten Millionen, vertragen weder Hitze noch Hautfett undpassen oft nicht ins Handgepäck: Wer mit wertvollenMusikinstrumenten reist, riskiert mehr als deren verspätete Ankunft.30.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWas für Musiker ein Schatz ist, erscheint dem Scanner verdächtig.Getty ImagesAls diese Geige, ein spätes Meisterwerk aus der Werkstatt des Turiners Giovanni Battista Guadagnini, 1782 gebaut wurde, reisten Musikerinnen und Musiker noch in Kutschen zu Land und zu Wasser meist in Segelbooten. Von reguliertem Flugzeughandgepäck war die Welt noch weit entfernt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den folgenden 244 Jahren wurden Eisenbahn, Raumfähre und Handy erfunden, Könige geköpft, Nationalstaaten gegründet – doch der Fortschritt endet vor dem achtzig Zentimeter langen Geigenkoffer der deutschen Violinistin Carolin Widmann, die heute auf diesem Instrument spielt. Flughafenarbeiter in Helsinki vermassen den Kasten mehrfach, dann stellten sie Widmann vor die Wahl: ein Flug mit Extrahandgepäck zwei Tage später. Ein zweites Passagierticket für die Geige. Oder ab in den Frachtraum mit dem Ding, das etwa so viel kostet wie ein kleines Patrizierhaus.Die Erde dreht sich einmal pro Jahr um die Sonne, heute wie zu Mozarts Zeiten. Nur die Menschen haben es immer eiliger. Musiker profitieren davon. Ein Konzert in Helsinki und zwei Tage später das nächste in Wien, das wäre damals kaum machbar gewesen. Carolin Widmann schaffte es, indem sie sich für eine vierte Variante entschied: Den Geigenkasten mitsamt den Bögen im Wert eines Kleinwagens gab sie in den Frachtraum, die nackte Guadagnini aber hüllte sie in ihren Pullover und hielt sie während des Fluges auf ihrem Schoss wie die Maria das Jesuskind. An Toilettenbesuche war nicht zu denken.Paranoid ist das nicht. Die besten Geigen von Guadagnini, Guarneri und Stradivari, wie viele Topmusiker sie spielen, sind rasch einmal mehrere Millionen wert – und oberflächenempfindlich wie Neurodermitis-Patienten. Als die deutsche Showmasterin Ina Müller den Geiger David Garrett mit allem Charme darum bat, seine Stradivari berühren zu dürfen, die er bereits für die Kameras auf einem Kneipentisch ausgepackt hatte, sagte er: «Nein.» Schon das geringste Quentchen Hautfett auf dem Lack könnte eine wertmindernde Minikatastrophe auslösen.Frachträume als KlimahöllenKein Wunder, sind Musikerinnen geschockt, wenn sie ihr Instrument für die Sicherheitskontrolle am Flughafen aus dem Kasten nehmen müssen – oder wie Carolin Widmann für den ganzen Flug. Die Geigerin über ihre Guadagnini: «Das ist mehr als ein Instrument. Es ist Kulturerbe. Es ist, als würde man ein Van-Gogh-Gemälde ohne Schutz in den Händen tragen.»Frachträume von Passagierflugzeugen können über den Wolken zu Klimahöllen werden – vor allem Cellisten buchen deshalb lieber ein zweites Passagierticket für ihr Instrument. Eine gangbare, aber umständliche Alternative dazu sind die klimatisierten Frachträume von Cargo-Flugzeugen, wie sie das Tonhalle-Orchester Zürich kürzlich auf einem Flug nach Japan nutzte. Sie schützen Instrumente vor unbefugten Händen und Campari-Soda-Spritzern aus dem Bordservice. Allerdings bleiben Rollfelder, wo Frachtcontainer oft an der prallen Sonne stehen, als Gefahrenzone, wie der Tonhalle-Tournee-Logistiker Matthias Lehmann aus Erfahrung weiss: Spätestens bei vierzig Grad beginnt sich der Lack aufzuweichen. Will man später das Samtdecklein von der Geige ziehen, kommt er gleich mit.Solche Lackschäden können den Klang beeinträchtigen, doch es gibt schlimmere Reiserisiken. Als der Pianist Krystian Zimerman mit seinem Steinway-Flügel in die USA einreisen wollte, erschien dem Sicherheitspersonal am New Yorker Flughafen der Geruch des Leims verdächtig – der Flügel wurde zerstört. Dasselbe Schicksal ereilte 13 handgefertigte Flöten aus marokkanischem Schilfrohr, die der Virtuose Boujemaa Razgui über Jahre hinweg getrocknet hatte. Die Pipa-Spielerin Wu Man musste mitansehen, wie eine Flugbegleiterin ihrer chinesischen Laute den Hals abbrach. Und Alban Gerhardts Cello erlitt durch das Flughafenpersonal einen irreparablen Riss in der Decke.Die mobile, digitale Moderne ist kein günstiges Milieu für eine klassische Klangkunst, die unrettbar im Physischen wurzelt. Manche Musiker wie der amerikanische Kontrabassist Lucas Phillips brechen mit ihren Instrumenten schon gar nicht mehr in die Welt auf. Vor den Gesetzen der Schwerkraft bewahrt sie das freilich nicht: Ein Konzertmeister zerdrückte sein Instrument beim Sturz auf einer Rolltreppe; eine fabrikneue Celesta des Luzerner Sinfonieorchesters nahm schon bei der Auslieferung Schaden, als sie von der Laderampe des LKW rutschte.Der Kontrabassist Philipps kann zumindest darauf hoffen, dass sein Instrument nicht im Río de la Plata versinkt wie Amadeo Baldovinos’ Stradivari-Cello «Mara» bei einem Schiffsunglück 1963. Andere teure Instrumente wurden bei Flugzeugabstürzen vernichtet, bei denen ihr Besitzer starb – wie die «ex-Thibaud»-Stradivari von 1720 beim Absturz des Air-France-Flugs 178 im Jahr 1953. Oder sie wurden unterwegs gestohlen wie das jahrelang verschollene Stradivari-Cello von Min-Jin Kym in einem Café am Bahnhof London Euston. Und eine junge Musikerin liess eine wertvolle Stradivari im Gepäckfach eines deutschen Intercitys liegen. Auch sie wäre besser zu Hause geblieben! (Das Instrument – uff! – wurde wiedergefunden.)Am besten Elfenbein vom MammutWer die Tücken des Transports gemeistert hat und mit unversehrtem Gepäck dem Zielort zusteuert, sollte sich darüber allerdings erst freuen, wenn die Zollkontrolle passiert ist. Der Tonhalle-Logistiker Lehmann erinnert sich an eine schlaflose Nacht vor einem Konzert «seines» Orchesters im Wiener Musikverein, nachdem der Instrumenten-LKW an der deutsch-schweizerischen Grenze wegen einer winzigen Ungereimtheit bei den Zollpapieren gestoppt worden war. Der Auftritt hing am seidenen Faden, erst nach stundenlangen Verhandlungen und Telefonaten konnte die Fahrt schliesslich fortgesetzt werden.Für Zollüberraschungen prädestiniert ist auch die einstige Vorliebe der Instrumentenbauer für Elfenbein an Stimmwirbeln und Bogenspitzen sowie Schlangenhaut-Wicklungen oder Schildpatt-Applikationen am Frosch, deren Grenzübertritt heute der Artenschutz entgegensteht. Dagegen hilft Mammut-Elfenbein, nach dem, wie Matthias Lehmann sagt, «in Sibirien eifrig gegraben» werde. Wichtig auch hier: das Zertifikat. Denn Mammut-Elfenbein hat nicht nur die Materialeigenschaften wie geschütztes Elefanten-Elfenbein, es sieht auch gleich aus.Die in der Schweiz lebende Geigerin Patricia Kopatchinskaja wiederum wurde nach einem Rückflug von Rotterdam nach Zürich zwei Stunden am Zoll verhört und von ihrer 4,5 Millionen Franken teuren Guarneri del Gesù – einer Leihgabe der Österreichischen Nationalbank – getrennt. Ihr drohte eine Busse von 700 000 Franken, das Instrument hätte sie nur gegen eine Kaution von 400 000 Franken zurückerhalten. Es heisst, aus Ärger habe sie sogar erwogen, die Schweiz zu verlassen. Verbürgt ist: Sie gab die Geige an die Nationalbank zurück.Carolin Widmann dagegen, die Geigerin mit dem überlangen Kasten, weigerte sich, vor den Umständen zu kapitulieren. Auf ihre Klage hin wurde das Thema Handgepäckgrösse im Europäischen Parlament diskutiert, und die Lufthansa änderte ihre Handgepäckbestimmungen: Neu ist die Summe aus Länge, Breite und Höhe eines Gegenstandes auf 125 Zentimeter beschränkt. Die 80 Zentimeter Länge ihres Kastens gleicht Widmann durch eminente Schmalheit und Flachheit aus.Es hat etwas Rebellisches, mit Musikinstrumenten zu reisen. Und manchmal trägt es, wie der erwähnte Schiffbruch des «Mara»-Cellos zeigt, sogar zur Weltverbesserung bei. Nachdem die Trümmer aus dem Río de la Plata gefischt und wieder zusammengeleimt worden waren, soll es nach dem Urteil des glücklichen Besitzers noch besser geklungen haben als zuvor. ■Martin Helg hat als Jugendlicher einmal eine Geige im öV vergessen, im Schnellzug St. Gallen–Zürich. Der Stress danach bleibt ihm unvergesslich, obwohl es keine Stradivari war.Passend zum Artikel
Vorsicht, Geige! Reisen mit wertvollen Instrumenten birgt Risiken
Sie kosten Millionen, vertragen weder Hitze noch Hautfett undpassen oft nicht ins Handgepäck: Wer mit wertvollenMusikinstrumenten reist, riskiert mehr als deren verspätete Ankunft.









