Veronika Illguth ist kein ungeduldiger Mensch. Im Gegenteil. Sie strahlt eine Ruhe aus, die die Kraft hat, aus einem stressigen Tag das Tempo zu nehmen. Und doch ist da etwas in ihr, was auch sie rastlos sein lässt. „Viele leben vor sich hin, als hätten sie noch 300 Jahre zu leben.“ Zu wissen, dass das nicht so ist, ist das eine. Es wirklich zu verstehen, das andere.Denn wer sich seiner Endlichkeit bewusst ist, der lebt anders. Mutiger, schneller, manchmal auch ein bisschen unbequemer. Die gelernte Krankenpflegerin arbeitet seit zehn Jahren in der Palliativpflege, ist als pflegerische Leitung des Palliativ-Teams Frankfurt tätig. „Wir kommen in viele Haushalte. In viele Leben. Intimer geht es nicht“, sagt sie. Immer wieder lerne sie Menschen in der letzten Phase ihres Lebens kennen, die verpassten Chancen nachtrauerten, Unausgesprochenes bedauerten, sagt sie.Illguth hat, bevor sie in den Neunzigerjahren nach Frankfurt zog, als Intensivkrankenschwester in der Uniklinik in Aachen gearbeitet. Sie realisierte früh, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist. Seither versucht sie, ihre Lebensjahre zu gestalten, statt sie nur vorbeiziehen zu lassen – und sie spricht öffentlich darüber. Über ihre Arbeit in der Palliativpflege und über die Erkenntnisse, die sie aus den Gesprächen mit Menschen zieht, die dem Tod manchmal näherstehen als dem Leben.In der Palliativpflege tätig: Veronika IllguthZeichnung Alfred Schüssler„Es ist der Mut, der uns weiterbringt, nicht die Angst“, sagt sie. Ihren Mut muss auch Illguth immer wieder zusammennehmen, wenn sie vor Publikum von all dem erzählt, was sie in den vergangenen Jahren durch den Kontakt mit Patienten der Palliativpflege verstanden hat: „Wenn du keine Entscheidungen triffst, lässt du dich leben. Die Summe deiner Entscheidungen formt dein Leben“, so ihre Botschaft, die sie zuletzt beim internationalen Speaker Slam in Mastershausen vorgetragen hat. Mit ihren öffentlichen Auftritten wolle sie die Menschen wachrütteln, sagt Illguth, die für ihre Rede mit dem Excellence Award ausgezeichnet wurde. Dass sie einmal vor Publikum über Tod und Endlichkeit sprechen würde, hätte sich Illguth vor wenigen Jahren selbst noch nicht vorstellen können. Um Menschen am Lebensende besser zu begleiten, hat sie sich zur Mentaltrainerin ausbilden lassen. Das Sprechen vor Publikum über ein Thema, das sie bewegt, war eine von vielen Übungen. „Das auf der Bühne zu teilen, das hat mit mir etwas gemacht“, erinnert sie sich. Sie will Menschen motivieren, den eigenen Lebensweg aktiver zu gestalten. „Es gibt Menschen, die mit einem Leuchten in den Augen gehen können. Weil sie mit ihrem Leben zufrieden sind, weil sie ihr Leben gelebt haben. Da will ich die Leute hinbringen.“Illguth selbst hat schon viele Lebensentscheidungen treffen müssen. Da war beispielsweise die Trennung von ihrem kranken Ehemann, dem Vater ihrer damals noch kleinen Töchter, der keine Hilfe zulassen konnte. „Ich bin katholisch erzogen“, sagt sie fast entschuldigend. Es habe viel Mut erfordert zu gehen. Ihre beiden Töchter, 21 und 25 Jahre alt, seien inzwischen stolz auf ihre Mutter, die sich nicht „leben lasse“.Der Umgang mit schwerstkranken Menschen und die Gespräche, die oft nachhallen, haben Illguth nach eigener Aussage verändert. Heute ist die Sechzigjährige dankbar für die vielen Erfahrungen, die sie in der Palliativpflege gesammelt hat – die guten wie die schlechten. Die Arbeit fühle sich sinnvoll an. Über die Frage, woher sie die Resilienz nehme, die in Gesundheitsberufen erforderlich ist, denkt Illguth kurz nach. „Ich stamme aus der Eifel. Da steht man mit beiden Füßen im Leben. Da ist so eine Art Urkraft in mir.“
Was die Frankfurter Palliativpflegerin Veronika Illguth über das Leben gelernt hat
Die Frankfurter Palliativpflegerin Veronika Illguth hat durch den Umgang mit Schwerstkranken viel gelernt. Über den Tod – und das Leben. Darüber spricht sie vor Publikum und sagt: „Wer keine Entscheidungen trifft, lässt sich leben.“








