Seit Wochen beschäftigt der Fall mit seinen zahlreichen Wendungen Italien, nun ist klar: Der Investigativjournalist Sigfrido Ranucci, vor dessen Haus nahe Rom im Oktober eine Autobombe hochging, verliert seine Fernsehsendung. Die öffentlich-rechtliche Rai gab bekannt, dass das Enthüllungsmagazin „Report“ von November an von Giulia Presutti und Daniele Piervincenzi geleitet und präsentiert wird. Über den Schritt war seit Tagen spekuliert worden, am späten Freitagnachmittag machte der Sender die Entscheidung offiziell. Hintergrund ist eine mögliche Verwicklung Ranuccis in das Attentat auf ihn.Ranucci, 65, gilt als profilierter Investigativjournalist. Er wird seit Jahren bedroht und stand bereits vor dem Anschlag unter Polizeischutz. Die Bombe zerfetzte sein Auto und das seiner Tochter, verletzt wurde niemand. Spätestens danach wurde er zum Gesicht der bedrängten Pressefreiheit, zahlreiche Menschen zeigten sich solidarisch und demonstrierten. Parteiübergreifend verurteilten Politikerinnen und Politiker die Tat. Vermutet wurde ein Werk der Mafia, schließlich hatten Ranucci und sein „Report“-Team immer wieder im Bereich der organisierten Kriminalität recherchiert.Im Sommer dann wurden die Bombenleger verhaftet. Der Verdacht fiel auf Valter Lavitola als Drahtzieher, einen Geschäftsmann, Ex-Journalisten und Berlusconi-Vertrauten, der in verschiedene Polit-Skandale verwickelt war – und den Ranucci als „guten Freund“ bezeichnet. Lavitola hat gestanden, das Attentat gegen seinen Freund in Auftrag gegeben zu haben, bestreitet aber die Abläufe. Das Motiv? Ihm zu helfen.Er habe erreichen wollen, dass der Polizeischutz Ranuccis erhöht werde, soll Lavitola laut italienischen Medienberichten den Ermittlern gesagt haben. Der Verdacht: Lavitola soll den Anschlag inszeniert haben, um Ranuccis Beliebtheit zu steigern und ihn anschließend in die Politik zu bringen. Laut Medienberichten sollte Ranucci in dieser Vorstellung Kandidat für das Mitte-Links-Lager werden und bei den nächsten Wahlen gegen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni antreten. Sich selbst sah Lavitola offenbar in einer Beraterrolle. Er soll dazu bereits Umfragen in Auftrag gegeben und die Idee an hochrangige Journalisten herangetragen haben, wie etwa der Chefredakteur der Zeitung La Repubblica aus eigener Erfahrung berichtet.Halb Italien fragt sich, ob Ranucci wirklich nichts wusste von dem geplanten Fake-AnschlagEs ist vorwiegend diese Freundschaft zwischen dem Investigativjournalisten Ranucci und dem als Strippenzieher bekannten Lavitola, die das Land beschäftigt. Dass Journalisten sich auch mit dubiosen Quellen treffen, um Informationen zu bekommen und diese Kontakte pflegen, kann zum Beruf gehören. Doch sowohl Ranucci als auch Lavitola beschreiben öffentlich eine große Nähe und regelmäßigen Austausch. Nun fragt sich halb Italien, ob Ranucci sich manipulieren ließ und ob er wirklich nichts wusste von dem geplanten Fake-Anschlag auf ihn. Die Staatsanwaltschaft, heißt es übereinstimmend in den Berichten, geht weiterhin von Ranucci als Opfer aus und davon, dass er nichts von Lavitolas Plänen ahnte.Ranucci selbst spricht auf Facebook von einer medialen Hetzjagd auf ihn. Mehrere Politiker hatten seinen Rücktritt gefordert. „Report“ gilt als eine der wenigen Sendungen in der Rai, die nach wie vor besonders kritisch über die rechte Regierung unter Meloni berichten. Schon vor dem Bombenanschlag war Ranucci von Vertretern der Regierungsmehrheit verbal angegriffen und wiederholt verklagt worden.Die Redaktion von „Report“ nennt die Entscheidung der Rai „inakzeptabel“Das preisgekrönte Magazin hat zahlreiche Skandale enthüllt, ist aber auch für seinen reißerischen Ton bekannt. In der aktuellen Debatte wurde auch Thema, dass Ranucci in seinen 2024 erschienenen Memoiren mit sexuellen Beziehungen prahlt, etwa mit der zu einer Praktikantin und zu einer Informantin. Er wollte diese Passagen später als „romanhaft ausgeschmückt“ verstanden wissen.Der Sender habe Ranucci drei Job-Angebote gemacht, die „seinem Rang und seiner Erfahrung entsprechen“, heißt es in der Mitteilung der Rai. Sein Anwalt teilte mit, der Sender „verurteile“ mit der Entscheidung „das Opfer eines Anschlags“. Die Nachfolgerin Giulia Presutti ist Teil von Ranuccis „Report“-Team, ihr Co-Moderator Daniele Piervincenzi dagegen kommt von extern, er hat als Fernsehreporter unter anderem zur organisierter Kriminalität recherchiert. Die Redaktion von „Report“ nannte die Entscheidung des Senders in einer Erklärung „inakzeptabel.“ Ranucci selbst schrieb auf Facebook, an seiner Stelle habe man „zwei Personen berufen, die die Kompetenzen beschämen“, für die „Report“ stehe.
Nach Bombenanschlag: Italienischer Journalist Sigfrido Ranucci verliert Sendung
Vor dem Haus von Sigfrido Ranucci ging eine Autobombe hoch. Mittlerweile ist klar, dass ein Freund des Journalisten dahintersteckte.







