PfadnavigationHomeGeschichteKalter KriegWas vom Berliner Spionagetunnel übrigbliebStand: 07:52 UhrLesedauer: 5 MinutenDrei Teile des legendären Spionagetunnels aus Berlin-Rudow, die Mitte August 2026 bei Storkow gefunden wurden

Quelle: Sebastian Dornblut/Berliner Unterwelten e.V.Die „Operation Gold“ dürfte die bekannteste Geheimdienstaktion des Kalten Krieges sein. Bisher verfügte nur das Alliiertenmuseum über Reste des 436 Meter langen Abhörstollens der CIA, der 1956 aufflog. Jetzt haben die Berliner Unterwelten weitere Teile gefunden.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenRücksicht wurde nicht genommen. Um die Spuren des gegnerischen Erfolgs zu beseitigen, griffen die Grenztruppen der DDR zu rabiaten Mitteln: Der unterirdisch vorangetriebene, mit 948 runden Metallteilen ausgesteifte Tunnel, bekannt unter dem Namen „Operation Gold“, wurde rund drei Monate nach der propagandistisch genutzten Entdeckung im April 1956 kurzerhand ausgebaggert – natürlich nur die zwei Drittel auf DDR-Seite, etwa 300 der 436 Meter. „Fast die Hälfte unserer Obstplantage verschwand, der Mutterboden wurde beiseite gekarrt“, erinnerte sich Dagmar Feick ein halbes Jahrhundert später an die Sorgen ihrer Eltern, denen der Grund gehörte: „Wir hatten dann den Lehmboden oben statt unten.“ Mit entsprechenden Folgen für die Ernte. Lesen Sie auchDie stabilen, aus fünf Millimeter starkem gewelltem Stahlblech hergestellten Elemente von jeweils 46 Zentimetern Breite hatten in der Mangelwirtschaft der SED-Diktatur erheblichen Wert und wurden deshalb wiederverwendet. Meist von der DDR-Armee, der NVA, aber möglicherweise auch für zivile Zwecke. Jetzt sind auf dem Standortübungsplatz der Kurmark-Kaserne in Storkow, etwa 40 Kilometer südöstlich des historischen Ortes, drei Segmente der Tunnelröhre gefunden worden. Zwei sind je etwa vier Meter lang, das dritte drei Meter; zusammen wiegen sie rund 3,2 Tonnen.Der rührige Verein Berliner Unterwelten hat die Relikte jetzt bergen lassen; sie sollen untersucht und konserviert werden. Ein Teilstück wird das private DDR-Museum erhalten, ein weiteres wollen die Unterwelten selbst im Rahmen ihrer sehr erfolgreichen Führungen durch historische Relikte der unterirdischen Stadt zeigen. „Das dritte Teilstück könnte am Originalschauplatz am Mauerweg zwischen Rudow und Altglienicke aufgestellt werden“, schlug Vereins-Chef Dietmar Arnold gegenüber WELT vor: „Dort erinnern heute nur vier Stelen an den Spionagetunnel.“Lesen Sie auchDie jetzt entdeckten Teile sind erst der vierte Fund von Tunnelresten. 1997 wurden, nachdem Bauarbeiter auf ehemals West-Berliner Gebiet rund 95 Meter des erhaltenen Stollens für eine Einfamilienhaus-Siedlung ohne jedes Nachdenken beseitigt hatten, weitere sieben Meter für das Alliiertenmuseum gesichert; sie sind seitdem die Hauptattraktion des Museums an der Clayallee in Berlin-Dahlem.Lesen Sie auchAcht Jahre später, 2005, konnten beim Ausbau der Stadtautobahn zum Flughafen Berlin-Schönefeld noch einmal mehrere Meter aus dem Boden geholt werden, allerdings in schlechtem Zustand; bei der Bergung ging ein erheblicher Teil verloren. In diesem Stück fand sich auch die Vermauerung, mit der DDR-Grenztruppen von Osten her den Zugang zu dem unter dem eigentlichen Todesstreifen weitgehend erhaltenen Tunnel versperrt hatten, wahrscheinlich schon im Herbst 1956.2012 fand der Privatmann Werner Sobolewski im Kirchenforst von Pasewalk, 130 Kilometer nördlich des originalen Standortes, unter einer Moosschicht gebogene Metallteile. Aus seiner Zeit als Zivilangestellter bei der NVA erinnerte er sich: „Ich sollte für einen meiner Vorgesetzten aus einem Stahlsegment, das früher zu einem Tunnel gehört haben sollte, ein Zementsilo bauen.“ Daraus wurde aber nichts, denn das vorgesehene Bauteil war dafür „einfach ungeeignet“. Es geriet in Vergessenheit.Der Historiker Bernd von Kostka, Kurator am Alliiertenmuseum, nimmt an, dass geborgene Tunnelelemente zerlegt und der NVA zur Verfügung gestellt wurden; sie dienten als vergrabene Unterstände auf Schieß- und Manöverplätzen. Das Museumsdepot übernahm schließlich sogar fünf Tunnelsegmente und hat seitdem rund 20 Meter Originalteile auf Lager. „Schön wäre es schon, wenn einige dieser Teile auch als Dauerleihgabe bei anderen Museen oder vergleichbaren Institutionen gezeigt werden könnten“, schrieb der Spionage-Experte Helmut Müller-Enbergs, der zusammen mit Dietmar Arnold zum 70. Jahrestag der Enthüllung des Spionagetunnels im April 2026 das beste Buch über diese spektakuläre Aktion im Kalten Krieg („Operation Gold. Der Spionagetunnel in Berlin“. Bebra-Verlag. 224 S., 24 Euro) veröffentlicht hat. Entsprechende Anfragen seien jedoch von der Museumsleitung stets abgelehnt worden. Offenbar, so Müller-Enbergs’ Annahme, sehe das Alliiertenmuseum in den „Originalteilen des Spionagetunnels ein Alleinstellungsmerkmal und möchte dieses nicht in Frage stellen“.Die Empfehlung des Experten, der ein Vierteljahrhundert für die damalige Stasiunterlagen-Behörde gearbeitet hat, außerdem für den Berliner Verfassungsschutz und an verschiedenen Universitäten weltweit: „Also nehme man sich am besten Metallsuchgerät und Spaten und mache sich im Kirchenforst von Pasewalk selber auf die Suche. Dort liegt bestimmt noch mehr vergraben.“Tatsächlich war es dann nicht Pasewalk, sondern Storkow. Unterwelten-Mitglied Sebastian Dornblut meldete den Fund Mitte August 2026. Auf dem Standortübungsplatz der „Pionierkaserne am Küchensee“, wie die Einrichtung zu DDR-Zeiten hieß, wurden die Tunnelsegmente offenbar einst zu Übungszwecken vergraben. „Eigentlich wollten wir uns nächstes Jahr gemeinsam mit dem Berliner DDR-Museum im Pasewalker Forst auf die Suche nach weiteren Tunnelstücken machen. Diese geplante Buddelei kann nun entfallen“, freut sich Dietmar Arnold. Da in Storkow NVA-Pioniere stationiert waren und ebenso der Pasewalker Kirchenforst einer Pioniereinheit als Übungsgelände diente, liegt die Vermutung nahe, dass die geborgenen Tunnelelemente diesen Einheiten überlassen wurden.Übrigens zeigte sich die CIA, die den Spionagetunnel mit britischer Unterstützung konzipiert, gebaut und 1955/56 betrieben hatte, nach dessen Aufdeckung keineswegs demoralisiert. Zwar wäre man auch nicht unglücklich gewesen, wenn die Operation weitergelaufen wäre. Aber das Auffliegen des Tunnels war fast genauso gut. Denn dass es den US-Agenten gelungen war, in elf Monaten Betrieb der Abhörzentrale etwa 440.000 geheime sowjetische Telefongespräche abzuhören und ungezählte geheime Telegramme mitzuschreiben, half in Washington: Der Tunnel überzeugte skeptische US-Parlamentarier, dass die CIA ihr schon damals enormes Budget wert war.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen neben Nationalsozialismus, SED-Diktatur und Terrorismus der Kalte Krieg. Mit dem Rudower Spionagetunnel beschäftigt er sich seit 1997.