KommentarDie 40-Billionen-Dollar-Bedrohung: US-Staatsanleihen werden zum Risiko für die FinanzstabilitätDie grösste Schwachstelle des globalen Finanzsystems ist künftig der Markt für amerikanische Staatspapiere. Turbulenzen bei den angeblich risikolosen Wertschriften könnten eine neue Finanzkrise auslösen. 29.08.2026, 05.40 Uhr5 LeseminutenEntgleitet ihm die Kontrolle? Der US-Finanzminister Scott Bessent.Evelyn Hockstein / ReutersScott Bessent ist ein Glücksfall für die Regierung Trump, deren Vertreter sich nicht immer durch Weitsicht auszeichnen. Der US-Finanzminister und frühere Hedge-Fund-Manager versteht à fond, wie die Investoren ticken. Und auf die Gunst ihrer Gläubiger sind die USA zunehmend angewiesen. Mit ihren 40 Billionen Dollar Schulden stehen sie tief in der Kreide.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Weder Demokraten noch Republikaner unternehmen noch ernsthafte Versuche, das ungewöhnlich hohe Loch im Staatshaushalt zu stopfen. Das Defizit beträgt rund 6 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Ein so grosser Fehlbetrag wäre allenfalls erklärbar, würden die USA in einer tiefen Rezession stecken, gäbe es einen Weltkrieg oder eine Pandemie. Doch bekanntlich läuft die amerikanische Wirtschaft auf vollen Touren.Woher kommt diese bemerkenswerte Sorglosigkeit? Die Demokraten glauben noch immer an die süssen Verheissungen der Modern Monetary Theory. Sie besagt, dass Länder wie die USA, die sich in ihrer eigenen Währung verschulden, ungestraft und mit beiden Händen Geld ausgeben können. Man braucht ja bloss die Notenpresse anzuwerfen.Die regierenden Republikaner wiederum bauen darauf, dass KI und die Deregulierung der Wirtschaft zu einem beispiellosen Wirtschaftsboom führen, der die Höhe des Schuldenbergs relativiert.Womöglich erwartet auch Bessent ein Wirtschaftswunder. Doch bis sich dieses einstellt, muss der Finanzminister den Investoren ein rasch wachsendes Überangebot an Staatsanleihen schmackhaft machen. Immer neue Schulden zu machen, kann nicht mehr lange gutgehen. Washington gibt bereits über 1 Billion Dollar pro Jahr für deren Bedienung aus.Bessent kennt die Prioritäten seines Amtes. Er hat sich einmal als «America’s top bond salesman» betitelt. Er muss einer zunehmend skeptischen Welt amerikanische Staatsanleihen verkaufen.Es steht viel auf dem Spiel: Treasuries bilden das Fundament des globalen Finanzsystems. Banken und Versicherungen halten sie in ihren Bilanzen als Finanzpolster. Bei Börsen oder Notenbanken werden diese Papiere als Sicherheiten hinterlegt.Unzählige Finanzinstrumente beziehen ihren Preis von US-Staatsanleihen. Namentlich die Konditionen von Hypotheken oder Firmenkrediten hängen von den Renditen der Treasuries ab.Steigen diese, bezahlen plötzlich auch Länder wie Ägypten, Mexiko oder Pakistan höhere Zinsen. Gerät der Treasury-Markt in Schieflage, spürt man das also auf der ganzen Welt.Jüngst hat Bessent sogar in die Trickkiste gegriffen, um die Renditen der Anleihen zu drücken: Er kündete an, doppelt so viele Staatspapiere mit langen Restlaufzeiten zurückzukaufen wie zuvor. Finanzieren will Bessent diese Transaktion mit kurzfristigen Schulden, die tiefere Coupons aufweisen.Diesen Schachzug haben die Anleger allerdings nicht goutiert. Die Investorenlegende Stanley Druckenmiller wies Bessent in einem Gastbeitrag für das «Wall Street Journal» sogar öffentlich zurecht.Trotzdem: Bessent, der mit allen Wassern gewaschene Finanzprofi, versteht besser als jeder andere Politiker, dass auch der wichtigste Bondmarkt der Welt, jener für Treasuries, nicht immun ist gegen Turbulenzen. Kommt es zu grösseren Verwerfungen bei US-Staatsanleihen, könnten diese sogar zur nächsten Finanzkrise führen.Die ohnehin schon in luftigen Höhen gehandelten Technologieaktien sähen noch viel teurer aus, würden die Renditen von Treasuries steigen. Denn jedes Bewertungsmodell der Wall Street hat dieselbe Grundannahme: Bei höheren Zinsen müssen die Aktienkurse sinken. Klettern die Zinsen zu rasch, kommt es häufig zu einem Börsencrash.Herkömmliche Investoren wie etwa Pensionskassen geraten nicht in Bedrängnis, sollte es Kursschwankungen bei Staatsanleihen geben. Doch schon bei den Banken sieht das anders aus. Die Silicon Valley Bank zum Beispiel brach zusammen, weil sie die Einlagen ihrer Kunden in US-Staatsanleihen angelegt und sich unzureichend gegen Kursschwankungen abgesichert hatte.Als 2022 die Zinsen stark stiegen, verloren diese Papiere massiv an Wert. Die Bank wollte sich in der Folge notfallmässig frisches Kapital besorgen. Doch als dies ruchbar wurde, brach Panik aus. Die Kunden zogen an einem einzigen Tag fast einen Viertel ihrer Einlagen ab.So gefährlich können unerwartete Kursverluste bei Treasuries sein. Pikanterweise handelt es sich um einen Vermögenswert, der von vielen Investoren, Behörden und Regulatoren als «risikolos» eingestuft wird. Risikofrei waren US-Staatsanleihen selbstverständlich noch nie. Aber jetzt muss sich die Welt darauf einstellen, dass das Fundament ihres Finanzsystems instabiler wird als je zuvor.Gefährlich ist, dass heute ausgerechnet Hedge-Funds zu den grössten Gläubigern Amerikas gehören. Sie halten mehr als 8 Prozent aller US-Staatsanleihen. Diese Investoren, die den Firmensitz an Orten wie den Cayman-Inseln haben, wetten auf kleinste Preisunterschiede zwischen Staatsanleihen und Zinsderivaten. Damit sich diese Strategie rechnet, setzen sie sehr viel Fremdkapital ein. Das vergrössert die Gewinne der Hedge-Funds, aber natürlich auch ihre potenziellen Verluste.Es braucht nicht viel Phantasie, um sich ein Szenario auszudenken, in dem das ein schlechtes Ende nimmt. Brechen die Kurse von Treasuries unerwartet ein, geraten die Hedge-Funds womöglich in einen Liquiditätsengpass. Sie können das von ihren Kreditgebern geforderte Geld nicht nachschiessen. So lösen sie ihre Positionen auf und werfen die Staatsanleihen auf den Markt. Dieser Notverkauf würde den Kurszerfall weiter beschleunigen, was dann vielleicht weitere Akteure in Bedrängnis brächte.Kurz: Es gibt Dutzende von Möglichkeiten, wie eine Finanzkrise beginnen könnte, deren Epizentrum der Markt für amerikanische Staatsanleihen ist. Und an Landesgrenzen würde diese garantiert nicht haltmachen.Schon die Finanzkrise von 2008 und 2009 zeigte eindrücklich, wie die zu Anlageprodukten gebündelten Hypotheken aus den USA traditionsreiche Finanzinstitute wie die UBS oder die Swiss Re an den Rand des Kollapses bringen konnten.Stark unter Druck gerieten damals auch die biederen deutschen Landesbanken. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet diese regionalen Akteure so verheerend von einem Einbruch des amerikanischen Immobilienmarktes betroffen sein könnten.Kurz darauf brach die europäische Schuldenkrise los, die um ein Haar dem Euro ein Ende bereitet hätte. So weite Kreise zog der Umstand, dass Banken in Cleveland, Detroit oder Memphis Hypotheken an Menschen vergeben hatten, die sich Wohneigentum gar nicht leisten konnten. Treasuries sind jedoch ungleich wichtiger als der amerikanische Immobilienmarkt.Bessent weiss um all diese Zusammenhänge. Deshalb versucht der Finanzminister das Unmögliche: den Investoren die erratische Wirtschaftspolitik seines Chefs zu erklären. Das Hüst und Hott in der Zollpolitik etwa oder die zunehmend aussichtslose Lage an der Meerenge von Hormuz. Bessents Interventionen im Markt für Treasuries sind vor allem etwas: ein Ausdruck von Ratlosigkeit, manche Beobachter sagen, Verzweiflung.Schon Ende Juli wagte Bessent ein Manöver, das wohl keinem amerikanischen Finanzminister vor ihm eingefallen wäre: Er half Japan, den schwindsüchtigen Yen zu verteidigen.In der Finanzbranche war sofort allen klar, dass es sich dabei nicht um einen Akt amerikanischer Selbstlosigkeit handelte. Japan ist der grösste ausländische Gläubiger der USA. Ohne die Hilfe von Bessent wäre Tokio wohl gezwungen gewesen, in grossem Stil US-Staatsanleihen auf den Markt zu werfen, um seine Währung zu stützen.Dieser plötzliche Angebotsüberhang wiederum hätte die Renditen von Treasuries nach oben getrieben. Das wollte «America’s top bond salesman» nicht hinnehmen.Bessent ist wohl der am besten qualifizierte Finanzminister der Welt. Aber natürlich kann auch er nicht übers Wasser gehen. Wenn der US-Kongress und Bessents Chef, Donald Trump, die Staatsfinanzen nicht unter Kontrolle bringen, steht der einstige Hedge-Fund-Manager auf verlorenem Posten.Passend zum Artikel
Das globale Finanzsystem wackelt: Die Gefahr von US-Staatsanleihen
Die grösste Schwachstelle des globalen Finanzsystems ist künftig der Markt für amerikanische Staatspapiere. Turbulenzen bei den angeblich risikolosen Wertschriften könnten eine neue Finanzkrise auslösen.











