Polens höchster Vertreter in der Schweiz: «Es gibt keinen Frieden durch Erzählungen, sondern nur durch effektive Abschreckung»Einst kämpfte er in der Bürgerbewegung gegen den Kommunismus, heute vertritt er sein Land in Bern: Marek Prawda ist Polens oberster Diplomat in der Schweiz. Ihn befremdet das hiesige Sonderfalldenken und das Misstrauen gegenüber der EU.29.08.2026, 05.30 Uhr10 LeseminutenEin Land, das keine Stärke zeige, werde mit der Stärke und der Rücksichtslosigkeit anderer konfrontiert, sagt der polnische Botschafter Marek Prawda.Alessandro Della Bella / KeystoneFrage: Herr Minister Prawda, die Schweiz stimmt Ende September über die Neutralitätsinitiative der SVP ab. Können Sie dieser etwas abgewinnen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Mir wird in diversen Gesprächen stets erklärt, wie einzigartig und unübertroffen die Neutralität ist. Da verweise ich jeweils auf die Niederlande oder auf Belgien während des Zweiten Weltkriegs. Beide Länder wurden angegriffen, obschon Adolf Hitler zuvor versprach, ihre Neutralität zu akzeptieren. Und auch die Ukraine ist seit 35 Jahren bündnisfrei und damit faktisch neutral.Frage: Sie finden also, dass die Neutralität angesichts der heutigen Machtpolitik nutzlos ist?Antwort: Die Neutralität hat einen Sinn, wenn die andere Seite sie auch achtet. Aber viele Gewissheiten sind heute nicht mehr gültig. In Europa haben wir davon geträumt, dass es nicht mehr darauf ankommt, wie viele Panzer man hat. Der Krieg in der Ukraine lehrt uns, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie uns ausmalen. Wir müssen Stärke zeigen, sonst werden wir mit der Stärke und der Rücksichtslosigkeit anderer konfrontiert. Die Schweiz will unabhängig, aber nicht gleichgültig sein. Deshalb gibt es auch eine Debatte darüber, ob die Neutralität heute nicht ein Sicherheitsrisiko ist. Ein neutrales Land muss darauf seine eigenen Antworten finden. Andere europäische Staaten haben gelernt, den neutralen Schweizer Status zu schätzen und davon zu profitieren. Deshalb wird ihr niemand aufschwatzen wollen, von heute auf morgen die Neutralität aufzugeben.Diplomat in Stockholm, Berlin und BrüsselPDsia. Marek Prawda wurde 1956 in Südpolen geboren und ist promovierter Soziologe. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion trat er in den diplomatischen Dienst ein. Er vertrat sein Land als Botschafter in Schweden, Deutschland sowie bei der Europäischen Union. Von 2024 bis 2025 war er stellvertretender Aussenminister. Seit diesem Jahr leitet Prawda die polnische Botschaft in Bern.Frage: Die Schweiz, ein Kleinstaat, wurde vom Ersten und Zweiten Weltkrieg verschont. SVP-Vertreter wie Altbundesrat Christoph Blocher argumentieren deswegen stets mit der Neutralität als Schutzschild. Können Sie das nicht nachvollziehen?Antwort: Natürlich, es ist eine Strategie der Risikovermeidung. Doch das ist nicht immer hilfreich, wenn man Stabilität bewahren will. Manchmal ist der Beitrag zur Stabilität eben gerade, dass man ein Risiko eingeht. Die Welt von heute folgt einer eigenen Logik. Und aus meiner Sicht ist es das Beste für Stabilität, wenn man als Land seine Werte verteidigt: Demokratie, die liberale Staatsführung. In der Schweiz habe ich jedoch gelernt, dass die Verteidigung der Werte auch einen militärischen Aspekt hat. Ich lerne das mit Demut – aber es übersteigt mein Vorstellungsvermögen.Frage: Vielleicht, weil das Wort «Verteidigung» vorkommt und die Schweiz Russland nicht provozieren will.Antwort: Ob sich Moskau provoziert fühlt, ist für weitere aggressive Schritte unerheblich. Der Kreml will seit über zwanzig Jahren seine alte sowjetische Einflusssphäre wiederherstellen. Er greift an, sobald er den Eindruck gewinnt, sein Gegenüber sei schwach. Einen konstruierten Vorwand findet er immer, um einen Angriff zu rechtfertigen. Deshalb müssen wir Russland zeigen, dass wir eine Gemeinschaft sind, die zusammenhält. Ohne diesen Zusammenhalt ist alles nichts. Russland zielt auf die Risse in unserer Gemeinschaft ab. Alle können und sollen deshalb Beiträge zur Verteidigung der liberalen Welt leisten. Entscheidend ist, dass wir für dieselben Grundwerte eintreten.Frage: Die Schweiz plant bis 2032, ein Prozent der Wirtschaftsleistung in die Verteidigung zu investieren. Wie das finanziert werden soll, weiss heute allerdings niemand. Ihr Land gibt dagegen schon fast fünf Prozent für die Verteidigung aus.Antwort: Die Schweiz fühlt sich wie eine weit entfernte Insel. Angesichts der heutigen Bedrohungen spielt die Distanz zu einem Aggressor aber keine Rolle mehr. Deshalb steht nun auch in der sicherheitspolitischen Strategie der Schweiz, dass Russland die grösste Bedrohung darstellt – und dass die Schweiz damit eben nicht mehr eine sichere Insel ist. Es gibt kein Reduit in der heutigen Welt – nur in den Köpfen gibt es vielleicht noch Reduits.Frage: Sie waren auch Botschafter in Brüssel. Sehen Sie den mentalen Rückzug ins Reduit der Schweizer auch bei Europafragen?Antwort: Die Schweiz sieht sich als Sonderfall und will deshalb Sonderbedingungen bekommen. Ich war in Brüssel, als sich der Brexit anbahnte. Die Briten verlangten ebenfalls immer mehr von der EU. Es gab eine Menge Treffen der letzten Chance und Unmengen roter Linien, die die EU zunächst gezogen und dann doch überschritten hat. All dies, um den Briten entgegenzukommen.Frage: Sie sehen Parallelen bei der Schweiz und dem Brexit?Antwort: Die Stimmung in Brüssel scheint mir heute ähnlich zu sein bei der Diskussion über die neuen bilateralen Abkommen. In der EU herrscht der Eindruck, dass alle Bedingungen, die sie der Schweiz stellt, als Gipfel der Unfreundlichkeit angesehen werden. Dabei glaube ich, dass es eine grosse Bereitschaft in Brüssel gibt, pragmatische Lösungen zu finden bei Themen, die der Schweiz wichtig sind. Ich werbe in Bern für mehr Geduld und Verständnis für eine Union, die gerade unter massivem Druck steht und auf der internationalen Bühne erst das Gehen lernt. Aber vielleicht noch ein Wort zu den Briten.Frage: Bitte.Antwort: Britische Kollegen sagen heute, dass es vielleicht nicht klug war, so viele Forderungen zu stellen, bis die EU nicht mehr anders konnte, als abzublocken. Damit hat sich das Land selbst geschadet, und viele Probleme – etwa mit der Migration – haben sich nur verschärft. Wir Polen haben aber immer noch das Gefühl, dass sich die Briten trotz dem Brexit ganz klar als Europäer sehen. Das zeigt sich deutlich seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Grossbritannien hilft Kiew sehr stark, finanziell, aber auch mit Rüstungsmaterial. Das betrachte ich als ein klares Bekenntnis zur EU.Frage: Sie raten der Schweiz also, den EU-Verträgen zuzustimmen – als Bekenntnis zu Europa?Antwort: Es steht mir nicht an, Ratschläge zu geben. Ich würde mir wünschen, dass die Schweiz die historische Chance nutzt, am Wandel der EU teilzunehmen – anstatt sich an einem alten Bild der Union abzuarbeiten. Die Union ist keine orthodoxe Regelfabrik mehr, sondern hat sich zu einer Schicksalsgemeinschaft gewandelt.Frage: Wie meinen Sie das?Antwort: Vor 2022 hatte die EU die Tendenz, sich selbst als eine Autobahn ins Paradies zu sehen. Als eine Verheissung. Wenn man sich aber selbst so sieht, hört man ungern Kritik, man ist wenig neugierig auf alternative Lösungen. Aber diese Stimmung ist passé. Sie ist dem Realismus gewichen.Frage: Wo sehen Sie das konkret?Antwort: Vor allem in der Sicherheitspolitik, wo heute Projekte möglich sind, die vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. Das EU-Verteidigungsprogramm Safe etwa, in dem zinsgünstige Darlehen von bis zu 150 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Polen wird 62 Projekte realisieren. Die EU ist heute mit existenziellen Fragen konfrontiert. In der Schweiz habe ich aber den Eindruck, dass man sich nach wie vor an der «alten EU» abarbeitet – obschon es diese EU so nicht mehr gibt. Angesichts der Katastrophe in der Ukraine wäre es aus meiner Sicht sinnvoller, dass wir positive Schlüsse für die europäische Einheit aus dieser Lage ziehen. Dass wir alle zusammenarbeiten – egal, ob EU-Mitglied oder nicht –, anstatt auf die Erosion der Staatengemeinschaft zu setzen oder über die Bürokratie und Dekadenz der EU zu schimpfen. Wir sind alle mit unvorhersehbaren Grossmächten konfrontiert. In dieser Welt ist die EU ein verlässlicher Partner.Frage: Warum tut sich die Schweiz oft dennoch schwer, die EU als positives Konstrukt zu sehen?Antwort: Es verwundert mich selbst. Ich nehme die Schweizerinnen und Schweizer eigentlich ganz anders wahr im alltäglichen Umgang. In Polen haben wir den Begriff der «Grenzländer». Damit meinen wir Menschen, die an der Grenze zu einem anderen Land leben. Die Grenzländer wissen, wie man sich richtig auf eine Sitzbank setzen sollte. Nämlich so, dass auch Platz für andere Menschen bleibt, egal, ob sie eine andere Sprache sprechen oder eine andere Religion haben. So habe ich die Schweiz kennengelernt. Aufgrund der Kompetenz, sich richtig auf eine Sitzbank zu setzen, habe ich mich in dieses Land sofort verliebt, als ich hier angekommen bin. Diese Eigenschaft könnte die Schweiz als Beitrag in die strategische Kultur des Kontinents einbringen.Frage: Was meinen Sie mit «strategischer Kultur»?Antwort: Der Begriff stammt aus dem Kalten Krieg. Er beschreibt die Art und Weise, wie Staaten auf Bedrohungen reagieren und welche sicherheitspolitischen Konsequenzen sie aus ihnen ziehen. Aufgrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen reagieren Länder meist sehr verschieden auf dieselben Gefahren. Die EU-Institutionen haben zum Ziel, einen gemeinsamen Nenner unter ihren Mitgliedern zu finden, das heisst eine gemeinsame strategische Kultur. Das ist nicht einfach. Aber angesichts einer existenziellen Bedrohung nötig. Dafür müssen alle Staaten Kompromisse eingehen. Im Gegenzug wird man Teil des kollektiven Kulturwandels. Sehen Sie sich das Beispiel Schweden an. Ich war Botschafter in Stockholm und hätte jede Wette gemacht, dass dieses Land auch in hundert Jahren noch neutral sein würde. Doch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat alles verändert. Jetzt will sich Schweden mit seinen Stärken in der Nato einbringen.Frage: Wie kann die Schweiz zur Sicherheit des Kontinents beitragen, wenn das Land neutral bleiben will?Antwort: Die Schweiz könnte Beiträge zu europäischen Rüstungsprogrammen leisten. Oder könnte anderen Ländern zeigen, wie sie die Infrastrukturen nutzt für ihre Verteidigungsbereitschaft. Klar ist, dass es wenig Sinn ergeben würde, wenn die EU einen strategischen Ansatz ohne Grossbritannien, Norwegen oder die Schweiz definiert.Frage: Es gibt hierzulande jedoch schon Bedenken, dass Brüssel Bern nonstop übersteuert, wenn man sich weiter annähert.Antwort: Diese Bedenken hatten selbst EU-Mitglieder lange. Deshalb hatte die EU ursprünglich kaum Kompetenzen im Gesundheitsbereich, weil die Mitgliedstaaten nicht wollten, dass sie sich in nationale Zuständigkeiten einmischt. Was ist passiert? Die Corona-Pandemie kam, und plötzlich waren sich alle einig, dass diese Gefahr nicht nur ein Land betrifft, sondern eben alle Staaten. Also sahen alle ein, dass es eine gemeinsame Antwort braucht, gemeinsame Pläne, damit man im erneuten Fall schneller reagieren kann.Frage: Die Schweiz kooperiert allerdings bereits in vielen Bereichen, wo sie einen klaren Nutzen sieht.Antwort: Das ist richtig, und sie zahlt seit Jahren für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Polen ist der grösste Empfänger der EU-Kohäsionsmittel und erhält bis 2029 über 320 Millionen Franken für Projekte in der Stadtentwicklung sowie Forschung und Innovation. Mit diesem Geld entsteht viel Gutes. Zudem soll die polnisch-schweizerische Agenda in Zukunft noch enger miteinander verknüpft werden. Auch wir haben beispielsweise 32 amerikanische Kampfflugzeuge des Typs F-35 gekauft, drei sind schon in Polen, und sechzehn sollen noch in diesem Jahr ausgeliefert werden. Wenn die Schweiz ihre ersten Kampfflugzeuge hat, könnten wir auch gemeinsam trainieren.Frage: Polen ist ein Nato-Land an der Ostflanke. Wären solche Trainings neutralitätspolitisch nicht heikel?Antwort: Wir und die Schweizer Regierung sehen das nicht so. Gemeinsame Trainings, die die Fähigkeiten beider Seiten stärken, bieten einen Mehrwert und sind im Einklang mit der Schweizer Neutralität. Jedes Land respektiert den Status des anderen. Panzerteams aus Polen werden bereits heute in Thun ausgebildet. Und Bern will bald einen Verteidigungsattaché in die Botschaft nach Warschau schicken.Frage: Die Schweiz will von Polen lernen und die wichtigsten Informationen erhalten. Ihr Land fürchtet sich vor einem direkten Angriff Moskaus in den kommenden Jahren.Antwort: Unsere Antwort auf jegliche russische Aggression ist klar: Aufrüstung. Es gibt keinen Frieden durch Erzählungen, sondern nur durch effektive Abschreckung. Dafür ist Europa mittelfristig auf die Unterstützung der USA angewiesen. Niemand, der bei Sinnen ist, würde jetzt leichtfertig darauf verzichten. Aber selbst Polen als stark proamerikanisches Land richtet sich auf Europa aus. Wir müssen gemeinsam für die Sicherheit unseres Kontinents sorgen.Frage: Ihr Land ist innenpolitisch zerstritten. Aber beim Thema Sicherheit scheinen sich alle einig zu sein.Antwort: Das ist so. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt und unsere eigenen Erfahrungen mit Russland gemacht. Es hat uns den Kommunismus aufgezwungen. Diese Staatsform ist zwar aus der Mode gekommen, aber radikale Rechte und sogenannte illiberale Demokratien sind es keineswegs. In unserer Region erklären wir dieses Phänomen unter anderem mit der Transformation unseres Landes nach dem Zerfall der Sowjetunion. Aber hier muss ich vielleicht etwas ausholen.Frage: Bitte.Antwort: Ich war 33 Jahre alt, als die Mauer zur DDR fiel. Es gab zuvor in vielen kommunistischen Ländern Oppositionsbewegungen, in Polen war sie besonders stark ausgeprägt. Man wollte weg von diesem wirtschaftlich ineffizienten System und den vielen politischen Einschränkungen.Frage: Sie waren damals Teil einer Bürgerbewegung.Antwort: Ich war aktives Mitglied der Solidarnosc-Bewegung, der ersten unabhängigen Gewerkschaft im Ostblock. Sie spielte eine Hauptrolle beim Ende des Kommunismus in Polen. Das Land war schon vor dem Mauerfall ein anderes, weil sich dieser Bewegung zehn Millionen Menschen angeschlossen hatten. Die Freiheit war am Entstehen, man konnte es förmlich riechen. Die Menschen hofften auf ein besseres Leben und hatten alle denselben Traum: in einem freien Land zu leben. Aber realistisch war es nicht, dass sich zu unseren Lebzeiten etwas ändert.Frage: Wie gelang es Polen?Antwort: Damals fanden die ersten runden Tische statt, bei denen ausgehandelt wurde, dass die Kommunisten die Macht schrittweise abgeben. Nicht weil sie das wollten – sie waren bankrott. Fünf Monate hat man verhandelt, es war eine friedliche Revolution. Früher hätte man Guillotinen benutzt und viel Blut vergossen. Nun ging es um eine friedliche Demontage des Kommunismus.Frage: Das steht im krassen Kontrast zur heutigen Welt, in der es oft vor allem um die Macht des Stärkeren über den Schwächeren geht.Antwort: Das stimmt. Und wir hatten grosse Zweifel an dieser friedlichen Transformation. Der damalige Finanzminister sagte: Wir haben zwei Wege vor uns, einen riskanten und einen hoffnungslosen. So war die Wahl dann doch einfach. Polen wollte vom Osten zum Westen werden, die Demokratie erhalten und ein liberales Wirtschaftssystem. Wir wussten: Für so einen Systemwechsel haben wir fünf Minuten Zeit. Also haben wir uns selbst eine Schocktherapie verordnet.Frage: Was war der Schock für die Menschen?Antwort: Eine liberale Wirtschaftsreform bedeutet, dass auch Arbeitslosigkeit unvermeidlich ist. Dass man selbst für das eigene Schicksal verantwortlich ist. Das mochten natürlich nicht alle nach einer Zeit einer gewissen Bevormundung. Es ist in dieser Integrationszeit zu grossen Problemen gekommen – echte, aber auch erfundene –, die schliesslich in östlichen Ländern politisch instrumentalisiert wurden.Frage: Sie meinen beispielsweise in Ungarn?Antwort: Genau, der ehemalige Präsident Viktor Orban kam an die Macht, weil sich ein Teil der Bevölkerung vom Westen bevormundet gefühlt hatte. Dazu kam der grosse Anpassungsdruck der Länder selbst, die immer neue Regeln eingeführt haben. Vielen Bürgern ging die Transformation vom Osten zum Westen zu schnell, sie fühlten sich eingeengt, mit einem kleineren Spielraum konfrontiert – obschon sie vorher kommunistisch regiert waren.Frage: Das scheint widersprüchlich.Antwort: Nur auf den ersten Blick. Zahlreiche Länder in Europa haben heute diese Probleme. Wenn internationale Institutionen sehr viele Entscheide ihrer Bürger übernehmen – oder wenn die Bürger es zumindest so wahrnehmen –, resigniert die Bevölkerung. Man hört auf, selbst zu entscheiden, zu denken und Verantwortung zu übernehmen. Dann kommen Politiker, die auf alle Regeln pfeifen, und diese Rücksichtslosigkeit findet man dann plötzlich grossartig. Wir müssen uns so organisieren, dass wir das Handeln jedes Einzelnen fördern. Die Mauer 1989 fiel nicht einfach so. Menschen haben sie zu Fall gebracht durch ihr Engagement. Damit haben sie Geschichte geschrieben – und daran sollten wir uns heute mehr denn je erinnern.Passend zum Artikel