Pro ArtikelIsrael wählt im Oktober. Selbst wenn Netanyahu verlieren sollte, könnte er trotzdem an der Macht bleiben. Das politische System Israels funktioniert anders als das europäische.Richard C. Schneider29.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenTel Aviv im August 2026, ein Wahlplakat macht Stimmung gegen Benjamin Netanyahu. Dort steht: Bibi, du bist der Motor der Hamas. Du hast Grenzen überschritten und Israel zerstört.»Amir Cohen / ReutersDie israelische Parlamentswahl am 27. Oktober wird im westlichen Europa häufig als Referendum über Benjamin Netanyahu angesehen. Das stimmt so allerdings nicht. Denn die Israeli wählen den Ministerpräsidenten nicht direkt, sie wählen die 120 Abgeordneten der Knesset. Danach entscheidet der Präsident Israels, wem er als Erstes den Auftrag erteilt, eine Regierung zu bilden. Das muss nicht automatisch der Spitzenkandidat der stärksten Partei sein wie etwa in Deutschland, sondern ein Politiker, von dem das Staatsoberhaupt annimmt, dass er am ehesten in der Lage ist, eine Koalition zu bilden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Israel wird nicht unbedingt der stärkste Kandidat Ministerpräsident, auch ein Verlierer kann dort regieren. Wer die Wahl in Israel verstehen will, sollte sich nicht fragen: Wer gewinnt? Sondern: Wer kann regieren?Viele westliche Beobachter tun sich jedoch schwer damit, den israelischen Politikbetrieb zu deuten. Sie gehen oft zu sehr von dem demokratischen System ihrer Heimat aus. Dabei erliegen sie zahlreichen Irrtümern.1. Eine Wahlniederlage bedeutet wenig«Netanyahu verliert» heisst nicht «Netanyahu ist abgewählt». Wenn Netanyahus Partei Likud verliert, aber zusammen mit Shas, dem United Torah Judaism (UTJ) und weiteren rechten Parteien auf 61 Sitze in der Knesset kommt, kann Netanyahu weiterregieren. Umgekehrt könnte Gadi Eisenkot mit seiner Partei Yashar die Wahl gewinnen und trotzdem scheitern, wenn er keine Koalitionspartner findet.Naftali Bennett beispielsweise wurde 2021 Ministerpräsident, obwohl seine Partei gerade einmal sieben Mandate hatte. Der europäische Blick konzentriert sich zu sehr auf die Frage, wer gewinnt. Und zu wenig auf den für Israel wichtigeren Aspekt, wer am besten Bündnisse schmieden kann.2. Die Parteienlandschaft ist kompliziertDie israelische Parteienlandschaft wird von ausländischen Beobachtern gerne in ein rechtes und ein liberales Lager geteilt. Die Wirklichkeit ist jedoch komplizierter. Es gibt das Netanyahu-Lager, mehrere Parteien der zionistischen Opposition und die arabischen Parteien.Dazu kommen Parteien, die zwar Netanyahu ablehnen, aber nicht automatisch mit allen anderen Oppositionsparteien koalieren wollen. Gerade deshalb können Parteien, die im Wahlkampf gemeinsam gegen Netanyahu auftreten, nach der Wahl unterschiedliche Koalitionsoptionen verfolgen. Umfragen, die lediglich die Regierung gegen die Opposition aufrechnen, verdrängen diese Unterschiede.3. Netanyahus Kontrahent ist keineswegs linksGadi Eisenkot wird als Politiker der Mitte verstanden. Eisenkot geht es vor allem um die israelische Sicherheit. Der frühere Generalstabschef profitiert von seiner militärischen Erfahrung, was viele Israeli glauben lässt, er könne Israel nach den traumatischen Erfahrungen des 7. Oktober sicherheitspolitisch professioneller führen als die momentane Regierung. Das bedeutet aber keineswegs, dass er nach europäischen Massstäben ein Politiker links der Mitte ist.Eisenkots Partei Yashar verbindet die Forderung nach einem starken, jüdischen und demokratischen Staat mit einer ausgesprochen sicherheitsorientierten Politik, ein Palästinenserstaat ist auch mit ihm eher nicht zu machen. Er ist in den Umfragen nicht beliebt, weil er linker wäre als Netanyahu, sondern weil er einen anderen Führungsstil verkörpert. Er steht weniger für einen Personenkult, stattdessen ist er stärker institutionell geprägt.4. Netanyahus Sicherheitspolitik könnte bestehen bleibenIn der Wahl geht es auch um eine Aufarbeitung des Krieges, aber nicht primär um Frieden. Für viele Israeli stellt sich vor allem die Frage, wem sie zutrauen, Sicherheit zu garantieren. Die Bedrohungslage für Israel ist hoch. Ein Regierungswechsel würde nicht automatisch einen grundlegenden Wechsel der israelischen Sicherheitsdoktrin bedeuten.5. Die ultraorthodoxen Parteien werden falsch eingeschätztDie ultraorthodoxen Parteien werden politisch häufig falsch verortet. Shas und UTJ sind keine klassischen rechten Parteien. Ihr wichtigstes Ziel ist die Vertretung der Interessen der Haredim, der Frommen: Es geht um religiöse Bildung, Finanzierung ihrer Institutionen, den Schutz ihrer Lebensweise und vor allem die Frage der Wehrpflicht. Israel benötigt dringend mehr Soldaten. Gleichzeitig wollen die Ultraorthodoxen die weitgehende Befreiung ihrer Männer vom Militärdienst erhalten. Für säkulare Israeli und viele rechte religiöse Zionisten ist das zunehmend eine Frage der Gerechtigkeit: Warum sollen manche Israeli jahrelang Militärdienst leisten, während andere davon ausgenommen sind?Für die Haredim geht es um den Schutz des Thora-Studiums als Fundament ihrer Gemeinschaft. Sie unterstützen Netanyahu nur, solange er ihre zentralen Interessen absichert. Wer die Haredim-Parteien lediglich als Netanyahus rechte Verbündete sieht, übersieht ihren eigentlichen politischen Hebel. Die Anti-Netanyahu-Opposition könnte theoretisch versuchen, mit einer ultraorthodoxen Partei zu verhandeln – und so die Macht übernehmen.6. Neue Parteien sollten zurückhaltend bewertet werdenNeue Parteien aus dem Likud-Umfeld werden oft vorschnell als Anti-Netanyahu-Parteien eingeordnet. Das gilt für die neue Formation von Gilad Erdan und Yuli Edelstein sowie für die Partei Beit Zioni von Hili Tropper und Yoaz Hendel. Beide haben ein rechtes Programm, Erdan und Edelstein positionieren sich zudem gegen Netanyahus momentane Regierung.Diese neuen Parteien können Netanyahu Stimmen abnehmen, aber sie bedeuten nicht automatisch eine Abspaltung von ihm. Nach der Wahl können sie noch immer mit ihm koalieren. Es ist falsch, neue Parteien allein nach ihrer Distanz zu Netanyahu zu bewerten. Nach der Wahl hat das nichts zu bedeuten.7. Die arabischen Parteien haben durchaus MachtDie arabischen Parteien sind keine Randerscheinung, sondern können über die Regierungsbildung entscheiden. Westliche Analysten übersehen oft die politische Logik der arabischen Parteien. Selbst wenn alle jüdischen Parteien, die Netanyahu ablehnen, zusammenarbeiten, reichen ihre Mandate in vielen Umfragen nicht für eine Mehrheit von 61 Sitzen. Damit könnten die arabischen Parteien zum Königsmacher werden.Sie sind jedoch kein einheitlicher Block. Besonders wichtig ist Raam, die sich deutlich von den anderen arabischen Parteien unterscheidet. Die islamistisch-konservative Partei verfolgt einen ausgesprochen pragmatischen Ansatz. Im Mittelpunkt stehen konkrete Verbesserungen für die arabische Bevölkerung Israels. Raam wurde 2021 unter ihrem Vorsitzenden Mansur Abbas Teil der Bennett-Lapid-Regierung. Raam war damit die erste arabische Partei, die Teil einer zionistischen Regierungskoalition wurde.Raam könnte für die Regierungsbildung nach der Wahl relevant werden. Für Eisenkot und seine möglichen Partner könnten die Mandate von Raam über die Frage entscheiden, ob sie eine Regierung bilden können oder nicht. Dabei wäre nicht zwingend eine formelle Regierungsbeteiligung notwendig. Möglich wäre auch eine Unterstützung von aussen, im Gegenzug für konkrete politische und finanzielle Zusagen. Eine solche Konstruktion ist nach dem 7. Oktober jedoch für weite Teile der jüdischen Bevölkerung kaum akzeptabel. Parteien wie Avigdor Liebermans Israel Beiteinu lehnen eine von arabischen Parteien abhängige Regierung grundsätzlich ab.8. Die Wahl verhandelt verschiedene Entwürfe der ZukunftDer Westen unterschätzt, wie wenig es über einen Politiker aussagt, wenn er gegen Netanyahu ist. Eisenkot, Bennett, Lapid und Lieberman können aus unterschiedlichen Gründen Netanyahu ablösen wollen. Daraus folgt noch lange kein gemeinsames Regierungsprogramm. Netanyahu ist inzwischen länger im Amt als der Staatsgründer David Ben Gurion. Die Wahl in diesem Herbst wird zu einem Wettbewerb zwischen Kontrahenten mit unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Liberalismus und Demokratie.Passend zum Artikel