Pro ArtikelEskalation im Handelsstreit: Trump benennt den Ontariosee in «Lake America» um – die Kanadier planen einen Gegenschlag in wichtigen Swing StatesDie USA wollen Kanada im Handelskonflikt mit ihrer Wirtschaftsmacht in die Knie zwingen. Doch die kanadischen Gegenzölle bergen für Trump politische Risiken – und könnten die Republikaner im Herbst entscheidende Senatssitze kosten.29.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPräsident Trump unterzeichnet im Oval Office eine Verordnung zur Umbenennung des Ontariosees in «Lake America».Imago/al Drago / ImagoIm Januar 2025 benannte Präsident Donald Trump den Golf von Mexiko mit einem Federstrich in «Gulf of America» um. Er unterschrieb im Oval Office eine Verordnung, die alle Bundesstellen anwies, in Karten und Dokumenten fortan nur noch die Bezeichnung «Gulf of America» zu nutzen. Darüber hinaus hatte der Beschluss allerdings keine rechtliche Wirkung, weshalb die meisten Länder und Medien den Golf von Mexiko weiterhin mit offiziellem Namen bezeichneten. An der Küste Floridas sprechen die Anwohner heute unverfänglich vom «Golf», wenn sie sich nicht politisch exponieren wollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grossteil des Wassers sei amerikanischAm Donnerstag folgte Trumps zweiter Streich. Erneut unterschrieb er im Oval Office eine präsidiale Verordnung, um seinem Land ein internationales Gewässer symbolisch einzuverleiben. Diesmal betrifft die Verordnung den Ontariosee an der Grenze zwischen Kanada und den USA. Nach dem Willen Trumps soll der kleinste und östlichste der fünf grossen Seen im amerikanischen Mittleren Westen künftig «Lake America» heissen. Der Schritt, so sagte Trump, mache die fünf grossen Seen noch grossartiger.«Die grossen Seen noch grossartiger machen»: Ein Poster illustriert Trumps Umbenennung des Ontariosees.Imago/al Drago / ImagoDie Landesgrenze zwischen den USA und Kanada führt mitten durch den Ontariosee, wobei 53 Prozent des Gewässers zum kanadischen Hoheitsgebiet gehören. Das Weisse Haus begründete die Umbenennung damit, dass die tiefsten Stellen des Sees auf der amerikanischen Seite lägen und damit auch der grössere Teil des Wassers amerikanisch sei. Trump verhehlte nicht, dass die Umtaufe auch eine Strafaktion gegen Kanada im Zollstreit ist. «Wenn mich die Leute fragen, welches Land sich beim Handel am schwierigsten aufführt, dann sage ich: Das ist einfach, Kanada!»Der Name Lake Ontario geht auf den indigenen Stamm der Huronen zurück und bedeutet «See der glitzernden Wasser». Die kanadische Provinz Ontario benannte sich bei ihrer Gründung 1867 nach dem indigenen Namen des Sees. Darauf spielte der kanadische Premierminister Mark Carney in seiner Reaktion an: Der Name des Ontariosees gehe viel weiter zurück als die Gründung Kanadas und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, sagte er. «Die Kanadier wissen: Die Realität zu benennen, heisst, den See Ontariosee zu nennen – damals, heute und für immer.»Politischer Vorteil für KanadaCarney hatte am letzten Wochenende die Handelsgespräche mit den USA platzen lassen, weil er amerikanische Forderungen wie jene nach einer Limitierung der kanadischen Aussenhandelspolitik nicht akzeptieren wollte. Darauf traten amerikanische Zölle auf kanadische Importprodukte im Umfang von 50 Prozent in Kraft, wobei die kanadische Regierung Gegenzölle von bis zu 50 Prozent ankündigte.Das Verhalten Kanadas dürfte Trump nicht nur verärgert, sondern auch überrascht haben. Denn Kanada ist wirtschaftlich viel stärker von den USA abhängig als umgekehrt. 2024 gingen etwa 14 Prozent aller amerikanischen Exporte nach Kanada, während die Importe aus Kanada 13 Prozent ausmachten. Kanada hingegen führte rund 70 Prozent seiner Exportprodukte in die USA aus und bezog rund die Hälfte seiner Importe aus dem südlichen Nachbarland.«Obwohl die USA wirtschaftlich am längeren Hebel sind, hat Kanada den Vorteil der politischen Einigkeit», schreibt Jacob Hensen, der bei der konservativen Denkfabrik American Action Forum in Washington für Handelspolitik zuständig ist. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung unterstützen den Kurs Carneys. In den USA hingegen lehnen in Umfragen rund 60 Prozent der Bevölkerung den Handelskonflikt mit Kanada ab.Im Gegensatz zu Carney leidet Trump derzeit unter einem Popularitätstief, wegen der steigenden Lebenshaltungskosten und des unbeliebten Iran-Kriegs steht er politisch ohnehin unter Druck. «Dieses politische Element könnte die Ausgangslage ausgleichen und die Trump-Administration zwingen, ihre Strategie zu überprüfen, vor allem wenn Kanada Schlüsselindustrien in wichtigen Gliedstaaten ins Visier nimmt», schreibt Hensen weiter.Umkämpfte Gliedstaaten im VisierGenau dies versucht die kanadische Regierung zu tun. «Wir wählen Produkte aus, die gewisse Gliedstaaten in den USA anvisieren», sagte die kanadische Industrieministerin Mélanie Joly am Dienstag. «Wir gehen strategisch vor, um politischen Druck auszuüben.» So zielen die Kanadier mit Zöllen auf Stahl und Aluminium, Werkzeuge und Autobestandteile auf industriell geprägte Gliedstaaten im Mittleren Westen wie Michigan, Indiana oder Ohio.Diese Staaten sind wirtschaftlich eng mit Kanada verflochten. Michigan verkauft ein Drittel seiner Exporte ins Nachbarland, und die Lieferketten der Autoindustrie bauen auf dem freien Warenverkehr zwischen Kanada und den USA auf. «Die Autoteile und Fahrzeuge überqueren die Landesgrenze oft mehrmals, weshalb sie nun von den Zöllen sogar mehrmals belastet zu werden drohen», sagte John Damoose, ein republikanischer Senator im Regionalparlament Michigans, gegenüber der BBC.In Michigan finden Anfang November heftig umkämpfte Senatswahlen statt. Und in Ohio muss der republikanische Amtsinhaber John Husted um seine Wiederwahl bangen. Für die Demokraten, die bei den Zwischenwahlen eine knappe Mehrheit im Senat in Washington zu erringen hoffen, kommt der Handelsstreit mit Kanada daher wie gerufen. Der demokratische Senatskandidat Abdul El-Sayed erklärte, Trump lasse den Handelskonflikt mit Kanada aus purer Eitelkeit eskalieren, was jede Familie in Michigan Tausende von Dollar pro Jahr kosten werde.Kehrtwende bei Zöllen auf FischDie kanadischen Zölle auf Milchprodukte im Allgemeinen und auf Cheddar-Käse im Speziellen setzen derweil die Landwirtschaft in Wisconsin unter Druck. In diesem Swing State wird im November zwar kein Senatssitz neu besetzt, doch nehmen die Demokraten hier wichtige Sitze fürs Abgeordnetenhaus ins Visier.Mit Zöllen auf Fischprodukte zielten die Kanadier ursprünglich auch auf die an Kanada grenzenden Gliedstaaten Maine und Alaska, wo die Republikaner ebenfalls je einen gefährdeten Senatssitz verteidigen müssen. Der Verkauf und die Verarbeitung von Hummer aus Maine oder Lachs aus Alaska sind ganz auf das grenzüberschreitende Geschäft ausgerichtet. Doch nach dem Protest der kanadischen Fischer nahm die Regierung in Ottawa die angekündigten Zölle auf Fischprodukte wieder zurück.In Maine zeigte sich die republikanische Senatorin Susan Collins erfreut über die kanadische Kehrtwende. Gleichzeitig markierte sie offen Distanz zu Trump. Denn die Gegenzölle Kanadas drohen auch andere Exportprodukte aus Maine wie Holz, Papier oder Heidelbeeren zu belasten. «Neue Zölle gegen Kanada sind ein Fehler», erklärte Collins, deren Wiederwahl im November gefährdet ist.Blick über den Ontariosee vom Hafen von Toronto: Der Name des Sees geht auf den indigenen Stamm der Huronen zurück.Keito Newman / APSolch offene Kritik an Trump aus den Reihen der Republikaner bleibt aber die grosse Ausnahme. Der Präsident selber scheint sich derweil nicht primär um die Zwischenwahlen zu sorgen. Als er den Ontariosee in «Lake America» umbenannte, bewegte er sich gedanklich in ganz anderen Dimensionen. «Wir haben nun einen Golf und einen See, nun brauchen wir nur noch einen Ozean», sinnierte er. Vielleicht werde er jetzt über einen neuen Namen für den Atlantik oder den Pazifik nachdenken – oder gleich für beide.Passend zum Artikel
Trump tauft Ontariosee um: Kanada plant Gegenschlag in amerikanischen Swing States
Die USA wollen Kanada im Handelskonflikt mit ihrer Wirtschaftsmacht in die Knie zwingen. Doch die kanadischen Gegenzölle bergen für Trump politische Risiken – und könnten die Republikaner im Herbst entscheidende Senatssitze kosten.










