GastkommentarPro ArtikelVeit V. Dengler und Tom TugendhatDen Spiess umdrehen – wie Europa im industriepolitischen Match gegen China wieder ausgleichen kannEuropa muss das Prinzip der «tiefen strategischen Reziprozität» anwenden und Chinas Marktzugang strikt an heimische Wertschöpfung koppeln.29.08.2026, 05.35 Uhr5 LeseminutenWer verstehen will, warum das industrielle Rückgrat des europäischen Kontinents derzeit bricht, sollte die Spurensuche nicht in den Vorstandsetagen in Stuttgart oder Paris beginnen, auch nicht in Brüssel. Er muss sich in der aufstrebenden Industriemetropole Hefei in der chinesischen Provinz Anhui umsehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den Werkshallen einer der neu errichteten «Lights out»-Fabriken für Elektrofahrzeuge bewegen sich im Halbdunkel hochpräzise Roboterarme mit hyperkalibrierter Geschmeidigkeit. Sie verschweissen Karosserieteile und setzen tonnenschwere Batteriepakete millimetergenau ein. Die Automatisierungsrate dieser Anlagen liegt bei über 90 Prozent. Sie laufen ohne Pause, ohne nennenswerten Bedarf an Heizung oder Beleuchtung und nahezu ohne menschliches Zutun.Vom ersten Entwurf auf dem digitalen Reissbrett bis zum fertigen Serienfahrzeug vergingen gerade einmal 21 Monate – weniger als die Hälfte der Zeit, die etablierte europäische Hersteller für denselben Prozess veranschlagen. Trotz modernster Softwarefunktionalität und blitzschnell ladenden Batteriesystemen liegt der Verkaufspreis in Europa nach Zöllen gut ein Drittel unter dem eines vergleichbaren europäischen Familienautos der Kompaktklasse.Komfortable Erzählung der Europäer ist zerschelltWährend dreier Jahrzehnte teilten Europas Entscheidungsträger eine komfortable Erzählung: Offener Welthandel, gepaart mit strengen heimischen Dekarbonisierungsvorgaben, würde den über ein Jahrhundert gewachsenen Vorsprung Europas in der Präzisionsmechanik erhalten. Chinas rasanter Aufstieg, so das Kalkül, würde dem Westen als riesiger Markt für heimische Premiummarken und als verlängerte Werkbank dienen.Diese Erzählung ist krachend an der neuen Realität zerschellt. Was Europa heute erlebt, ist kein vorübergehender konjunktureller Dämpfer. Es ist das Ergebnis einer fehlgeleiteten europäischen Regulierung. Hinzu kommt eine Industriestrategie Chinas, die Pekings Führung über Jahre hinweg mit Disziplin, Geduld und gigantischem Skaleneffekt exekutiert hat.China hat nicht einfach nur aufgeholt; es hat Europa übersprungen: durch die Zuteilung billigen Kapitals, den Aufbau dicht gewebter Zuliefernetzwerke, den strategischen Zugriff auf Lieferketten für kritische Rohstoffe, deutlich geringere Bürokratie und die Erarbeitung struktureller Energiepreisvorteile. China hat seinen Unternehmen Wettbewerbsvorteile geschaffen und sich so zur unbestrittenen Weltmacht der Elektromobilität und grüner Zukunftstechnologien aufgeschwungen.Zugleich haben chinesische Unternehmen diese vorteilhaften Rahmenbedingungen konsequent genutzt. Sie entwickeln dank geringerer Produktkomplexität und der Nutzung von künstlicher Intelligenz schneller und bieten selbst bei Einstiegsmodellen Funktionalitäten, die bei europäischen Premiumfahrzeugen nicht durchgängig angeboten werden.Was für Europa auf dem Spiel steht, ist enorm. Die Automobilindustrie ist hier nicht irgendein Industriezweig. Sie steht für mehr als sechs Prozent der EU-Beschäftigung, sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts und den Löwenanteil der industriellen Forschungs- und Handelsüberschüsse. Sie bildet das Rückgrat unserer Wertschöpfung. Dieses steht unter beispiellosem Druck und erodiert.Chinesische Hersteller erobern nicht nur Exportmärkte in den Schwellenländern Südostasiens, Lateinamerikas und Afrikas. Sie drängen auch mit Macht in die europäischen Verkaufsräume. In Grossbritannien und Norwegen haben chinesische Marken bereits einen Marktanteil von über 15 Prozent erreicht. Europäische Traditionskonzerne verlieren rapide an Boden.Geeinte Handelspolitik erforderlichEuropa droht zum Juniorpartner in einem Wirtschaftssystem zu werden, das es einst dominierte. Unternehmen und Arbeitskräfte müssen ihre Anstrengungen verstärken, das ist klar. Doch ohne eine Kehrtwende hin zu geeinter Handelspolitik und echter strategischer Gegenseitigkeit mit China wird das nicht gelingen, und Europa wird zum Montagewerk für fremdes geistiges Eigentum verkommen.Der chinesische Vorsprung beruht nämlich keineswegs nur auf billigen Löhnen, sondern auch auf systemischer Wettbewerbsfähigkeit. Das sieht man an Kapitalflüssen: China verzeichnet laut Daten des McKinsey Global Institute 25 Prozent aller weltweiten produktiven Investitionen, während auf Europa nur 10 Prozent kommen. Im Bereich Elektronik und Batteriezellen fliessen 53 Prozent des globalen Kapitals nach China, in der Maschinenindustrie sind es 63 Prozent.Diese beispiellose Kapitalkonzentration hat eine industrielle Clusterdichte geschaffen, von der europäische Standorte nur träumen können. Fahrzeughersteller in Städten wie Ningbo oder Hefei können bis zu 80 Prozent aller Komponenten – vom Leistungshalbleiter über Batteriemodule bis hin zu Kabelbäumen – im Umkreis von nur 50 Kilometern beschaffen. Das spart nicht nur Logistikkosten, sondern beschleunigt auch die Entwicklungszyklen und die Innovation.Dazu kommt der Strompreis. Der Wandel vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto verlagert den Energiebedarf zu Rohstoffverarbeitung und Chemie. Die Herstellung von synthetischem Graphit für Anoden erfordert Graphitierungsöfen, die tagelang bei über 2500 Grad Celsius laufen. Der Strom macht hier bis zu 40 Prozent der Kosten aus.China hat diese energieintensiven Branchen in Regionen wie der Inneren Mongolei und Xinjiang angesiedelt, wo Industriestrom mit rund 52 Euro pro Megawattstunde zu Buche schlägt. In Europa zahlt die Industrie zwischen 125 und 170 Euro. Dieser Unterschied wirkt wie eine Dauersondersteuer auf den europäischen Fertigungsstandort.Strafzölle reichen als Antwort nicht, chinesische Konzerne passen ihre Strategie an. Montagewerke in Ungarn, Serbien oder Marokko betreiben die Montage von Semi-Knocked-Down-Kits (SKD). Die hochwertigen Kernkomponenten wie Batteriezellen, Leistungselektronik und Software werden dabei weiterhin in China gefertigt, verschifft und vor Ort nur noch zusammengeschraubt. Der lokale Wertschöpfungsanteil liegt meist bei nur 10 bis 20 Prozent.Europas Zulieferer gehen leer aus. Forschung, Entwicklung und die Margen bleiben in chinesischer Hand. Europa droht die Rolle Chinas in den 1990er Jahren zu übernehmen: billige Erfüllungsgehilfen am Ende der Wertschöpfungskette. Europäische Lohnniveaus sind so nicht zu halten.Europas HausaufgabenWas ist der Ausweg? Sicherlich nicht ein Zurückschrauben des Freihandels oder blosse Schutzzölle. Europa muss von China lernen und das Prinzip der «tiefen strategischen Reziprozität» anwenden. Chinas Marktzugang muss strikt an echte heimische Wertschöpfung gekoppelt werden. Wer auf dem europäischen Markt Autos verkaufen will, muss nachweisen, dass mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung – inklusive Batteriezellfertigung und Software – im europäisch-britischen Wirtschaftsraum entstehen.Zudem braucht es verpflichtende Joint Ventures für ausländische Hersteller, die in Europa produzieren wollen – inklusive Technologietransfer und Einbindung lokaler Zulieferer. So hat es China vor dreissig Jahren vorgemacht, als es westliche Konzerne ins Land holte.Das alleine wird nicht reichen: Europa muss auch andere Hausaufgaben erledigen, vor allem international konkurrenzfähige Strompreise, weniger und schnellere Bürokratie und Investitionen in Technologien der nächsten Generation, wie Feststoffbatterien und Natrium-Ionen-Speicher.Aber nur ein koordinierter, mutiger Schulterschluss der EU und Grossbritanniens und eine Handelspolitik, die auf echter Reziprozität mit China beruht, können verhindern, dass das Herz unserer Wirtschaft vollends ausgehöhlt wird. Die Zeit des Zögerns ist abgelaufen.Veit V. Dengler ist Nationalrat in Österreich. Tom Tugendhat ist Mitglied des britischen Unterhauses und ehemaliger Sicherheitsminister.Passend zum Artikel