PfadnavigationHomeGeschichteZweiter Weltkrieg„Das wichtigste Ziel ist nicht die Einnahme Moskaus“, befahl HitlerStand: 09:17 UhrLesedauer: 6 MinutenAm 15. September 1941 schlossen die deutschen Panzerspitzen den Kessel von Kiew Quelle: picture alliance/akg-imagesDer Oberste Kriegsherr war sich sicher: „Meine Generäle verstehen nichts von Kriegswirtschaft.“ Also dirigierte Hitler im August 1941 die Panzerdivisionen, die Moskau einnehmen sollten, nach Süden. Die folgende Kesselschlacht von Kiew endete mit einem Pyrrhussieg.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDie Schärfe des allerhöchsten Befehls spiegelt die Heftigkeit des Streits, der im Hochsommer 1941 in der Führung der Wehrmacht tobte: „Der Vorschlag des Heeres für die Fortführung der Operation im Osten vom 18.8. stimmt mit meinen Absichten nicht überein. Ich befehle Folgendes: 1.) Das wichtigste, noch vor Einbruch des Winters zu erreichende Ziel ist nicht die Einnahme Moskaus, sondern die Wegnahme der Krim, des Industrie- und Kohlengebiets am Donez und die Abschnürung der russischen Ölzufuhr aus dem Kaukasusraum, im Norden die Abschließung Leningrads und die Vereinigung mit den Finnen.“ Damit schlug Adolf Hitler am 21. August 1941 alle Einwände seiner Generalität in den Wind, die in einer Denkschrift zuvor noch einmal ausführlich für einen Vormarsch auf Moskau plädiert hatte, und lenkte die deutschen Offensivkräfte nach Kiew.Noch heute argumentieren Historiker, dass durch das Abdrehen der Panzerdivisionen, die auf Moskau zurollten, der „entscheidende Angriffsschwung verloren“ ging (Andrew Roberts), um das politische und ökonomische Zentrum der Sowjetunion zu erobern. Das war ganz im Sinn Fedor von Bocks, des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Mitte: „Ich will das feindliche Heer zerschlagen, und die Masse dieses Heeres steht vor meiner Front.“ Die aber bewegte sich nicht auf die Krim, sondern auf Moskau zu.Hitler argumentierte dagegen mit den kriegswichtigen Ressourcen und der „Vernichtung der lebendigen Kraft des russischen Widerstandes“. „Meine Generäle verstehen nichts von Kriegswirtschaft“, erklärte er seinem konsternierten Panzergeneral Heinz Guderian am 23. August, der noch einmal für den Stoß auf Moskau geworben hatte. Stattdessen wurde dessen Panzergruppe nach Süden dirigiert.Dieses „Strategiedilemma“ und seine Folgen hat der Historiker Chris Helmecke jetzt in der Zeitschrift „Militärgeschichte“ zusammengefasst. Danach war die „Augustkrise“ die Konsequenz einer fehlerhaften „Gesamtstrategie“: „Es gab keine Planung, wie weiter verfahren werden sollte, falls die Masse der Roten Armee nicht wie vorgesehen westlich der Dnepr-Düna-Linie zerschlagen wurde.“ Denn bis dahin hatten die sowjetischen Truppen gezeigt, dass sich das Konzept des „Blitzkriegs“ in den Weiten des Ostens nicht umsetzen ließ. Das hatte viel mit der mangelhaften Ausrüstung der Wehrmacht zu tun. 1940, nach dem Sieg über Frankreich, glaubte die NS-Führung, mit der scheinbar ausgereiften Strategie das entscheidende Rezept für weitere Konflikte gefunden zu haben. Kurzzeitig wurde sogar die Panzerproduktion heruntergefahren. Als dann die Entscheidung für den Überfall auf die Sowjetunion fiel, konnten die motorisierten Verbände nur unzureichend ausgerüstet werden. Lesen Sie auchSo kam es, dass beim Start von „Unternehmen Barbarossa“ im Juni 1941 der Heeresgruppe Mitte zwei sogenannte Panzergruppen (Panzerarmeen) zugewiesen wurden, in denen die Masse der Panzer- und motorisierten Divisionen zusammengefasst waren und die die Speerspitze des deutschen Angriffs bildeten. Den Heeresgruppen Nord mit Ziel Leningrad und der Heeresgruppe Süd, die für die Eroberung der Ukraine und der Erdölfelder im Kaukasus zuständig war, wurde nur je einer dieser Großverbände zugewiesen. Entsprechend schwerer geriet deren Vormarsch gegen den sich versteifenden sowjetischen Widerstand.Lesen Sie auchDenn auch in dieser Hinsicht war die deutsche Führung von falschen Voraussetzungen ausgegangen. „Wir haben bei Kriegsbeginn mit etwa 200 feindlichen Divisionen gerechnet. Jetzt zählen wir bereits 360“, notierte der deutsche Generalstabschef Franz Halder. „Und wenn ein Dutzend davon zerschlagen wird, dann stellt der Russe ein neues Dutzend hin. Die Zeit dazu gewinnt er dadurch, dass er nahe an seinen Kraftquellen sitzt, während wir immer weiter von ihnen abrücken.“ Tatsächlich sollte die Rote Armee bis Ende 1941 über 600 Divisionen verfügen. Bis Ende Juli hatte Hitlers Ostheer dagegen bereits 213.301 Soldaten an Gefallenen, Verwundeten und Vermissten verloren, jedoch nur 47.000 Mann Ersatz erhalten.Überhaupt hatte die deutsche Führung die Probleme der Versorgung völlig unterschätzt. Die schlechten Straßenverhältnisse ruinierten Panzer und Lastwagen, zugleich erhöhten sie den Treibstoffverbrauch. Bis Ende Juli 1941 hatte das Ostheer ein Viertel seiner Transportkapazitäten verloren. Die Heeresgruppe Mitte benötigte 24 Züge mit Nachschub pro Tag, bekam davon aber nur die Hälfte. „Es ist ein Kampf im Dreck“, zitiert der britische Historiker Richard Overy einen Soldaten. Lesen Sie auchWas also trieb den Diktator an? Zum einen waren es wohl wirklich wirtschaftliche Erwägungen, die die Getreidefelder der Ukraine und die Ölquellen des Kaukasus zu herausragenden Zielen machten. Das passte zum einen zu Hitlers Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, in dem das Ringen um Ressourcen propagiert worden war, zum anderen zu seiner kruden Weltsicht, nach der im Osten Lebensraum erobert werden müsse. Schon in seiner „Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa“ vom 18. Dezember 1940 hatte er der „vollständigen Vernichtung der in der Ukraine stehenden russischen Kräfte noch westlich des Dnjepr“ Vorrang vor dem „schnellen Erreichen von Moskau“ gegeben. Hinter allem aber drängte den Diktator ein massives Misstrauen gegenüber seinen Generälen. Dies war sein Krieg, ein Vernichtungskrieg, der gegen Judentum und Bolschewismus geführt wurde. Wie ein Jahr zuvor, als er seine Panzerdivisionen vor Dünkirchen stoppte, um den Generälen ihre Grenzen und seine Macht vorzuführen, präsentierte sich Hitler im Sommer 1941 als militärischer und politischer Kopf des Unternehmens, der Einwände gegen seine Generallinie allenfalls noch zur Kenntnis nahm.Lesen Sie auchKurzfristig bescherte ihm sein Befehl den größten Sieg des Ostkrieges. Dabei half ihm unfreiwillig Stalin. Obwohl ihm sein Stabschef Georgi Schukow dringend geraten hatte, Kiew beizeiten aufzugeben und weiter im Osten eine Verteidigungslinie aufzubauen, hielt der sowjetische Diktator an seiner Überzeugung fest, dass Moskau das nächste Ziel der Wehrmacht sein werde. Daher verbot er seinen Generälen bei Todesstrafe jeglichen Rückzug hinter den Dnepr. Damit geriet die Südwest-Front von General Michail Kirponos – fünf Armeen mit etwa 850.000 Soldaten – in einen Kessel, den die Panzer Guderians und Ewald von Kleists am 15. September bei Lochwyzja, 200 Kilometer östlich von Kiew, schlossen. Nur wenigen sowjetischen Einheiten gelang der Ausbruch. Als die Kämpfe am 26. September zu Ende gingen, hatten mindestens 150.000 Rotarmisten ihr Leben verloren. 665.000 gerieten in Gefangenschaft.Doch die Eroberung Kiews und die inzwischen erfolgte Einschließung Leningrads konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutschen Verluste (etwa 100.000 Tote, Vermisste und Verwundete) die Kampfkraft der Wehrmacht erheblich geschwächt hatten. Denn das sowjetische Oberkommando, die Stawka, fand Zeit, während der Kesselschlacht die Verteidigung Moskaus zu verstärken, während der Wehrmacht die Zeit davonlief. „Ihre Kampfkraft war erheblich gesunken“, resümiert Chris Helmecke. „Die bisherigen Verluste in den ersten Monaten des Ostkrieges konnten nur in Bruchteilen ausgeglichen werden.“ Dafür setzte nach der Eroberung von Kiew die SS-Einsatzgruppe C den „Holocaust durch Kugeln“ in Gang. Unterstützt von Polizei, Wehrmacht und ukrainischen Milizen wurden am 29. und 30. September in der Schlucht von Babyn Jar fast 34.000 Juden erschossen.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.