Heimkehr zu den Anfängen: Anne-Sophie Mutter feiert ihr Bühnenjubiläum am Lucerne FestivalMit einem Konzert in Meggen begann vor fünfzig Jahren die Weltkarriere der berühmten Geigerin. Seither ist Anne-Sophie Mutter sich selbst und dem Lucerne Festival treu geblieben. Das Publikum dankt es ihr – sogar bei zeitgenössischer Musik.28.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSelbst die Geiger des Lucerne Festival Orchestra applaudieren ihr: Anne-Sophie Mutter bei ihrem Auftritt im KKL Luzern.Patrick Hürlimann /Lucerne FestivalWer weiss, wie viele Künstlerkarrieren schon an einer tückischen Falte im Teppich gescheitert sind. In der Laufbahn der Geigerin Anne-Sophie Mutter, die heute zu den wenigen Künstlern mit globaler Ausstrahlung im klassischen Musikbetrieb gehört, hätte eine derartige Falte um Haaresbreite einen fatalen Auftritt gehabt. Als die Dreizehnjährige 1976 ihr erstes Konzert an den damaligen Musikfestwochen in Luzern bestritt, hätte sich ihr in der St. Charles Hall in Meggen beinahe ein solches Biest in den Weg gelegt. Aber es kam zum Glück anders.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Kunde von dem dann doch mit Bravour absolvierten Debüt erreichte den allmächtigen Herbert von Karajan. Sie spielte dem Dirigenten kurz darauf vor – recht widerwillig, wie sie offen sagt, da sie sich keine Chancen ausrechnete –, er engagierte sie vom Fleck weg an die Salzburger Pfingstfestspiele, und der Rest ist Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte, die nunmehr fünf Jahrzehnte andauert – die Geigerin kehrt deshalb diesen Sommer gleich mehrmals an den Ursprung ihres internationalen Siegeszugs zurück. Die Statistik will es, dass die Auftritte in dieser und in der kommenden Woche zugleich Mutters 49. und 50. Konzert am Lucerne Festival sind.Traumwandeln mit MozartDie Verbundenheit mit der Schweiz und ihrem wichtigsten Musikfestival ist bemerkenswert, auch wenn die bei Rheinfelden aufgewachsene Geigerin bereits ihre Ausbildung in Winterthur erhielt. Eine solche Treue zu einer Institution – inzwischen über vier Intendantenwechsel hinweg – gibt es nur noch selten. Und so bietet man in Luzern jetzt das elitäre Festivalorchester auf, um das Bühnenjubiläum angemessen zu feiern. Anne-Sophie Mutter wiederum zeichnet mit ihrem Programm ein charmantes Selbstporträt mit autobiografischen Bezügen.So darf natürlich Mozarts A-Dur-Konzert KV 219 den Abend krönen – jenes Stück, das sie mit Karajan 1978 auf ihrer allerersten Platte verewigt hat. Viel ist über ihren seidigen, blühenden Geigenton, die Natürlichkeit des Ausdrucks und den Klassizismus der Aufnahme geschrieben worden – im Kern hat sich seither an dieser Interpretation kaum etwas verändert. Durchaus zum Leidwesen mancher Kritiker, die monieren, dass sich Mutter den stärkeren Gewürzen der historisch informierten Aufführungspraxis weitgehend verschliesse. Beim Konzert im KKL hört man nun aber, dass sich ihr Rollenverständnis gewandelt hat: Sie interagiert intensiver und flexibler mit den Musikern des Orchesters, begreift sich weniger als Starsolistin denn als Prima inter Pares.Das kommt noch mehr bei Mozarts 1. Violinkonzert KV 207 zum Tragen – ein sonst sträflich vernachlässigtes Werk, das zuletzt vor einem Vierteljahrhundert im KKL erklungen ist. Solistin schon damals: Anne-Sophie Mutter. Mit dem virtuos vertrackten Solopart trotzdem in Dialoge mit den musikalischen Partnern zu treten, ist eine Herausforderung – Mutter meistert sie souverän, auch wenn hier mehr Anstrengung hörbar wird als beim fast traumwandlerisch sicher beherrschten A-Dur-Konzert, dem Liebling aller Geiger.Kapriziöses CharakterbildAnne-Sophie Mutter hat sich seit einer Begegnung mit Paul Sacher in den 1980er Jahren mit gut zwei Dutzend Auftragswerken wie keine Zweite um die Fortschreibung des Geigenrepertoires verdient gemacht. Seit Anfang Jahr dokumentiert eine eigene CD-Edition, «ASM Forte Forward», diesen Schatz. Ein Beispiel ist das 2. Violinkonzert ihres früheren Ehemannes André Previn, das ein schwärmerisch-kapriziöses Charakterbild der Geigerin zeichnet. Ob sich in den stacheligen Interventionen eines Solo-Cembalos (Knut Johannessen) zwischen den Sätzen auch Previn selbst mit Kommentaren zu Wort meldet? Genaueres zu den offenbar sehr persönlichen Konnotationen verrät die Geigerin leider nicht.Noch eindringlicher wirkt das Solostück «Likoo», mit dem die Komponistin Aftab Darvishi an die Opfer des blutig unterdrückten «Woman, Life, Freedom movement» in Iran seit 2022 erinnert. Der rhapsodische Monolog, der musikalisch Brücken schlägt zwischen Ost und West, wird zu einem Moment des Innehaltens und zum stillen Höhepunkt des Auftritts im KKL. Das Publikum dankt mit Ovationen.Anne-Sophie Mutter am Lucerne Festival mit dem 2. Violinkonzert («Metamorphosen») von Krzysztof Penderecki: 4. September, 19 Uhr 30, KKL Luzern.Passend zum Artikel