InterviewDie Geigerin Anne-Sophie Mutter feiert in dieser Saison ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum und zugleich ihr fünfzigstes Konzert am Lucerne Festival. Das Besondere daran: Der erste Auftritt der damals Dreizehnjährigen in Luzern war die Initialzündung für ihre Weltkarriere.12.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Geigerin Anne-Sophie Mutter.Lucerne FestivalAnne-Sophie Mutter, welche Erinnerung haben Sie an Ihr folgenreiches Debüt am 23. August 1976 in der St. Charles Hall in Meggen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Global Warming ist ja ein Fakt, aber es war tatsächlich auch vor 50 Jahren wahnsinnig heiss in der St. Charles Hall. Und ich erinnere ich mich, dass ich beinahe über eine Falte im Teppich gefallen wäre und das Konzert fast nicht stattgefunden hätte… Ich weiss auch noch, dass ich nach getaner hitziger Arbeit relativ glücklich nach Hause gereist bin. Ein paar Tage später hielt mir mein Vater dann die «Süddeutsche Zeitung» unter die Nase, in der Karl-Heinz Ruppel einen ausführlichen Bericht über dieses Debüt-Konzert geschrieben hatte. Das war wohl recht ungewöhnlich, ich verstand nicht viel davon – ich war ja erst dreizehn. Aber mein Vater war gelernter Journalist. Und er behielt Recht: Kurz darauf ereilte mich die Einladung Herbert von Karajans, ihm in Berlin vorzuspielen.Sie waren davon anfangs nicht so begeistert?Ich habe mir keine grossen Chancen ausgerechnet und wollte mich zunächst rausreden. Vor allem wollte ich unbedingt in den Urlaub und habe das Karajans Privatsekretär auch so ausrichten lassen. Insgeheim habe ich sehr gehofft, dass man es vergisst. Ich wollte nämlich einfach schön weiterstudieren bei meiner geschätzten Lehrerin Aida Stucki, zu der ich zweimal die Woche von Südbaden aus mit dem Zug nach Winterthur gefahren bin. Ausserdem hatte ich recht früh, mit zehn oder elf, ein Gefühl dafür entwickelt, dass Musik in einer Gesellschaft sehr viel mehr sein sollte als nur die Aneinanderreihung von perfekt gespielten Tönen. Ich habe deshalb schon vor dem Luzerner Auftritt bei Benefizanlässen gespielt, vor Kindern, vor Krankenschwestern und so weiter.Sie wollten also schon als Jugendliche lieber selber über die Entwicklung Ihrer künstlerischen Laufbahn bestimmen?Ich war ein begeisterter Musikstudent, spielte bei jedem Auftritt so gut wie möglich und hatte auch menschlich eine sehr intensive Beziehung zu meiner Lehrerin. Alles war in Ordnung so, wie es war. Ich hatte keinerlei Ambitionen, die Welt zu bereisen oder – um Gottes Willen – Karajan vorzuspielen. Bloss nicht! Wer wird schon gern in Situationen hineinmanövriert, die ihn eigentlich überfordern oder beängstigen! Im Rückblick weiss ich heute natürlich: No risk, no fun. Just do it. Im Tun liegt auch die Freude am Entdecken. Und wenn man an einer Sache im Moment scheitert, heisst das ja nicht, dass man sie nicht morgen meistert oder daraus gelernt hat.Sie haben die Herausforderung dann doch angenommen und das Vorspiel in Berlin bravourös gemeistert. Wann wurde Ihnen klar, dass Ihnen an diesem 11. Dezember 1976 der ganz grosse Karrieresprung gelungen war?Karajan hatte eine Probe in der Philharmonie und danach angeblich nur wenig Zeit. Ich habe ihm dann aber doch einiges vorgespielt, unter anderem die gesamte, etwa zwanzigminütige d-Moll-Chaconne von Bach. Vielleicht ist Herr von Karajan eingeschlafen? Ich kann das nicht ausschliessen, habe nicht hingeschaut… Aber im Ernst: Da sassen auch einige Philharmoniker im Raum und meine Lehrerin. Und nachdem ich noch ein bisschen Mozart spielen durfte, wollte ich zügig nach Hause. Ich also runter von der Bühne, ins Künstlerzimmer, die Geige eingepackt – und wie ich zurück in den grossen Saal laufe, um meine Lehrerin zu holen, kommt mir Herr von Karajan entgegen und sagt, er würde sich sehr freuen, mit mir nächstes Jahr bei den Pfingstfestspielen in Salzburg zu musizieren.Ein Bilderbuch-Moment, wie ihn sich jeder Künstler erträumt – in der Realität dürfen ihn aber nur wenige erleben.Ich rechne es Karajan hoch an, dass er sich damals sofort entschieden hat. Es war eine seiner grossen Qualitäten, dass er ein echtes Interesse an der jungen Musikergeneration hatte. Und dass er sich mit seinem ganzen Renommee als weltberühmter Dirigent für den Nachwuchs eingesetzt hat. Ich wünschte mir, dass mehr Dirigenten heute das Mentoring so zu ihrer Aufgabe machen würden.War die frühe Erfahrung für Sie der Anstoss, sich selbst so umfassend in der Nachwuchsförderung zu engagieren?Es hatte immer mehrere Aspekte. Rein praktisch ging und geht es mir mit meinen Stiftungen darum, beispielsweise bei der Bereitstellung oder beim Kauf von geeigneten Instrumenten zu helfen – ein riesiges Problem, wie ich selbst am Beginn meiner Karriere erfahren musste. Oder auch darum, junge Musiker mit Komponisten zusammenzubringen. Bei mir war es Paul Sacher, der mich eines Tages mit der Partitur von Witold Lutosławskis «Chain 2» überraschte – das wurde dann meine allererste Uraufführung. Vor vierzig Jahren, am 31. Januar 1986 in Zürich. Es war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für die Musik unserer Zeit.Das heisst, beim Einsatz für den Künstlernachwuchs geht es nicht nur darum, Hürden aus dem Weg zu räumen und das musikalische Erbe weiterzugeben, sondern auch um eine Art «Schule fürs Leben»?Ein grosses Wort. . . Für mich ist die vorrangige Aufgabe von Mentoren, die Fülle an Möglichkeiten aufzuzeigen, die ein Leben inspirieren können. Junge Musiker brauchen jemanden, der aus einer etwas erfahreneren Perspektive Anregungen gibt – was daraus wird, kann niemand voraussehen, denn Gott sei Dank verläuft ja kein Leben gradlinig, schon gar nicht das eines Künstlers. Derzeit habe ich den Eindruck, dass die Breite des Musikerlebens ein wenig verlorengeht. Auch weil viele den Sirenenklängen von Social Media erliegen und meinen, dort omnipräsent sein zu müssen. Das ist immens zeitaufwendig. Umso wichtiger, dass jeder gelegentlich darüber nachdenkt, ob er ausserhalb des Hamsterrades genug vom Leben hat – und ob er umgekehrt auch genug für das Leben tut, vor allem für die Gemeinschaft.Glauben Sie, dass man mit Musik eine Gesellschaft besser machen kann?Vielleicht nicht im grossen Massstab. Aber manchmal ist es ganz einfach. Anfang Oktober werde ich in Zürich ein Benefizkonzert für eine Einrichtung geben, die Frühgeborene mit Musik in Berührung bringt. Man kann inzwischen medizinisch belegen, was für einen positiven Einfluss der Kontakt mit Klängen auf die Synapsenbildung und die Vernetzung der Gehirnareale haben kann. Ich bin absolut fasziniert von dieser messbaren Wirkung der Musik. Ich möchte das unterstützen. Auch wenn ich nicht behaupten will, dass Musik irgendetwas heilen kann. Aber sie hat sehr positive Konnotationen, ist in vielen Fällen viel billiger als ein Pharmaprodukt und hat keine Nebenwirkungen.Nachwirkungen hat sie hingegen schon: Sie haben selbst, ganz konkret, mit inzwischen drei Dutzend Uraufführungen an der Musikgeschichte mitgeschrieben. Zwei dieser Auftragswerke spielen Sie im Rahmen Ihrer Jubiläumskonzerte in Luzern. Darunter das 2. Violinkonzert von André Previn, das Ihr zweiter Ehemann für Sie komponiert hat.Das Stück hat eine signifikante Bedeutung in meinem Leben. Aber losgelöst von jeder persönlichen Verbindung ist es als Komposition hochspannend: mit seinem spielerischen Blick auf die Barockzeit, mit dieser wahnwitzigen Cembalo-Kadenz als Brücke in den zweiten Satz und den subtilen Anklängen an den Jazz. Es bringt eine Frische in den klassischen Kanon, die mir immer wichtig ist.Wenn Sie heute nach Luzern zurückkehren: Gibt es noch irgendeine innere Verbindung zu dem 13-jährigen Wunderkind Anne-Sophie Mutter von 1976?Vielleicht bin ich etwas reflektierter als vor 50 Jahren? Wer weiss. Ich glaube, ich habe mir meinen Idealismus bewahrt. In all den – auch dunklen – Momenten meines Lebens war und bin ich immer der Meinung, dass Gott mir nur so viel auflädt, wie ich tragen kann. Und es ist ein grosses Glück, dass mir in den 50 Jahren immer wieder wunderbare Menschen begegnet sind. Wenn ich selbst ein nützlicher Mensch sein kann für möglichst viele, dann macht mich das sehr froh. Darin liegt auch die Botschaft der Musik und meines Musizierens.Passend zum Artikel