Pro ArtikelSind wir schlecht vorbereitet auf die künstliche Intelligenz? Bill Gates warnt vor «der turbulentesten Zeit in der Menschheitsgeschichte»Der Microsoft-Gründer und Philanthrop fordert in einem Essay Jobs, die für Menschen reserviert bleiben. Und einen Plan für den Umgang mit KI. Doch dass sich die Welt darauf einigt, ist illusorisch.28.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBill Gates denkt fast ununterbrochen über künstliche Intelligenz nach, wie der amerikanische Milliardär in seinem jüngsten Essay schreibt. Denis Balibouse / ReutersDieses Mal sei es wirklich anders, schreibt Bill Gates und geht damit auf Konfrontationskurs mit denjenigen, die die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in eine Reihe stellen mit der Erfindung des PC oder des Internets. Die KI-Revolution werde eine der «turbulentesten Zeiten der Menschheitsgeschichte» bringen, schreibt der amerikanische Milliardär in einem 6000-Wörter-Essay, der am Mittwoch auf seiner Website veröffentlicht wurde. Gleichzeitig weist er warnend darauf hin, dass die Welt auf diesen Wandel schlecht vorbereitet sei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was die konkreten Konsequenzen sind, weiss auch Gates nicht klar einzuschätzen. Künstliche Intelligenz, so der Microsoft-Gründer, werde entweder zum mächtigsten Mittel zur Beseitigung von Ungerechtigkeit oder aber zur schlimmsten Quelle von Ungerechtigkeit.Gates kritisiert fehlenden PlanOb nun das Gute überwiegt oder das Schlechte: Die Welt müsse Wege finden, um die besonders verletzlichen Menschen vor negativen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz zu schützen. Obwohl dies eine «Top-Priorität» für die Welt sei, meint Gates, dass Politiker, Führungskräfte, Experten und gesellschaftliche Organisationen die Herausforderungen nicht angemessen angingen. «Es gibt keinen Plan, um den Eintritt in die KI-Ära abzufedern.»Ein grosser Teil seiner Sorgen betrifft die Zukunft der Arbeit. In seinem Essay spricht er vom Arbeiter mit einem Stundenlohn von zwanzig Dollar, der von einem Roboter ersetzt werde. Wie schmerzhaft die Anpassung an die neue Realität sein kann, hat Amerika mit dem China-Schock erlebt. Die Industrie geriet damals durch die chinesische Konkurrenz unter Druck. Vor allem im «Rust Belt», dem Rostgürtel Amerikas, verarmten breite Bevölkerungsschichten.Ob es allerdings tatsächlich so kommen wird, ist umstritten. Während nach dem Durchbruch von Chat GPT im Jahr 2022 gerade die Tech-Firmen vorschnell das Ende der Arbeit voraussagten, zeigen jüngere wissenschaftliche Studien, dass die Verbreitung von KI über einfache Chat-Funktionen hinaus hin zu echten Produktivitätsgewinnen deutlich langsamer vonstattengeht als zunächst vermutet. Damit hätten die Menschen etwas mehr Zeit für Anpassungen.Für Gates liegt der wesentliche Unterschied gegenüber früheren technologischen Durchbrüchen darin, dass die neue Technologie menschliches Denken ersetzen kann. Dies werde umso gravierender, je mehr KI in der Lage sei, nahezu fehlerfreie Arbeit zu liefern.Hier scheint allerdings eher der Informatiker zu sprechen als der Manager. Geht es rein um technische Prozesse, kann Arbeit fehlerhaft oder fehlerfrei sein. Häufig geht es am Ende aber darum, sich für die eine oder andere Lösung zu entscheiden, ohne dass es ein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt.«Naturreservate» für MenschenWeil Gates davon ausgeht, dass viele Jobs für immer verschwinden werden, möchte er einige Jobs für Menschen reservieren. «Human Reserved» nennt er diese Kategorie. Ihm gefalle dieser Ausdruck, schreibt Gates, er erinnere ihn an Naturreservate. Anderen mag diese Vorstellung weniger idyllisch erscheinen, hängen die Bewohner von Naturreservaten doch am guten Willen und finanziellen Tropf ihrer Beschützer.Bildungsexperten argumentieren häufig, dass Aus- und Weiterbildung sowie menschliche Kompetenzen der Schlüssel dafür seien, dass die Menschen ihren Platz in der Welt sichern könnten. Dann braucht es keine geschützte Werkstatt. Auch Gates gibt zu, dass er nicht wisse, wer entscheiden solle, welche Tätigkeiten für die Menschen reserviert bleiben sollten.Neu gedacht werden muss nach Gates auch, wie wir Arbeit und Kapital besteuern. «Ich glaube, dass wir KI-Tokens und Roboter besteuern sollten.» Kaufe man Roboter, könne man die Anschaffungskosten in der Regel sofort als Betriebsausgabe absetzen. Das Steuersystem begünstige damit den Ersatz von Menschen durch Maschinen.Ökonomisch ist eine Robotersteuer allerdings umstritten. Im Zweifelsfall ist es schwierig, zwischen einer Maschine zu unterscheiden, die steuerfrei schrauben darf, und einem Roboter, der besteuert würde. Nicht jeder Roboter hat Augen und Arme und ist dem Menschen nachempfunden.Am Ende sind KI und Roboter eine Form von Kapital; dieses hat seit je einen Preis. Sein grosser Vorteil gegenüber dem Menschen ist, dass es leichter vor hohen Steuersätzen flüchten kann. Diese Entwicklung könnte sich mit KI noch verstärken. Hier gilt es, eine gute Balance zu finden.Kriminelle gewinnen mit KI mehr MachtGefahren sieht Gates aber nicht nur für die Arbeit. KI mache es auch deutlich einfacher, Bomben, Biowaffen und Computerviren nicht nur zu bekommen, sondern sie auch einzusetzen. Spitäler, Wassersysteme, Stromnetze seien anfällig für Angriffe und müssten geschützt werden.Besorgt ist Gates auch mit Blick auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. «Das gleiche Instrument, das es Menschen erlaubt, mehr zu lernen als je zuvor, könnte auch dazu führen, dass viele Menschen weniger lernen.»«Die Welt braucht einen Plan», meint Gates deshalb. Dessen Entwicklung will er nicht den Tech-Firmen überlassen. In einer demokratischen Gesellschaft sei es nicht ihre Rolle, diese Dinge zu entscheiden, meint der Microsoft-Gründer. Ob die amerikanische Regierung willens und in der Lage ist, einen ausgewogenen und fairen Plan zu ersinnen, sei dahingestellt. Allerdings schwebt Gates ohnehin nicht nur eine amerikanische Lösung vor, sondern ein internationales Regelwerk für den Umgang mit künstlicher Intelligenz.Eine Einigung darauf ist in einer zerstrittenen und von Interessenkonflikten geprägten Welt allerdings illusorisch. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ausgangslage von widersprüchlichen Überzeugungen geprägt ist.Exemplarisch zeigt sich das in zwei Interviews, die Elon Musk und der Historiker Yuval Noah Harari unlängst dem «Economist» gegeben haben. Während Musk eine Ära des extremen materiellen Überflusses prognostiziert, kritisiert Harari diesen Optimismus als Schutzschild, der vor allem dazu diene, sich der Verantwortung zu entziehen. Euphorie und Endzeitstimmung – der Kampf ist nicht ausgefochten.Gates kommt in dieser Situation das Verdienst zu, sowohl den Nutzen wie die Risiken in den grossen Linien anzusprechen. In seiner besonderen Position ist er eine Stimme, die gehört wird.Passend zum Artikel