Bis zu 5,6 Milliarden Euro will die Schwarz-Gruppe bis zum Jahr 2033 in ein neues Rechenzentrum in der Nähe von Rostock investieren. Dort sollen sowohl die Entwicklung wie auch der Betrieb von Cloud- und KI-Lösungen nach deutschem Recht möglich werden. „Wir wollen, dass digitale Wertschöpfung wieder in Europa stattfindet. Der Ausfall kritischer Dienste ist heutzutage kein IT-Problem mehr, sondern betrifft die Versorgungssicherheit der Bürger“, sagte Schwarz-Vorstandschef Gerd Chrzanowski auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Manuela Schwesig. Die SPD-Ministerpräsidentin kämpft darum, nach den Landtagswahlen im September weiter Landeschefin zu bleiben – wenngleich der AfD-Kandidat Leif-Erik Holm in den Umfragen deutlich vorne liegt. Die Nachricht über eine Milliardeninvestition in eine Zukunftsbranche kommt der Politikerin entsprechend gelegen.Schwesig erwartet positiven Effekt auf den Strompreis„Unser Land wird in vielfacher Weise von dieser Investition profitieren“, stellte Schwesig in Aussicht und nannte als Beispiel die absehbaren Bauaufträge während der Bauzeit des Rechenzentrums, mehr digitale Unabhängigkeit und Cybersicherheit – aber auch einen positiven Effekt auf den Strompreis. Der Hintergrund: Mecklenburg-Vorpommern produziert in großen Mengen Windstrom. Bei geringer Nachfrage müssen mangels Kapazität im Übertragungsnetz immer wieder im großen Stil Windräder abgeregelt werden, wobei in dieser Zeit nicht nur die Erträge fehlen, sondern sogar Kosten entstehen. Genau diese kostentreibende Abriegelung entfällt, wenn es vor Ort entsprechend große Abnehmer für den Grünstrom gibt.Für Schwarz wiederum war erklärtermaßen die gute Anbindung des Rechenzentrums an die Versorgung mit grünem Strom ausschlaggebend für die Standortentscheidung. Der Netzbetreiber 50 Hertz habe den Anschluss an das 380-Kilovolt-Höchstspannungsnetz zugesagt, wurde während der Pressekonferenz betont. Damit wäre ein Baubeginn im nächsten Jahr möglich. In anderen Teilen Deutschlands, etwa in Frankfurt, müssen Rechenzentrenbetreiber bis zu zehn Jahre auf einen Netzanschluss warten.Stromverbrauch im Norden statt Warten auf Energietrassen„Wir haben in Deutschland gepatzt mit dem Ausbau der Energietrassen. Jetzt ist es einfacher, über Glasfaser Daten in den Süden zu bringen, als zu warten, bis dorthin Stromtrassen gebaut sind“, erklärte Bernie Wagner, Vertriebschef der Schwarz Digits KG, gegenüber der F.A.Z.Mit Blick auf den Klimaschutz ebenso wie auf zusätzliche Erlösquellen plant Schwarz auch eine Kooperation mit Rostock, damit die Abwärme des Rechenzentrums ins dortige Fernwärmenetz eingespeist werden kann. „Das wäre ein weiterer Schritt, um zu beweisen, dass Kreislaufwirtschaft funktioniert“, kommentierte die Ministerpräsidentin dieses Vorhaben. Die Kühlung der Server erfolge über einen geschlossenen Kreislauf. Anders als Rechenzentren älterer Bauarbeit seien daher keine großen Wassermengen nötig. Um ihr Grundwasser müssen sich die Menschen in der Region Rostock keine Sorgen machen, wurde auf Nachfrage betont.Schwarz braucht selbst große Rechenleistungen auch für LidlKerngeschäft des süddeutschen Konzerns ist traditionell der Einzelhandel (Lidl, Kaufland), aufgebaut aus kleinsten Anfängen vom heute 86 Jahre alten Patriarchen Dieter Schwarz. Mit einem Umsatz von knapp 190 Milliarden Euro, 14.500 Filialen und mehr als 600.000 Beschäftigten gehört Schwarz mittlerweile zu den größten Lebensmittelhändlern der Welt. Schon aus diesem Grund braucht das Unternehmen große Rechenleistungen. „Jede Nacht werden bei uns zwei Milliarden KI-Entscheidungen gefällt“, sagte Schwarz-Chef Gerd Chrzanowski im Gespräch mit der F.A.Z. Jedoch positioniert sich der Konzern zunehmend als „digital souveräne“ Alternative zu den amerikanischen Techriesen, vor allem für den öffentlichen Sektor und regulierte Branchen.Schwarz begibt sich damit in den Wettbewerb mit den sogenannten Hyperscalern. Die großen Tech-Konzerne in den Vereinigten Staaten betreiben Projekte im Gigawattbereich. Allein Metas Rechenzentrum in Louisiana soll perspektivisch eine Anschlussleistung von fünf Gigawatt besitzen. Zum Vergleich: Die Leistung aller Rechenzentren in Deutschland lag laut dem Branchenverband Bitkom im vergangenen Jahr bei 2980 Megawatt Anschlussleistung.Bisher betreibt Schwarz schon sieben RechenzentrenAktuell betreibt Schwarz sieben Rechenzentren. Ein weiteres entsteht in Lübbenau in Brandenburg, wo die Investitionssumme auf elf Milliarden Euro beziffert wurde. In Hamburg wird eines in einer vorhandenen Immobilie geplant („damit es schneller geht“). Außerdem werden drei Rechenzentren für den Benelux-Raum mit der niederländischen Telekommunikationsgesellschaft KPM entwickelt. Generell plant Schwarz die Rechenzentren „nach dem Zwiebelprinzip“: zuerst sollen die Kapazitäten für eigene Zwecke genutzt werden. Dann sollen zunehmend externe Kunden für das eigene Cloud-Angebot Stackit sowie für die Entwicklung und den Betrieb von IT-Lösungen Dritter gewonnen werden.Das Grundstück für das nun vorgestellte Projekt hat Schwarz in der Gemeinde Dummerstorf in der Nähe von Rostock erworben. Bis 2033 soll es über eine Kapazität von 240 Megawatt verfügen, bis 2045 könnte diese bei entsprechender Auslastung auf bis zu einem Gigawatt erweitert werden, sagte Chrzanowski: „Die Arbeit fängt jetzt an.“Über die reine Hardware hinaus will Schwarz mit Mecklenburg-Vorpommern die Verwaltungsdigitalisierung vorantreiben. Noch in diesem Jahr soll die von Mecklenburg-Vorpommern entwickelte digitale Baugenehmigung über die Schwarz-Cloud Stackit eingeführt werden. Die Digitalisierung im öffentlichen Bereich soll zudem mit Hilfe von Open Desk vorangetrieben werden, einer Microsoft-Office-Alternative mit offenem Quellcode, die vom bundeseigenen Zentrum für digitale Souveränität in Bochum vertrieben wird. Den Anfang beim Umstieg auf Open Desk soll der Schulbereich machen, kündigte die Ministerpräsidentin an.Schwesig: Mehr Unabhängigkeit, mehr Datensicherheit„Ziel der Landesregierung ist, dass wir unabhängiger von ausländischen Anbietern von Rechenzentren und Cloud- und KI-Anwendungen werden“, sagte Ministerpräsidentin Schwesig bei der Pressekonferenz: „Wir sehen die Investitionsentscheidung der Schwarz-Gruppe deshalb auch als Möglichkeit für mehr Unabhängigkeit und mehr Datensicherheit.“Das Bemühen um eine größere Resilienz Deutschlands und Europas hat Mecklenburg-Vorpommern in der jüngsten Zeit schon zwei weitere große Wirtschaftsprojekte beschert, beide in der Werft-Branche. Im Frühsommer hat der Netzbetreiber 50 Hertz nach jahrelanger Vorarbeit den ersten Auftrag für eine Konverterplattform an ein Unternehmenskonsortium aus der Neptun Werft und dem belgischen Technologiekonzern Smulders vergeben. Konverterplattformen werden als Umspannwerke für den in Offshore-Windparks produzierten Strom gebraucht. Erwartet werden Aufträge im Volumen von 2,5 Milliarden Euro.In Wismar wiederum baut der U-Boot-Spezialist TKMS aus Kiel seine Werft aus. Hier füllen gleich mehrere Großaufträge das Auftragsbuch auf mehrere Jahre. Während TKMS bis zu 1500 zusätzliche Arbeitsplätze in Aussicht stellt, werden mit dem Bau von Konverterplattformen auf der Neptun-Werft circa 500 Stellen entstehen. Für das Rechenzentrum geht Schwarz von dauerhaft 120 Beschäftigten aus.Mecklenburg-Vorpommern gilt als strukturschwaches Land, mit nur 1,5 Millionen Einwohner (weniger als die Stadt Hamburg) auf einer verhältnismäßig großen Fläche. Der Landeshaushalt hat ein jährliches Volumen von rund sechs Milliarden Euro.
Schwarz-Gruppe plant Rechenzentrum bei Rostock für 5,6 Mrd.
Milliardeninvestitionen sind selten in Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt plant die Handelsgruppe Schwarz dort ein riesiges Rechenzentrum. Dabei geht es auch um digitale Souveränität.










