Er befahl den Völkermord in Bosnien-Herzegowina: Jetzt ist der Kriegsverbrecher Ratko Mladic totEr sei zum Schutz Jugoslawiens und aller seiner Völker Offizier geworden, sagte Mladic vor dem Krieg. Danach wurde er zum Haupttäter des Genozids. Manche verehren ihn immer noch.Andreas Ernst27.08.2026, 16.13 Uhr4 LeseminutenAktualisiertGeneral Ratko Mladic im September 1994 mit Soldaten der bosnisch-serbischen Armee VRS.Radivoje Pavicic / APZum letzten Mal von Ratko Mladic hörte die Öffentlichkeit vor neun Jahren. Damals, im November 2017, wurde der Hauptverantwortliche für den Genozid von Srebrenica vom Haager Kriegsverbrechertribunal verurteilt. Danach verschwand Mladic im Westen aus dem Bewusstsein. In den vormals jugoslawischen Ländern wurde er zu einer Art Geist, zu einem Symbol für den serbischen Ultranationalismus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein Bild wird von Provokateuren auf Hauswände in Belgrad gesprayt und darauf von Aktivisten wieder übermalt. Ein paar Tage später ist es wieder da. Ob er überhaupt noch lebt, wussten diese Jugendlichen meist nicht. Jetzt ist Ratko Mladic tot. Er starb im Gefängnis mit 84 Jahren. Doch sein Tod spielt für das Symbol Mladic eigentlich keine Rolle.Schon während dem Prozess in Den Haag war der ehemalige General psychisch und physisch schwer angeschlagen. Bei der Urteilsverkündigung begann er laut zu schimpfen. Der Richter hatte den Antrag abgelehnt, die Verhandlung wegen eines Unwohlseins des Angeklagten zu verkürzen. Mladic wurde aus dem Saal geführt. Das Verfahren nahm seinen Lauf.Das Urteil zum Schluss, lebenslänglich, ruht auf einem Berg von Fakten. Für das Gericht stand fest, dass Mladic an vier «gemeinsamen kriminellen Unternehmungen» beteiligt gewesen war: der Vertreibung von Bosniaken und Kroaten aus verschiedenen Gebieten Bosnien-Herzegowinas, der Terrorisierung der eingekesselten und belagerten Stadt Sarajevo (1991–1995), der Ermordung von Tausenden von Männern und Knaben bei Srebrenica 1995 sowie der Geiselnahme von Uno-Personal im selben Jahr.Psychisch und physisch angeschlagen: Mladic vor Gericht in Den Haag.ReutersGenozid nach AnsageDie Massaker sind nicht einfach das Resultat einer Verrohung durch den Krieg. Dahinter stand eine Plan, den massgeblich Radovan Karadzic, der politische Anführer der bosnischen Serben, entworfen hatte. Am 12. Mai 1992 hatte General Mladic einen Auftritt im Parlament der bosnischen Serben.Als die Politiker ihn mit ihrer Absicht konfrontierten, ethnisch «reines» Territorien zu schaffen, sagte er: «Wir können nicht säubern, wir haben kein Sieb, so dass die Serben bleiben und die andern gehen. Das geht nicht. (. . .) Leute, das ist Genozid!» Zwei Wochen später waren die Hemmungen weg. Bei der Beschiessung Sarajevos befahl Mladic: «Zielt auf Velusici, zielt auf Pofalici, dort gibt es nur wenig Serben.»Der Hass auf andere Volksgruppen war Mladic nicht in die Wiege gelegt. Er wurde 1943 in eine Partisanen-Familie in Montenegro geboren. Sein Vater starb in einem der letzten Gefechte des Krieges. Mladic schlug eine Militärlaufbahn ein und machte eine brillante Karriere in der Jugoslawischen Volksarmee. 1991, der Zerfall des Landes hatte begonnen, wurde er nach Kroatien geschickt. «Ich diene Jugoslawien», sagte er damals. Die Armee müsse alle Nationen und Minderheiten des Landes beschützen. Wenig später griff der Krieg nach Bosnien über, und Mladic wurde Generalstabschef der neu gegründeten Armee der bosnischen Serben.Die erste Anklage des Haager Tribunals wurde 1995 kurz nach den Massenmorden bei Srebrenica erhoben. Das beunruhigte Mladic zunächst nicht. Nach Kriegsende setzte er sich nach Serbien ab und bewegte sich in Belgrad als freier Mann – wenn auch unter scharfer Bewachung. Als Milosevic 2001 vom Reformpolitiker Zoran Djindjic nach Den Haag ausgeliefert wurde, tauchte Mladic ab. Aber nur halbwegs. Im Geheimdienst und bei der Armee hatte er weiterhin ein grosses verlässliches Netzwerk, das ihn protegierte und finanzierte.Seine Helfer kamen erst 2006 unter Druck, nachdem die EU jede Annäherung Serbiens an die Kooperation mit Den Haag geknüpft hatte. Zunehmend auf die Familie und enge Freunde angewiesen, wurde es allmählich eng für Mladic. Dennoch sollte es bis 2011 dauern, bis er im Haus eines Verwandten in Nordserbien aufgespürt und festgenommen wurde.Mladic mit dem niederländischen Oberst Tom Karremans im Juli 1995 in Potocari. Die Passivität der Uno-Schutztruppen machte den Genozid in Srebrenica erst möglich.APLange von Serbien geschütztGegen elf seiner Fluchthelfer gab es zunächst Strafverfahren in Serbien. Alle bis auf einen wurden später freigesprochen. Die Anklageschrift blieb unter Verschluss, da sie dem «Ansehen des Landes» schädlich sein könnte. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass Mladic nicht nur vom «tiefen Staat», sondern lange auch von hochrangigen Politikern geschützt wurde.Zwar leugnet heute kaum mehr jemand, dass in Srebrenica schwere Verbrechen im Namen des serbischen Volkes begangen wurden. Dass es sich dabei um einen Genozid handle, wird von der Politik und dem grössten Teil der Öffentlichkeit aber weiterhin bestritten. Für einen kurzen Moment rüttelte 2005 ein Video das Land auf. Der Film zeigt, wie serbische Paramilitärs in der Nähe von Srebrenica eine Gruppe halbwüchsiger Burschen misshandeln, verhöhnen und dann kaltblütig erschiessen. Zaghaft kam eine Debatte in Gang. Doch sie ist längst wieder verstummt.Im Alltag der Menschen spielt der Krieg, der vor dreissig Jahren zu Ende ging, schon lange keine grosse Rolle mehr. Nur die Älteren können sich persönlich an die schlimmen 1990er-Jahre erinnern. Auch ist es ist in Europa nicht mehr der Balkan, wo die wirklich gefährlichen Nationalisten ihre Erfolge feiern. Aber dass Ratko Mladic nach drei Jahrzehnten als Symbol weiter existiert, zeigt, dass die Entgiftung der serbischen Öffentlichkeit noch immer nicht gelungen ist.Eine bosniakische Mutter an den Gräbern ihrer zwei Söhne, die von Mladics Truppen im Juli 1995 umgebracht wurden.Dado Ruvic / ReutersPassend zum Artikel