InterviewDer Kronzeuge im Meta-Prozess mahnt: «Instagram ist ein Dienst, der Fremde in die Schlafzimmer unserer Kinder einlädt, in der Nacht»Der ehemalige Facebook-Mitarbeiter Arturo Béjar ordnet den Vergleich ein, in dem sich Meta zu mehr Jugendschutz verpflichtet. Er fordert weitergehende Massnahmen und greift die Führung an: Die Erfahrung habe gezeigt, dass Mark Zuckerbergs Beteuerungen bedeutungslos seien.27.08.2026, 15.31 Uhr5 LeseminutenDer Whistleblower Arturo Béjar verlässt das Gericht nach seiner Zeugenaussage. Oakland, Kalifornien, USA, 19. August 2026.Manuel Orbegozo / ReutersArturo Béjar ist eine der Schlüsselfiguren in der Klagewelle gegen den Instagram-Konzern Meta. Er leitete von 2009 bis 2015 bei Facebook das Team für Schutz und Integrität, das sich unter anderem mit Anti-Mobbing-Tools und dem Schutz Minderjähriger befasste. Später kehrte er als Berater für Instagram zurück, angetrieben von den persönlichen Erfahrungen seiner Tochter, die auf der Plattform wiederholt mit sexueller Belästigung konfrontiert worden war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Béjars zentrale Bedeutung in dem Prozess und den Ermittlungen gegen Meta liegt in seiner Doppelrolle als Insider und Betroffener. Im Prozess fungierte er als Kronzeuge, weil er belegen konnte, dass er persönlich die Führung von Meta um Mark Zuckerberg über die schädlichen Auswirkungen der Plattformen auf Jugendliche unterrichtet hatte.Frage: Arturo Béjar, Meta fährt den Kindesschutz hoch und bezahlt amerikanischen Gliedstaaten nun bis zu 18 Milliarden Dollar, um Schäden abzugelten. Sind Sie zufrieden?Antwort: Der Vergleich ist ein wichtiger Meilenstein. Doch dank ihm wird Instagram nicht sicherer für junge Menschen. Eltern und Behörden sollten die Einigung also nicht als Signal für eine Entwarnung missverstehen.Frage: Was fehlt noch?Antwort: Auf den ersten Blick verpflichtet die vorgeschlagene Anordnung Meta dazu, sinnvolle Schutzmassnahmen umzusetzen. Doch bei genauerer Betrachtung stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich etwas verlangt, das sich wesentlich von dem unterscheidet, was Meta bereits zu tun behauptet. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Mark Zuckerbergs Entschuldigungen so bedeutungslos sind wie seine Beteuerungen, sich «nach besten Kräften» zu bemühen. In der Vergangenheit haben unabhängige Überprüfungen gezeigt, dass Sicherheitsfunktionen zwar vorhanden, aber aufgrund ihrer Gestaltung und anderer Eigenschaften wirkungslos sind.Antwort: Dazu kommt: Die Vereinbarung akzeptiert offenbar Metas eigene Messung der Schäden. Dabei hat Meta immer wieder interne Studien unterdrückt, die zeigen, dass Metas Messsysteme das wahre Ausmass von Schäden um mindestens das Hundertfache unterschätzen.Frage: Was fordern Sie konkret?Antwort: Es braucht eine externe Kontrolle über die Wirksamkeit der Schutzmassnahmen. Das heisst: Es muss unabhängig gemessen werden, welche Schäden junge Menschen tatsächlich erleben. Letztlich muss Meta für Ergebnisse in die Pflicht genommen werden, nicht für blosse Bemühungen. Ich hoffe, dass das Gericht die gerichtliche Anordnung vor der Genehmigung noch abändern kann. Geschieht dies nicht, droht die Vereinbarung lediglich einen Grossteil jener Sicherheitsinszenierungen zu zementieren, die Meta in den letzten Jahren betrieben hat.Frage: Können Sie konkret werden: Welche Massnahmen fordern Sie?Antwort: Safety by Design, also ein Produkt, das die Sicherheit von Jugendlichen ins Zentrum stellt.Frage: Wie könnte das auf einer Plattform wie Instagram aussehen?Antwort: Instagram ist eine Plattform, die Jugendliche mit Fremden verbindet. Das ist gefährlich. Wir haben herausgefunden, dass bei manchen Jugendlichen 90 Prozent der unerwünschten sexuellen Annäherungsversuche nicht stattgefunden hätten, wenn es kein Instagram gäbe. Instagram ist ein Dienst, der Fremde in die Schlafzimmer unserer Kinder einlädt, in der Nacht. Will man ein sicheres Produkt für Kinder schaffen, muss es sich vermehrt um echte Kontakte drehen. Wir brauchen ein Produkt, das Fremde als Fremde behandelt.Frage: Das ist in den Instagram-Teen-Accounts grösstenteils umgesetzt. Welche anderen Änderungen braucht es zusätzlich?Antwort: Die Plattform darf nicht zum zwanghaften Gebrauch verleiten. Jugendliche sollen keine unendliche Scroll-Funktion haben, keine Algorithmen, die ihre Interessen vermessen, keine Storys, die nach kurzer Zeit verschwinden und ihnen damit das Gefühl geben, sie verpassten etwas. Weiter darf es auch keine Popularitätszähler geben, also keine Likes, keine Views, keine Streaks. Stellen Sie sich vor, Sie sind 13 und kommen in eine neue Schule. Dort hat jedes Kind einen Badge auf der Brust, der anzeigt, wie viele Personen es anschauen. So etwas macht enorm Druck auf die Jugendlichen. Sie überlegen, ob sie auch Fotos von sich posten sollen, in denen sie weniger Kleider anhaben, um mehr Views und Likes zu erhalten. Instagram ist voll von schädlichen Anreizen.Frage: Einige dieser Massnahmen hat Meta nun versprochen: eine Zeitbeschränkung von zwei Stunden, einen Nachtmodus, keine Beauty-Filter, kein Autoplay. Es bleibt dennoch fraglich, ob das den Jugendlichen hilft. Schliesslich wurde nie wissenschaftlich belegt, dass soziale Netzwerke dem Wohlbefinden von Jugendlichen insgesamt mehr schaden als nützen.Antwort: Ein Produkt wie Instagram verursacht Schäden. Ich habe mit über vierzig Eltern gesprochen, deren Kinder sich das Leben genommen haben. Innerhalb der Plattform gibt es Suizidverherrlichung, es gibt Inszenierungen von Essstörungen, Frauenhass. Das müsste nicht sein. Wir müssen uns fragen: Wie minimieren wir den Schaden?Frage: Lässt sich der Schaden tatsächlich verhindern? Es gibt wohl immer Kinder, die andere piesacken, online wie auch offline.Antwort: Wir haben Mobbing über Jahre beobachtet, und es stimmt, man kann es nicht verhindern. Aber Online-Mobbing ist für viele Kinder noch schlimmer als jenes auf dem Pausenplatz. Wenn betroffene Kinder allein am Smartphone sind, wenn sie die schmerzenden Inhalte sehen, haben sie niemanden, der ihnen bei der Regulation ihrer Gefühle hilft. Die Hilfsfunktionen von Meta sind ungenügend. Wer Mobbing erlebt, soll zu einer Person gehen, der er vertraut. Dennoch wären viele Mobbingfälle weniger schmerzhaft, wenn das Produkt so aufgebaut wäre, dass die Sicherheit der Kinder im Zentrum stünde.Frage: Welche Gesetze halten Sie für notwendig?Antwort: Wir befinden uns in einer Krise der öffentlichen Gesundheit. Die Firmen müssen zu mehr Transparenz gezwungen werden. Es braucht einen regelmässigen Report über die Schäden, die das Produkt verursacht. Bei den Finanzzahlen klappt das auch. Zu Gewinn und Umsatz gibt es alle drei Monate ausführliche Berichte. Es gibt keinen Grund, solche Berichte nicht auch für das Wohlergehen der Nutzer zu erstellen – und zwar extern geprüft.Frage: Wie realistisch sind Ihre Forderungen?Antwort: Ich glaube, wir gehen in eine gute Richtung. Mehrere Länder diskutieren ein höheres Mindestalter. Verbote für Jugendliche sind wünschenswert, weil sie das Problem mit dem sozialen Druck lösen: Die Kinder wollen auf die Plattform, weil dort alle ihre Freunde sind.Frage: Aber Verbote haben auch negative Effekte. Und sie nehmen den Jugendlichen einen Weg, sich auszudrücken und Teil unserer Gesellschaft zu sein.Antwort: Wir könnten sagen: Wir erhöhen das Mindestalter so lange, bis wir wissen, dass die Produkte sicher sind für Kinder. Wir müssen das Produkt verstehen. Soziale Netzwerke lösen ähnlich wie Alkohol oder Zigaretten Dopamin-Kicks aus.Frage: Allerdings gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens zur Frage, ob die Netzwerke eine Sucht auslösen.Antwort: Viele Kinder haben abstruse Nutzungszeiten. Die viele Online-Zeit entfernt sie von ihren Freunden und von Familienmitgliedern. Ich würde sagen, eine Nutzungszeit von 45 Minuten oder einer Stunde pro Tag reicht. Die Art und Weise, wie Kinder zu diesen Produkten stehen, muss sich verändern.Frage: Gibt es Plattformen, die den Kinderschutz besser hinbekommen haben?Antwort: Ich hoffe es. Aber ich hatte zu wenig Zeit, um kleinere Plattformen anzuschauen. Ich glaube daran, dass Technologie Menschen verbinden kann. Ich habe dreissig Jahre meines Lebens daran gearbeitet. Aber dafür braucht es Plattformen, die vom Prinzip Safety by Design ausgehen.Frage: Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie im Herbst 2023 als Whistleblower an die Öffentlichkeit getreten sind?Antwort: Es ändert alles: wie ich auf mein Leben schaue und darauf, was ich getan habe. Und es verändert auch das Verhalten der Leute, mit denen ich interagiere.Frage: Fühlen Sie Schuld, oder bereuen Sie etwas?Antwort: Die Leute, mit denen ich bei Meta direkt zusammengearbeitet habe, hatten gute Absichten und einen ethischen Kompass. Ich habe mit meiner eigenen Arbeit Frieden geschlossen. Gleichzeitig stimmt es, dass die Firma, für die ich lange gearbeitet habe, Schäden verursacht hat. Ein Teil von mir fühlt Schuld. Heute arbeite ich daran, das Produkt zu verbessern.Passend zum Artikel
Der Whistleblower Arturo Béjar zweifelt an Metas Schutzversprechen: «Instagram ist nicht sicherer geworden»
Der ehemalige Facebook-Mitarbeiter Arturo Béjar ordnet den Vergleich ein, in dem sich Meta zu mehr Jugendschutz verpflichtet. Er fordert weitergehende Massnahmen und greift die Führung an: Die Erfahrung habe gezeigt, dass Mark Zuckerbergs Beteuerungen bedeutungslos seien.













