Der Beschluss kam schnell und hätte für die Naturschützer in Oberfranken kaum besser ausfallen können. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hat in einer Eilentscheidung den Bebauungsplan für die beiden sogenannten Frankenwaldbrücken ausgesetzt. Damit liegt das wohl umstrittenste touristische Großprojekt Oberfrankens bis auf Weiteres auf Eis. Die endgültige Entscheidung in dem Streit fällt der VGH erst in der Hauptverhandlung, ihr Termin steht bisher nicht fest.Beim Bund Naturschutz (BN), der mit einer privaten Initiative gegen das Großprojekt im Landkreis Hof klagt, sind sie gleichwohl überaus zufrieden. „Der Beschluss ist ein großer Erfolg“, sagt Uli Scharfenberg vom örtlichen BN. „Zumal der VGH allen unseren Argumenten ja weitgehend gefolgt ist und seine Entscheidung unanfechtbar ist.“SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Die Frankenwaldbrücken oder Höllentalbrücken, wie sie auch genannt werden, beschäftigen die Region seit mehr als neun Jahren. Mit den beiden Fußgängerhängebrücken – eine davon soll mehr als 1000 Meter lang sein – soll einmal das Höllental bei Lichtenberg überspannt werden. Das ist das größte und aus Sicht von Umweltschützern wertvollste Naturschutzgebiet in der Region. In ihm leben viele seltene und streng geschützte Arten, die Wildkatze zum Beispiel, der Fischotter, der Eisvogel oder die Schlingnatter und die Zauneidechse.Von den Hängebrücken, zu denen auch ein großes Besucherzentrum gehören wird, versprechen sich der Landkreis und insbesondere die Kommunen Lichtenberg und Issigau einen touristischen Schub in der bisher eher stillen Region im Nordostzipfel Bayerns. Die Rede ist von 400 000 Besuchern pro Jahr in der ersten Zeit, danach soll sich der Andrang den Prognosen zufolge auf etwa 200 000 Besucher im Jahr einpendeln.Genau das ist der Punkt, an dem die Kritik der Naturschützer ansetzt. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen ein touristisches Leuchtturmprojekt hier bei uns in der Gegend“, sagt der BN-Mann Scharfenberg. „Aber die Höllentalbrücken würden so viele Besucher anlocken, dass das Naturschutzgebiet dort konterkariert würde.“ In einer aktuellen Stellungnahme spricht der BN davon, dass man sich viel zu schnell und völlig einseitig auf das Höllental als Standort der Hängebrücken konzentriert habe, statt auch andere naturschutzfachlich nicht so anspruchsvolle Seitentäler in der Region dafür in Betracht zu ziehen. Zudem sei das bisherige Besucherlenkungskonzept ungenügend.Oberfranken:Eine Brücke übers HöllentalDie Stadt Lichtenberg möchte mit einem spektakulären Bauwerk Touristen anlockenFür den aktuellen Eilentscheid des VGH gaben freilich formale Aspekte den Ausschlag. So moniert das Gericht Formfehler bei der Gründung und in der Satzung des Planungsverbands, der als Projektträger Planung und Bau der Höllentalbrücken vorantreibt. Aus Sicht des VGH fehlt deshalb bisher schlicht und einfach der Planungsträger für das Vorhaben. Das ist aber nicht alles. Selbst wenn dieser Mangel behoben werde, hat der Planungsverband aus Sicht des VGH seine Kompetenz überschritten. Der Grund: Er hat für das Projekt Flächen eingeplant, auf die er keinen Zugriff hat.Auch die naturschutzfachliche Kritik an dem Projekt wiegt nach Überzeugung des VGH schwer. Allerdings ist diese so komplex und so massiv, allein schon wegen der Größe des Planungsgebiets von fast 20 Hektar, dass sie sich in der Kürze der Zeit nicht abschließend beurteilen lasse. Deshalb werde man über sie erst im Hauptsacheverfahren entscheiden, sagt der VGH.Im nördlichen Oberfranken selbst sind die beiden Brücken gleichwohl nicht so umstritten, wie deren heikle Dimension es vermuten lassen könnte. Als entschiedenster Fürsprecher des Projekts tritt Oliver Bär in Erscheinung, der CSU-Landrat im Kreis Hof. Der erzielte bei der vergangenen Kommunalwahl, bei der die geplanten Brücken ein maßgebliches Thema waren, mit 75 Prozent der Stimmen sogar ein bayernweit herausragendes Ergebnis – zumal Hof bis 2014, bis zur erstmaligen Wahl von Bär, als dezidiert „roter“, also SPD-dominierter Landkreis galt.Auch in Bürgerentscheiden zuvor hatten die beteiligten Kommunen klar für den Bau der Hängebrücken votiert. Im September 2018 stimmten in der Kleinstadt Lichtenberg 64,5 Prozent der Abstimmenden für das Projekt. Zwei Monate zuvor bereits hatte sich die Gemeinde Issigau mit deutlicher Mehrheit dafür ausgesprochen. Das größere der beiden Bauwerke wurde anfangs „als weltweit längste Fußgänger-Hängebrücke“ angepriesen, diese Formulierung findet sich jetzt auch im VGH-Urteil. Seither sind mehrere vergleichbare Brücken in Planung oder bereits fertiggestellt worden. Dass die Hängebrücken – sollten sie tatsächlich gebaut werden – am Ende mindestens zu den längsten ihrer Art zählen würden, daran besteht freilich kein Zweifel.Nachdem die geschätzten Kosten für die geplanten Brücken immer weiter angestiegen waren, hatte sich der Kreistag 2024 veranlasst gesehen, ein weiteres Mal über den Bau abzustimmen – sieben Jahre nach Beginn der Planungen. Anfangs war das Projekt auf zwölf Millionen Euro geschätzt worden, später war von 22 Millionen die Rede, inzwischen sollen mindestens 42, eher 45 Millionen notwendig werden.Die beteiligten Kommunen hatten sich bei Bürgerentscheiden für den Bau der geplanten Brücken ausgesprochen. sbp schlaich bergermann partners (Visualisierung aus dem Jahr 2019)Auch in dieser entscheidenden Sitzung witterte die CSU eine Großchance, ein „Imageprojekt“. Die Grünen wetterten gegen ein drohendes „Millionengrab“. Sie schütteln den Kopf darüber, dass in ein Tal, das für Ruhe und Naturschönheit bekannt ist, künftig Hunderttausende gelockt werden sollen, die dann dafür sorgen könnten, dass es mit der Ruhe zu Ende gehen dürfte – und womöglich, zumindest in den Augen der Skeptiker, auch mit der Naturschönheit.Die Befürworter wiederum hoffen auf Aufmerksamkeit und Zulauf direkt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in einer infrastrukturell nicht privilegierten Region. Und das durch ein von der Staatsregierung großzügig bezuschusstes Bauwerk. In der Sitzung behielten sie die Mehrheit: 38 Kreisräte stimmten für, 20 gegen den superlativischen Bau.Nach dem vorläufigen Stopp hat sich Landrat Bär nun ein Bild zurechtgelegt, mit dem er Anfragen pariert: „Wenn man mit einem Fahrzeug unterwegs zu großen Zielen ist, wird man manchmal zur Wartung gerufen.“ Es werde nun geprüft und „gegebenenfalls verbessert“.Zumal das Gericht „insbesondere formale Fragen aufgeworfen“ habe. In Kreisen der Befürworter sehen sie das als eher positives Zeichen. So könne man jetzt, sagt einer, „proaktiv nachbessern“ – zumal die politischen Mehrheiten, um rasch zu reagieren, nach der Kommunalwahl klar vorhanden seien. „Ich bin weiterhin optimistisch“, sagt Kristan von Waldenfels, CSU-Landtagsabgeordneter und dezidierter Befürworter der Brücken. Er ist als Bürgermeister von Lichtenberg auch Vorsitzender des Planungsverbands.
Frankenwald: Gericht stoppt geplante Rekord-Hängebrücken durchs Höllental
Eine der weltweit längsten Fußgänger-Hängebrücken soll am Nordostzipfel Bayerns gebaut werden. Nach einem Eilentscheid liegt das superlativische Projekt aber nun auf Eis.






