Beschäftigte im Einzelhandel sollen 2026 und 2027 Lohnerhöhungen von insgesamt gut fünf Prozent erhalten. Darauf haben sich die Gewerkschaft Verdi und die Arbeitgeber in ihren Tarifverhandlungen in Nordrhein-Westfalen am späten Mittwochabend verständigt. Die Einigung in dem großen Bezirk könnte ein Durchbruch zu einer bundesweiten Lösung des Tarifkonflikts in der Branche mit insgesamt rund drei Millionen Beschäftigten sein. „Ich gehe davon aus, dass dieses Ergebnis die Grundlage für weitere Abschlüsse in den anderen bundesweit 15 Tarifgebieten des Einzelhandels ist“, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer.Stärkere Tariferhöhungen sieht die Einigung in Nordrhein-Westfalen für einfache Tätigkeiten in den unteren Lohngruppen vor. Für sie soll es von Mai 2027 an mindestens 14,90 Euro je Stunde geben. Das sind rund zehn Prozent mehr, als es die unterste Entgeltgruppe nach dem Tarifabschluss von 2024 bisher vorsah. Sie lag zuletzt bei 13,52 Euro je Stunde. Allerdings war sie durch die deutliche Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns Anfang 2026 außer Kraft gesetzt worden. Dieser beträgt seither 13,90 Euro und steigt 2027 auf 14,60 Euro.„Schmerzhafter Kompromiss“ mit langer LaufzeitDavon abgesehen, sollen die Tarifentgelte im NRW-Einzelhandel mit Wirkung von August 2026 an um drei Prozent steigen und im Mai 2027 um weitere zwei Prozent. Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber in NRW, Christopher Ranft, sprach von einem „herausfordernden, schmerzhaften Kompromiss“. Dafür verschaffe die vereinbarte Vertragslaufzeit von 25 Monaten den Betrieben über einen längeren Zeitraum Planungssicherheit. Der Tarifgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Steven Haarke, sieht in dem Ergebnis ein Signal "tarifpolitischer Handlungsfähigkeit". Noch am Tag zuvor hatte es nicht so ausgesehen, die Tarifverhandlungen im Bezirk Hessen waren gescheitert.Der höhere gesetzliche Mindestlohn treibt zugleich auch die gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung weiter an. Das legen neue Zahlen des Statistischen Bundesamts nahe. Sie weisen aus, dass Löhne im unteren Verdienstbereich zuletzt mehr als doppelt so stark gestiegen sind wie im oberen. Zugleich eilt der Lohnanstieg auch im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt dem Anstieg der Wirtschaftsleistung voraus.6,7 Prozent mehr im unteren Lohnbereich, 3,3 Prozent mehr im oberenWie das Bundesamt am Donnerstag mitteilte, lag das Lohnniveau aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres um 3,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Für Beschäftigte im unteren Fünftel der Lohnskala gab es hingegen ein Plus von 6,7 Prozent. Das oberste Fünftel der Beschäftigten bekam im Durchschnitt nur 3,3 Prozent mehr. Die Bundesregierung hatte den gesetzlichen Mindestlohn zum 1. Januar, entsprechend den Beschlüssen der Mindestlohnkommission von 2025, um 8,4 Prozent auf 13,90 Euro erhöht. Die Anhebung auf 14,60 Euro mit dem kommenden Jahreswechsel bedeutet ein weiteres Plus von fünf Prozent.Zugleich steigen den aktuellen Daten Auswertung zufolge die Löhne von Teilzeitbeschäftigten stärker als die von Vollzeitbeschäftigten. Für alle Beschäftigten weist die Statistik mit plus 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal einen um 0,2 Punkte stärkeren Lohnanstieg aus als für Vollzeitkräfte.Real, also nach Abzug der Teuerung, belief sich der gesamtwirtschaftliche Lohnzuwachs den Berechnungen zufolge auf 1,5 Prozent zum zweiten Quartal 2025. Die gesamtwirtschaftliche Leistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), war im zweiten Quartal real um 0,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Für das erste Quartal hatten die Statistiker noch ein Reallohnplus von 1,8 Prozent im Vorjahresvergleich ermittelt. Dass sich der Lohnanstieg seit Jahresbeginn preisbereinigt verlangsamt hat, liegt daran, dass die Teuerungsrate von 2,2 Prozent im ersten Quartal auf 2,5 Prozent im zweiten angezogen hat.