Anlässlich der bevorstehenden Klausur der Bundesregierung schlägt der Einzelhandelsverband HDE Alarm: „Die Lage ist dramatisch.“ Aufgrund diverser Krisen komme die Verbraucherstimmung seit Jahren nicht in Schwung. „Das hinterlässt tiefe Spuren in der Branche und in den Innenstädten“, teilte der Verband am Montag mit, um die Politik vor neuen Belastungen und der Abschaffung der Minijobs zu warnen.Adressat der Botschaft ist auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, mit der sich der HDE respektive die regionalen Arbeitgebergliederungen seit Monaten über eine Erhöhung der Entgelte für die gut drei Millionen Beschäftigten auseinandersetzen.Beim ersten Verhandlungstermin nach der Sommerpause wollten die Tarifpartner am Montagabend in Hessen einen Kompromiss finden und den „Knackpunkt“ vom Tisch räumen: die Höhe des Einstieglohns in einer Branche, die ihren häufig angelernten Beschäftigten relativ wenig zahlt. Verdi fordert sieben Prozent mehr Verdi fordert eine Erhöhung der Tarifeinkommen um sieben Prozent und dabei einen Stundenlohn von mindestens 14,90 Euro. Die Begründung dafür liefert der gesetzliche Mindestlohn, der von 12,82 Euro in diesem Jahr auf 13,90 und im kommenden Jahr auf 14,60 Euro steigt.2226Euro brutto verdient eine Vollzeitkraft auf Basis des Mindestlohns.Die Arbeitgeber argumentieren dagegen. Obwohl der tarifliche Einstiegslohn stellenweise unter der gesetzlichen Untergrenze liege, zahle man selbstverständlich den gesetzlichen Mindestlohn. Dazu komme Urlaubs- und Weihnachtsgeld, womit sich ein tarifliches Einstiegsgehalt ergebe, „das sogar schon heute sehr deutlich über dem erst ab 1. Januar 2027 geltenden 14,60 Euro brutto pro Arbeitsstunde liegt“.Bereits vor drei Monaten haben die Arbeitgeber ein Angebot vorgelegt: Im ersten Jahr würden demnach die Tarifentgelte nach sechs Nullmonaten um zwei Prozent, im zweiten Tarifjahr nach nochmals drei Nullmonaten um 1,5 Prozent steigen. Beide Werte bleiben unter der erwarteten Preissteigerungsrate und sind für Verdi inakzeptabel. Sechs Prozent mehr im Großhandel Im Handel arbeiten hierzulande gut fünf Millionen Menschen, davon etwas mehr als drei Millionen im Einzelhandel. Die vergangenen Tarifverhandlungen zogen sich 2022/2023 über mehr als ein Jahr hin. Am Ende verständigten sich die Tarifparteien auf ein Einkommensplus von insgesamt etwa 14 Prozent über eine bemerkenswert lange Laufzeit des Tarifvertrags von drei Jahren.Im Groß- und Außenhandel gab es bereits vor einigen Wochen eine Verständigung: Von diesem August an steigen die Einkommen um 2,9 Prozent, ab Mai 2027 erhalten die Beschäftigten weitere 2,1 Prozent mehr Geld. Der neue Tarif ist 24 Monate gültig.Die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel sind speziell. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten ist mit rund zwei Dritteln extrem hoch; dazu zählt die Branche 800.000 Minijobber. Nach Angaben von Verdi verdient eine Vollzeitkraft derzeit 2198 Euro brutto im Monat, wenn der Einstiegstariflohn zugrundegelegt wird. Auf Basis des gesetzlichen Mindestlohns von 13,90 Euro seien es 2266 Euro.„90 Prozent aller Kolleginnen und Kollegen im Einzelhandel sind nach 45 Berufsjahren von Altersarmut bedroht“, beklagt Verdi-Vorstandsmitglied Silke Zimmer seit Langem die besondere Situation. Die Durchsetzungsmacht der Gewerkschaft ist begrenzt: Im Mai und Juni beteiligten sich jeweils ein paar Tausend Beschäftigte an Warnstreiks bei Edeka, Rewe, Kaufland und Penny, Douglas, Zara, H&M, Metro und Ikea. „Die Geschäfte laufen wie gewohnt weiter“, ließen die Proteste den HDE kalt.Falls wider Erwarten in dieser Woche kein Tarifabschluss erreicht werde, wolle man die Streiks intensivieren, kündigte Gewerkschafterin Zimmer an. Die Auswirkungen solcher Aussagen auf die Kompromissbereitschaft der Arbeitgeber sind gering. Der HDE hat jedoch Interesse an halbwegs attraktiven Arbeitsbedingungen. Aktuell überdeckt die Wirtschaftskrise den Arbeitskräftemangel, der aufgrund der Demografie bald wieder stärker bemerkbar wird.Auch deshalb zahle die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) ihrer Belegschaft einen Stundenlohn von 15 Euro, wie Verdi herausstellt. Bei Aldi bewege sich der Lohn in ähnlicher Größenordnung. Dennoch gehen die Arbeitgeber mit der Forderung einer „Kompensation“ in die entscheidende Phase der Verhandlungen: Wenn 2027 der Branchenmindestlohn auf 14,90 Euro steige und damit 30 Cent über dem gesetzlichen Mindestlohn läge, bräuchten die Unternehmen einen Ausgleich.Verdi weist das zurück: Für eine Kompensation fehle die Grundlage, da die Arbeitgeber ja sowieso 14,60 Euro gesetzlichen Mindestlohn zahlen müssten, die finanzielle Belastung sich also nicht aufgrund des Tarifvertrags ergebe. Das gilt indes nicht für die 30 Cent oder 2,1 Prozent, um die der von der Gewerkschaft geforderte Einstiegslohn über dem Mindestlohn liegt. Für diesen Betrag suchen die Tarifparteien am Montag eine Lösung.
Streit um Mindestlohn im Einzelhandel: Tarif für drei Millionen Beschäftigte gesucht
Arbeitgeber und Verdi stehen vor einem Kompromiss: Der Mindestlohn könnte 2027 auf 14,90 Euro steigen und damit die gesetzliche Untergrenze leicht übertreffen.






